Wenn Menschen ihre Kinder bestrafen

In Österreich wird seit einigen Tagen ein Mann an den medialen Pranger gestellt, der seine zweijährige Tochter zu “Disziplinierungszwecken” unter heißes Wasser gehalten hat. Das Mädchen hat offenbar schwere Verbrühungen davongetragen.

Das ist furchtbar. Punkt.

Doch was geschieht seitdem in der öffentlichen Diskussion? Der Mann wird verteufelt. Als Extremfall dargestellt. Und zwar so, dass jeder sich ein bisschen gut fühlen kann. Weil man zwar vielleicht schon für Konsequenzen ist, vielleicht sogar für Strafe, aber solch eine Abscheulichkeit niemals gutheißen könnte. “Eingsperrt g’hört er”, sagt der geneigte Boulevard-Leser.

Und ja, ich gehe davon aus, dass sich ein Staatsanwalt mit der Sache befassen wird. Auch wenn ich da Laie bin.

Doch warum geschieht so etwas? Wie kommt jemand überhaupt auf die Idee, seinem Kind Schmerzen zuzufügen, damit es tut, was dieser Jemand möchte? Und ist das wirklich ein Einzelfall?

Zwei Gedanken dazu (die die Wirklichkeit sicher nur teiweise abbilden – ich weiß).

Strafe

Strafe (unabhängig von Art oder Intensität) ist noch immer fest in den Köpfen der Menschen als Methode der Erziehung verankert.

Manche Erwachsene haben als Kind Strafe am eigenen Leib erfahren. Wurden von ihren Eltern mit diversen Sanktionen belegt (Liebesentzug, Wenn-Dann-Spielchen) oder gar geschlagen. Der Phantasie sei keine Grenze gesetzt. Ganz logisch irgendwie, dass später dann, im Erwachsenenalter, nicht wenige zu dem Schluss kommen, dass das eigentlich ganz gut funktioniert hat, und das man das ja auch so machen könnte. Nach dem Motto: “Aus mir is jo a wos g’wuadn” (aus mir ist ja auch was geworden).

So weit nichts Neues, oder?

Und jetzt gehen Sie einmal in eine Buchhandlung. Gehen Sie in die Abteilung “Elternratgeber”. Suchen sie sich ein paar Bücher raus. Blättern Sie sie durch. Finden Sie die Wortfolge “Heißes Wasser”? Nein? Gut so. Aber wie steht es mit dem Wörtchen “Auszeit”? Oder mit dem Euphemismus “Konsequenz”?

Fakt ist: Strafe ist nicht nur noch immer in den Köpfen der Menschen, sie wird auch nach wie vor dort als Mittel der Wahl eingepflanzt. Nicht mehr so offensichtlich wie früher, sie wird auch nicht unbedingt so genannt – aber das ändert nichts an der Sache. Wenn Sie jetzt mit einem gewaltigen “Aber Auszeit/Konsequenz ist doch nicht …” aufschreien wollen, dann warten Sie auf meine Literaturempfehlung.

Elternschaft

Für jeden noch so stumpfsinnigen Job wird man geschult. Es gibt Einführungen, Training on the Job, Fortbildungen, Lehrgänge, Studiengänge, alles.

Nur für die Elternschaft gibt es … Genau! Nichts. Ein paar Broschüren vielleicht, die einem ein Ministerium zuschickt. Aber sonst: Fehlanzeige.

Es wird einem auch nicht gesagt, in welche emotionalen Ausnahmezustände man als Mutter oder Vater gerät. Welche Belastungen man ertragen muss. Schlafentzug, Geschrei, Ungeduld. Ständig, ohne Hoffnung auf Pause.

Seltsam, oder? Bei der wichtigsten Tätigkeit der Welt wird angenommen, dass die Leute das ganz alleine hinkriegen. Dass ihr Bauchgefühl sie schon irgendwie leiten wird. Oder wenigstens, dass sie sich aus der zahlreichen Literatur das “Richtige” herauspicken werden.

Aber wie soll das funktionieren? Woher sollen werdende Eltern wissen, wie ein Kind tickt? Woher sollen sie wissen, dass die Trotzphase, von der alle (auch AutorInnen von Elternratgebern und viele, viele Internetseiten) sprechen, keine “Trotzphase”, sondern eine extrem wichtige Phase der Trennung und Abgrenzung ist? Wie sollen sie wissen, dass man schon mal nachgeben darf, auch wenn 9 aus 10 Internetquellen von “Konsequenz” reden? Woher sollen sie wissen, was falsch und was richtig ist?

