Überzeugung und Überredung

Erster Abschnitt

Vor einiger Zeit stellte ich einen kurzen Artikel zu den Kant’schen Modi des Fürwahrhaltens online. Beinahe kommentarlos, was mir mittlerweile zu wenig scheint, tritt doch das Meinen, Glauben und Wissen jeden Tag aufs Neue in den vordergründig belanglosesten Situationen in Erscheinung.

Um mir ausreichend Rückendeckung für die kommenden Absätze zu verschaffen, ziehe ich den Text “Meinung, Glaube und Wissen in der Schule” von Lutz Koch zurate [1].

Nach Kant, es sei noch einmal wiederholt, tritt das Fürwahrhalten in drei Stufen in Erscheinung: Im Meinen, im Glauben und im Wissen. Dabei sei das Fürwahrhalten die “subjektive Gültigkeit des Urteils” [2]. Koch streicht heraus, dass dieses Fürwahrhalten nicht mit objektiver Wahrheit verwechselt werden dürfe.

Koch fasst Kant nun so zusammen, dass die Gründe für unser Fürwahrhalten zweierlei sein können: objektiv und subjektiv. Objektive Gründe seien solche, “durch die das Urteil mit dem Objekt übereinstimmt und deshalb mit den Urteilen der anderen […] zusammenstimmen und mitgeteilt werden können”. Subjektive Gründe hingegen seien “Privatgründe” und hätten den Status von Ursachen. Kant selbst spricht vom “Schein der Überzeugung, welcher auf subjektiven Ursachen der Assoziation beruht”.

Wichtig ist jetzt, dass beide Arten der Gründe am Fürwahrhalten beteiligt sind. Sind sowohl die objektiven als auch die subjektiven schwach, so haben sie nach Koch ein schwankendes Fürwahrhalten zur Folge. Das sei das Meinen. Ihm fehle die Überzeugung. Der Glauben hingegen sei sich seiner Sache sicher, manchmal felsenfest in seiner Überzeugung, jedoch fehlen ihm die objektiv zureichenden Gründe, um eben diese “Überzeugung übertragbar bzw. mitteilbar [zu] machen”.

Bleibt das Wissen: Es ist nach Koch “derjenige Modus des Fürwahrhaltens, dessen subjektive Gründe zur Überzeugung zureichen und dessen objektive Gründe es ermöglichen, diese Überzeugung zu übertragen, sie mitzuteilen und das heißt auch: sie zu lehren”.

Ein Satz Kochs, der mir noch besonders wichtig erscheint, ist dieser: “Wer überredet ist […] hält seine Überredung für Überzeugung und weiß nicht, dass es sich gerade so nicht verhält”. Dabei könne die Mitteilbarkeit als “Wetzstein”, als Erprobung des eigenen Fürwahrhaltens am Urteil der anderen dienen.

Zweiter Abschnitt

Warum ist mir das alles wichtig? Ganz einfach: Tag für Tag führen wir alle Gespräche, in denen es eigentlich von Bedeutung wäre, ob wir meinen, glauben oder wissen. Von größter Bedeutung ist diese Unterscheidung aber in der Lehre, und das macht Lutz Koch mehr als deutlich.

Ich möchte ein paar Beispiele geben, um zu zeigen, worum es mir geht. Zunächst wäre da die Trivialität des Besuchs eines Bauernhofs durch eine Volksschulklasse. Die Kinder sehen die Kühe, erfahren von der Güte des Futters (Heu oder Silage), dürfen ein Gläschen Milch trinken und erhalten ein paar Utensilien, auf denen Dinge stehen wie “Milch ist gesund”.

Nun ist es aber so, dass mein subjektives Urteil lautet: Das stimmt nicht, Milch ist alles andere als gesund.

Und jetzt geht es los. Ich muss klären, ob mein Fürwahrhalten ein Meinen, ein Glauben oder ein Wissen ist. Im Falle des Meinens habe ich meine Hausaufgaben nicht gemacht, im Falle des Glaubens bin ich vielleicht einer Ideologie verfallen. Nur im Wissen wird es mir möglich, mein eigenes Fürwahrhalten auch mitzuteilen, zu lehren.