Und ja, es gibt “falsch” und “richtig”. Das wird dem einen oder anderen vielleicht nicht gefallen, das ist mir klar. Wissenschaftlich belegter Fakt ist: Strafe in der Kindererziehung ist falsch. Sie ist nicht nur moralisch verwerflich, sie nützt nicht mal was. Sie bringt nichts Gutes hervor, weder kurz- noch langfristig. Sie vergiftet nur die Beziehung zwischen Elternteil und Kind. Sie schickt das Kind auf eine Bahn, von der es sich als Erwachsener nur mit Mühe befreien wird können. Sie schafft Leid.

Abschließend die erwähnte Empfehlung: Bitte lesen Sie das Buch Unconditional Parenting: Moving from Rewards and Punishments to Love and Reason (Atria Books, 2005) von Alfie Kohn. Sie werden es nicht bereuen (ich erhalte kein Geld für diese Werbung).

Ihr Lapideus

Meinen, glauben, wissen

Eine Unterscheidung, die ich für sehr wichtig halte, und die ich mir in vielem, zu dem ich eine Meinung habe, immer wieder vor Augen führen muss, ist diese:

Das Fürwahrhalten, oder die subjektive Gültigkeit des Urteils, in Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein mit Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben. Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen. Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die objektive, Gewißheit (für jedermann).

Immanuel Kant: “Kritik der reinen Vernunft”

Ich glaube (!), wir alle sollten diesem Zitat mehr Beachtung schenken.

Ihr Lapideus

 

I wü

I wü so vü, so vü wü i,
i pack’s nimma, wie vü i wü.
I mecht a Auto oda zwa,
a großes Haus, des mecht i a.
A Frau, an Hund, a gscheides Kind,
an Post’n, dea a Knedl bringt.
Mei Weinfassl, des waa nie laa,
mei Pnö hätt imma zwa, drei bar.
Und denk’n tat i nimmamehr,
weu des mocht des Leb’n schwer.

I glaub, heit wü i nua mehr schlof’n,
auf muagn kann ma imma hoff’n.
Vielleicht foit ma dann wos Neiches ein,
weu des Woll’n, des muass jo sein.

Der eitle Veganer

Variationen des Satzes “Vegan, des is der Trend do der neiche, oda?” sind mir in letzer Zeit nicht unhäufig untergekommen. Ich muss zugeben, dass der erste Impuls, der zumindest mich durchzuckte, ein eitler war. Wer wagte es, eine Sache, die mich in den letzten zwei Jahren intensiv beschäftigt und – ja – definiert hatte, und die mir und vielen anderen wirklich wichtig war, als bloßen Trend abzutun?

Der Impuls flitzte in mir herum, hob meine Herzfrequenz um ein paar Schläge pro Minute, versandete dann aber doch noch irgendwann im Meer der Befindlichkeiten – zum Glück. An die Stelle des Impulses trat die Vernunft.

Sie sagte: “Sei nicht deppert. Es ist gut, wenn Veganismus eine Zeit lang zum Trend wird. Auch wenn sein Dasein als Trend einigen Menschen die Möglichkeit bieten wird, ihn sogar noch mehr herabzuwürdigen, als sie es vorher schon getan haben. Auch, dass Trends immer von geringer Dauer sind und die Welt noch nie wesentlich verändert haben, tut nichts zur Sache.

Auf den steten Tropfen kommt es an! Und auch ein Trend ist solch ein Tropfen. Er kann bewirken, dass das Thema Tierethik und die Organisationen, die sich damit beschäftigen, wieder ein Stück weit ins öffentliche Interesse rücken. Es könnte sogar sein, dass dank dieses Trends ein paar Tiere (sei es aufgrund der geringeren Nachfrage oder der vermehrten Berichterstattung) plötzlich unter etwas besseren Bedingungen oder wenigstens ein paar Tage länger leben dürfen. Und – egoistische Gedanken müssen erlaubt sein – ein paar neue vegane Produkte werden ganz sicher auch dabei herausschauen.

Was aber am allerwichtigsten ist: Veganismus als Trend wird bei einigen Menschen Großes bewirken. Sie werden sich Bücher zum Thema Veganismus kaufen. Sie werden erkennen, dass es dabei um mehr geht, als nur um einen niedrigen Blutdruck und weniger Cholesterin im Körper. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes über den Tellerrand blicken. Und sie werden ihr Leben vielleicht grundlegend ändern. Ergo: Es lebe der Trend!”

So sprach die Vernunft. Ich mag sie.

Ihr Lapideus

Setzen wir uns zusammen

In Zeiten der politischen Aufruhr, in Zeiten des Krieges, in Zeiten der Unsicherheit ist doch nichts schöner, als einen Artikel zu lesen, der sich nicht im Geringsten mit Aufruhr, Krieg oder Unsicherheit beschäftigt.

Willkommen in diesem Artikel.

Es geht darum, sich zusammen zu reißen. Will sagen zusammenzureißen. Ich spiele Oberlehrer, das, was auf Twitter so verpönt ist. Ich möchte auf etwas hinweisen, das mir unendlich auf den Sack geht: Auf Fehler bei der Getrennt- oder Zusammenschreibung von Wörtern nämlich.

Es ist zu beobachten, dass es hier Defizite gibt – und das nicht nur bei Gelegenheitsschreiberlingen wie TwitterantInnen oder PrivatbloggerInnen. Auch bei professionellen AutorenInnen ist mir der eine oder andere Fauxpas aufgefallen. Selbst in (qualitativ minderwertigen, zugegeben) Kinderbüchern scheint der Stift das eine oder andere Mal entglitten zu sein.

Ich möchte hier aber nur auf jene Fehler eingehen, die mir wirklich oft über den Weg laufen. Und das sind solche bei der Zusammen-/Getrenntschreibung von Adverbien respektive Partikeln und Verben. Nämlich dann, wenn dem Schreibenden nicht klar ist, ob es sich nun um ein eigenständiges Adverb handelt oder um eine Partikel (ja, weiblich).

Wo liegt der Unterschied?

Einfach gesagt in der Betonung. Nehmen wir das Wort “zusammensetzen”. Wenn wir mit jemand anderem ein bisschen plauschen möchten, dann sagen wir zu ihm: “Wir sollten uns zusammensetzen.” Wenn Sie diesen Satz laut aussprechen, dann wird Ihnen auffallen, dass die Betonung auf “zusammen” liegt – auf der zweiten Silbe.

Hier spielt “zusammen” die Rolle einer Partikel, nicht die eines eigenständigen Adverbs.

Die andere Variante lautet: “Wir sollten uns zusammen setzen!” Die Betonung liegt ganz klar auf “setzen” und die Bedeutung ist eine völlig andere.

Was in weiterer Folge auch oft passiert, ist, dass getrennt geschrieben wird, wenn ein “zu” hineinrutscht.

Nehmen wir als Beispiel das Wort “zuvorkommen”. Wieder sieht man, dass “zuvorkommen” und “zuvor kommen” in Betonung und Bedeutung unterschiedlich sind. Es ist auch klar, dass meistens das Wort “zuvorkommen” im Sinne von “etwas erreichen, bevor es ein anderer tut” benutzt wird (oder werden sollte).

Trotzdem gibt es Autoren, die “zuvor zu kommen” schreiben, statt “zuvorzukommen”. Und das ist definitiv falsch.

Ich bitte Sie also, öfter mal zusammenzuschreiben. Sie können natürlich auch zusammen schreiben, wenn Sie zu zweit, zu dritt oder zu zehnt sind.

Wenn Sie mehr Informationen zu dem Thema haben möchten, empfehle ich erneut die Seite canoonet. Im speziellen Fall die Seite über Zusammen- und Getrenntschreibung bei Verben. Und nein, ich bekomme kein Geld von denen. Auch gut ist natürlich das Buch “Richtiges und gutes Deutsch” von Duden.

Ihr Lapideus

 

Verzicht unmöglich

Wir können nicht mehr verzichten. Haben es verlernt. Wir möchten nehmen, wir möchten haben. Am besten alles und das sofort.

Man könnte auch sagen, wir haften an. Und alles, was gekauft werden kann, haftet sich an uns an, sobald wir es sehen.