Was aber, wenn die objektive Wahrheit, wie so oft, in weiter Ferne liegt und/oder heftig diskutiert wird? Wenn mein eigenes Fürwahrhalten am Urteil einiger scheitert und durch das Urteil anderer bestätigt wird? Dann, so scheint mir nach der Lektüre Kochs, ist die Frage nach Überredung und Überzeugung die wesentliche. Wir haben nun einen Bauernhof besucht, und die haben gesagt, Milch sei gesund. Überzeugt uns das? Welche Perspektiven gibt es darauf? Was ist das Urteil anderer? Kant schreibt außerdem (pädagogisch nicht ganz verwertbar): “Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand behauptet, ist das Wetten.”

Hier kommt, so meine ich, auch wieder der sokratische Bildungsbegriff ins Spiel. Jörg Ruhloff definiert diesen so: “Bildung [sollte] heute vor allem eine Sache der Skepsis, des rückhaltlosen Denkens und des problematischen Vernunftgebrauchs sein” [3].

Umgekehrt ist die Reflexion über das eigene Fürwahrhalten ein gutes Instrument gegen allerlei Anfeindungen (wenn ich dieses starke Wort benutzen darf). Die Unterstellung des Vertretens einer Ideologie (ein Glauben) kann entkräftet werden, sobald man Sicherheit darüber erlangt hat, dass das Fürwahrhalten “den Modus des Wissens” (Koch) erreicht hat. Ein Beispiel wären für mich die Gender Studies. Das Wort “Ideologie” ist mir dabei schon öfter untergekommen. Hat man aber erst einmal Butler, Bourdieu, Goffman und andere gelesen, dann dürfte es keine allzu rauen Wetzsteine mehr geben.

Auch interessant ist das viel benutzte Wort “Meinung”. Man dürfe doch wohl noch eine Meinung haben, wird oft gesagt. Und klar ist: man darf. Jedoch stellt Kant fest: “Man muß erst meinen, ehe man annimmt und behauptet, sich dabei aber auch hüten, eine Meinung für etwas mehr als bloße Meinung zu halten.” Ich denke, ich bin auf der sicheren Seite, wenn ich aus dem bisher Gesagten ableite, dass es als unzulässig zu betrachten ist, auf Basis einer Meinung Entscheidungen von Tragweite zu treffen.

Aufgrund der Ausführungen Kochs würde ich aber von meinem Sager, dass wir in einer Welt des Meinens leben, mittlerweile Abstand nehmen. Eher angebracht wäre es wohl, von einer Welt der Überredung zu sprechen.

Ihr Lapideus

 

[1] L. Koch, “Meinung, Glaube und Wissen in der Schule,” in Sachlichkeit als Argument : Der Beitrag der Allgemeinen Pädagogik zur Lehrerbildung, J. Rekus, Ed., Frankfurt: Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2014, pp. 39-47.
[Bibtex]
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[2] I. Kant, “Kritik der reinen Vernunft (KrV),” in Gesammelte Schriften, Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1781, p. 533.
[Bibtex]
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[3] J. Ruhloff, “Ist Bildung noch aktuell?,” , 2002.
[Bibtex]
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“zarte takte tröpfelt die zeit”

Marlies Blauth, eine Frau, die ich seit Jahren kenne, und die ich doch noch nie getroffen habe, hat ein Buch geschrieben. Ein “besonderes Heft” mit Gedichten – oder lyrischer Prosa, wie mir die Autorin erlaubt hat, die Texte auch zu nennen. Es trägt den Titel “zarte takte tröpfelt die zeit”. Und dies ist der Versuch einer Rezension.

Es muss eine Gabe sein oder harte Arbeit, das zu vollbringen, was Marlies Blauth gelingt. Innerhalb weniger Zeilen ein Gefühl in eine*m*r entstehen zu lassen, das die Unmittelbarkeit der Situation, aus der heraus das Gedicht wohl erschaffen worden sein muss, so klar zu Tage treten lässt, als ob mensch neben der Autorin stünde, die, mit einem Lächeln, auf die Welt gewordenen Wörter zeigt und sagt: “Schau, dort!”. Es sind Bilder, die Marlies Blauth malt, Wörterbilder. Minaturen wie die, die sie mit Farbe auf Leinwand oder Papier bringt. Aneinanderreihungen von Pigmenten, die ein differenziertes Ganzes ergeben und mit jeder Betrachtung an Tiefe gewinnen.