Eigentlich nicht weiter schlimm. Es mangelt an nichts, alles fliegt zu, es braucht nur ein paar kleine Scheine oder Metallplättchen und zack – schon ist es da. Hedonismus ist nicht nur ein Wort, er ist unsere Realität.

Auch das wäre nicht weiter schlimm, würde es niemandem schaden.

Und hier fängt die Sache an, unangenehm zu werden. Da schaltet das Hirn ab, es wird erkennbar, dass das Wollen in uns große Macht besitzt. Das Wollen scheint nämlich untrennbar mit dem Verdrängen verbunden zu sein – wer viel will, dessen Fähigkeit dazu steigt ins Unermessliche.

Wir wollen Fleisch essen, also verdrängen wir das Morden. Wir wollen mobil sein, also verdrängen wir, dass wir die Atmosphäre verpesten. Wir wollen, dass alles billig ist, also verdrängen wir die unmenschlichen Produktionsbedingungen. Wir wollen es einfach haben, also benutzen wir Unmengen von Plastik und verdrängen die Schadstoffe darin und den Müll, der daraus entsteht.

Allein uns ändern, das wollen wir nicht.

Und das ist schade, denn die Änderung unserer Gewohnheiten ist die einzige Chance, die einzige Möglichkeit, zu einem gemeinsamen Nenner zu finden. Die einzige Möglichkeit, eine Balance zwischen unseren Bedürfnissen und denen des Rests der Welt zu erreichen.

Ihr Lapideus

Max und Jonas

Max und Jonas waren Kumpel.
Echte Freunde, nicht zu trennen.
Alles machten sie zu zweit,
spielen und um die Wette rennen,
Klaras kleinen Dackel jagen,
blind was am Geräusch erkennen,
hundert dumme Dinge nennen
oder vielleicht mehr.

Eines Tages, es war Frühling,
sagte Max zu Jonas: “Du,
ich glaub ich hab die Klara gern.
Denn mir geht’s schlecht,
ist sie mir fern.
Und wenn sie nah ist,
bin ich froh
und glücklich immerzu.
Sag mir Jonas: Wen magst du?

Jonas, flüsternd: “Ich mag dich, Max.
Wollte es dir immer sagen.
Lieb dich eine Ewigkeit,
hör mein Herz schon lange klagen,
hab den Mut doch nie gefunden,
Angst war mir ein Stein im Magen.
Kannst du was ich sag ertragen
oder vielleicht mehr?

Max ging schweigend aus dem Zimmer,
Jonas blieb allein zurück.
Er hatte Max so schrecklich gern,
Denn ihm ging’s schlecht,
war er ihm fern.
Und wenn Max nah war,
war er froh
und glücklich immerzu.
Sein Herz fragte: Wen magst du?

Jonas zeigte, wie er fühlte,
wollte sich nicht mehr belügen.
Einer sprach: “Gott wird dich strafen,
Sünde nennt sich solch Vergnügen.”
Einer sprach: “Du wirst nie Vater,
dafür kannst du nie genügen.
Musst dich unsren Normen fügen
oder vielleicht mehr.”

Jonas weinte sehr.
Oder vielleicht mehr.

Tage später, es war Abend,
Max bat Jonas, sich zu setzen.
Sagte: “Jonas, bitte glaub mir,
wollte niemals dich verletzen.
Hör nicht drauf was andre sagen,
lass sie sticheln, lass sie hetzen.
Lass dir nicht dein Herz zerfetzen
oder vielleicht mehr.”

Max nahm Jonas’ Hand in seine,
sah ihn an und sagte dann:
“Ich habe dich so schrecklich gern,
denn mir geht’s schlecht,
bist du mir fern.
Und wenn du nah bist,
bin ich froh
und glücklich immerzu.
Der, den ich mag, bist du!”

Das Ende der Höflichkeit

In letzter Zeit ist mir eine Frage immer wieder über den Weg gelaufen. Sie lautet: In welcher Intensität will ich meine Meinung äußern? Oder anders gesagt: Wie unhöflich und überheblich gestatte ich mir zu sein?

Ich bin ja von Natur aus ein eher freundliches Bürschchen. Man könnte fast meinen, ich wäre harmoniebedürftig. Und ja: Ich habe es gern, wenn alle lieb zueinander sind.

Selbst wenn eine Diskussion im Gange ist, und ich Teil ebenjener bin, dann entlockt man mir nicht so schnell derbe Worte, von hoher Lautstärke ganz zu schweigen.

Doch dann sind da diese Themen. Diese Themen, die mich bewegen, die mir im Innersten ein Anliegen sind, wo es mir in den Eingeweiden schmerzt, wenn jemand etwas sagt, das meinen Überzeugungen und meinem Wissen zutiefst entgegenläuft.

Und dann will ich aufspringen und denjenigen anschreien, ihn zur Schnecke machen, ihn fragen, auf welcher Droge er eigentlich unterwegs ist, was er geraucht hat, warum er zur Hölle nur so eine blöde Ansicht haben kann.

Tu ich aber natürlich nicht. Der andere macht es ja auch nicht, hat dabei aber vielleicht eine ebenso starke Meinung wie ich. Nur mit umgekehrten Vorzeichen eben.

Man kann schon sehen: Ich stecke fest. Was kann ich also tun, außer an der Situation zu verzweifeln?

Ich kann das Ende der Höflichkeit einläuten. Nicht das Ende des Reflektierens, des Prüfens, nein – wohl aber das Ende des freundlichen Nickens und des Versuchs, zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen.

Doch verstehen Sie mich nicht falsch. Ich werde nicht wütend um mich herumschlagen. Ich werde aber auch nicht damit fortfahren, mich in stundenlangen Gesprächen mit Andersdenkenden zu ergehen, um sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Ich werde die Schnauze halten. Und dann werde ich schreien. So leise und durchdringend wie ich nur kann.

Auf Papier.

Ihr Lapideus

 

Brot und Spiele

Wir werden überschwemmt, überflutet. Zugeschüttet mit Informationen, die die Wirklichkeit vernebeln. Mit Bildern, Videos, Ergebnissen, Veranstaltungen, die uns davon abhalten, die wahre Natur der Welt zu sehen und zu verstehen.

Sportveranstaltungen, die lange schon nicht mehr als solche zu bezeichnen sind, lenken uns vom Elend ab, gaukeln uns eine heile Welt vor, die insbesondere dann eine lebenswerte sei, wenn wir die während der Pause angepriesenen Produkte konsumieren.

Sternchen werden ins Rampenlicht gestellt, auf dass sie sich mit allerlei Ungeziefer das von Kaviar verwöhnte Bäuchlein vollschlagen, auf dass sie die daheim vor dem Fernseher Sitzenden belustigen, auf dass man sich über sie blendend amüsieren und sich gut fühlen kann, weil Mutter Erniedrigung ihrem Töchterlein Schadenfreude nur allzu gern über den Kopf streicht.

Fernsehköche braten, kochen, dünsten. Fernsehrichter urteilen, belehren, moralisieren. Fernsehköniginnen kaufen, kaufen, kaufen. Und die Models glauben, sie seien schöne Frauen von Welt, obwohl sie nichts weiter sind als schamlos ausgebeutete magersüchtige Kinder.

Brot und Spiele – das ist die Welt, in der wir leben. Eine ungerechte, und damit unreife Welt.

In der die Reichen reicher werden.
In der die Armen und die Rechtlosen qualvoll sterben.

Ihr Lapideus

 

Die Leiden eines Vegetariers

Ich bin kein Heiliger. Ich habe, konditioniert und unreflektiert wie ich nun mal war, 35 Jahre lang Fleisch konsumiert. Ich schäme mich dafür, aber es ist nicht mehr zu ändern.

Doch ich habe einen Schlussstrich gezogen: im letzten Jahr bin ich zunächst Vegetarier und dann Veganer geworden. Meinetwegen soll kein Tier mehr den Tod finden.

Die Umstellung war ein Lernprozess. Ich habe Nahrungsmittel kennen und schätzen gelernt, deren Namen ich zuvor nicht einmal kannte. Ich habe mich recht intensiv mit Fragen der Ernährung beschäftigt. Ich habe mich mit den Philosophien auseinandergesetzt, die hinter Vegetarismus und Veganismus stehen.

Am meisten jedoch habe ich gelernt, nicht zu verzweifeln und nicht bitter zu werden.

Nicht, dass Sie jetzt glauben, ich wäre schlecht behandelt worden oder gar ausgelacht. Keine Spur: Ich wurde nicht gemobbt, nicht beschimpft, nicht geschlagen. Tatsächlich stieß ich da und dort sogar auf Anerkennung.

Woran es aber trotzdem niemals mangelte, waren Kommentare. Unreflektierte, vor Überzeugung strotzende, von Unwissen und/oder Ignoranz durchdrungene und, ja, manchmal auch dumme Kommentare.

Und selbst das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht auf eindrucksvolle Weise zeigen würde, was in der menschlichen Gesellschaft so furchtbar schiefläuft.

An ein paar Sager kann ich mich erinnern. Ich möchte sie mit Ihnen teilen:

“Und was ist mit den armen Karotten? Die haben doch auch Gefühle!”

“Weil wir Menschen Fleisch essen, ermöglichen wir es vielen Lebewesen ja überhaupt erst, zu existieren. Die wären sonst nie geboren worden.”

“Ich kenne keine Vegetarier, die Tiere wirklich mögen und in Not aufnehmen würden.”

“Die Vegetarier werden nie gewinnen.”

“Hinter Vegetarismus steht ein militantes Dogma.”

Wut und Wahrheit

Zuerst war ich wütend, zugegeben. Dann traurig. Dann frustriert. Wie jemand es eben ist, der eine Wahrheit gefunden hat, die mit Füßen getreten wird.

Ich möchte Sie nicht langweilen, also versuche ich mich kurzzufassen. Fakt ist: wir leben in einer Welt des Anthropozentrismus. Der Mensch ist einzigartig und toll, alles andere minderwertig. Ich halte das für falsch.

Tiere sind leidensfähig. Bereits Schopenhauer hat erkannt, dass Mensch und Tier hierin gleich sind, wenngleich er die Leidensfähigkeit nach Intelligenz abgestuft hat.

Punkt ist: Tiere SIND leidensfähig. Tiere empfinden Schmerz. Säugetiere (zu denen auch das Tier Mensch zählt, bitte nicht vergessen) emfinden zudem Gefühle wie Angst, Zuneigung oder Freude.

Trotzdem sind Tiere in unserer Welt nur Dinge. Sie sind eine Sache, von der wir glauben, dass wir frei über sie verfügen können. Dass wir sie “nutzen” können. Ich halte auch das für falsch.

Ich sage: Die Menschheit betreibt seit langer Zeit (zumindestens seit der Industrialisierung der so genannten “Fleischproduktion”) den größten Massenmord, den diese Welt je gesehen hat. Und falls Sie sich am Wort “Mord” stoßen: wie sonst würden Sie das Töten eines leidensfähigen, Schmerz und Angst empfindenden Lebewesens beschreiben?

Dabei hat der Mensch es schon lange nicht mehr nötig, Fleisch zu essen – es ist genügend pflanzliches Protein für alle da. Und auch alle anderen tierlichen Produkte können problemlos durch pflanzliche ersetzt werden. Wir haben Techniken und Methoden, um uns von tierlichen Produkten vollständig abkoppeln zu können.

Ich bitte Sie, flehe Sie an: Erkennen Sie diese Wahrheiten, die im Gegensatz zu vielen anderen, die Ihnen täglich präsentiert werden, tatsächlich welche sind.

Ihr Lapideus

ps: Zu den obigen Kommentaren das Folgende:
1. Karotten haben kein Nervensystem und somit keine Gefühle.

2. Lebewesen in Gefangenschaft aufzuzüchten um sie nach einem Bruchteil ihrer eigentlichen Lebenserwartung umzubringen kann ja wohl nicht als gute Tat gelten. Verstecken wir uns nicht hinter selbstgefälligen Ausreden.

3. Ich kenne VegetarierInnen und VeganerInnen, die Tiere sehr lieben. Manche von ihnen so sehr, dass sie gegen Gesetze verstoßen und Tiere befreien. Eine ethische Grundhaltung, die einen das Ermorden von Tieren als falsch erachten lässt, hat aber prinzipiell nichts damit zu tun, ob man Tiere mag oder nicht. Interessant hingegen finde ich, dass viele Tierliebhaber ohne mit der Wimper zu zucken Fleisch konsumieren.

4. Das ist kein Krieg. Und wenn es doch einer sein sollte, dann gibt es nur einen Verlierer: die Tiere.

5. Wenn die Achtung vor und die Wertschätzung von Leben ein militantes Dogma ist, dann stimme ich zu.