Mensch könnte sagen, “zarte Takte tröpfelt die zeit” ist ein Buch, das sich in dem Moment, in dem man es aufschlägt, verändert. Marlies Blauths Texte reagieren mit dem*der Leser*in, ordnen sich um, verwandeln sich, nehmen ihn*sie in sich auf. Und die wunderschönen Kohlestaubzeichnungen tun das ihre dazu.

Das Buch ist im NordPark-Verlag erschienen und verdient es, erfahren zu werden.

Marlies Blauth | zarte takte tröpfelt die zeit | Gedichte | Mit Zeichnungen von Marlies Blauth und Nachworten von Jutta Höfel | Heftbroschur mit Schutzumschlag | Fadenheftung | 2015 | 96 S. | Euro 6,50 | Die besonderen Hefte | ISBN: 978-3-943940-05-3

Fragebogen “Veganismus”

Um zu erfahren, was die Menschen, die ich in regelmäßigen Zeitabständen mit der veganen Lebensweise konfrontiere, über dieses Thema denken, habe ich kürzlich einen Fragebogen entworfen und eben jene Menschen gebeten, die Fragen darin zu beantworten.

Da Survey Monkey Geld dafür verlangt, um die Grafiken zu exportieren, seien die Ergebnisse an dieser Stelle textuell wiedergegeben und ein Link zu den grafisch dargestellten Daten angeführt: Survey Monkey

Vorweg: Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels betrug die Anzahl der Teilnehmer_innen 45 (n=45). Die Umfrage war anonym, die Teilnehmer_innen speisen sich aus meinem doch recht breit gestreuten Facebook-Umfeld.

Ich habe mich bemüht, die Fragen derart zu formulieren, dass sie der derzeitigen Konstruktion von “Wirklichkeit” entsprechen (mit ein wenig Jacues Derrida und Judith Butler im Hinterkopf). Fleischesser_innen sollten sich – so das Ziel – möglichst wenig vor den Kopf gestoßen fühlen. Um Veganer_innen und Vegetarier_innen habe ich mir keine Sorgen gemacht – so wie Butler in Bezug auf die Konstruktion von Sex und Gender meint, Kritik speise sich nicht aus einem utopischen Ort jenseits bestehender Diskurse und Äußerungen, sondern sei darauf angewiesen, Bestehendes zu verwenden [(1)], so gehe ich davon aus, dass das auch auf den Diskurs um vegane Lebensweise zutrifft.

Prozentuelle Angaben in diesem Text sind zwecks Übersichtlichkeit auf ganze Zahlen gerundet, was zu Fehlern in der Summe führen kann. Sollte ich als der Laie, der ich auf dem Gebiet des soziologischen Fragens bin, übliche Standards nicht erreicht haben, so bitte ich dies zu verzeihen. Sinn des Fragebogens war und ist die Befriedigung meiner eigenen Neugier – ich erhebe in diesem Falls also keinen allzu hohen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

Die Ergebnisse

Die Frage, ob das Thema „Vegane Lebensweise“ interessiert, beantworten ähnlich viele Teilnehmer_innen mit „stimme sehr zu“, „stimme eher zu“, „stimme eher nicht zu“ und „stimme nicht zu“ (24%/27%/29%/20%). Bei der Frage, ob das Thema nerve, zeigt sich eine Tendenz zu „stimme eher nicht zu“ und „stimme nicht zu“ (7%/12%/17%/63%). Noch stärker wird die Tendenz bei der Frage, ob das Thema ärgere – das scheint auf die Mehrheit nicht zuzutreffen (7%/12%/17%/63%).

Interessant, dass eine große Mehrheit (86%) meint, der Unterschied zwischen „Vegetarismus“ und „Veganismus“ sei ein wesentlicher. Für unwesentlich halten ihn 7%, weitere 7% gaben andere Antworten:

„Veganismus ist beschissen!“
„Die Unterscheidung zwischen Vegetarismus und Veganismus ist mal so – mal so. Kommt auf den Blickwinkel an.“
„Die Unterscheidung zwischen Vegetarismus und Veganismus ist idealistisch.“

Die Mehrheit der Teilnehmer_innen sieht bei veganer Lebensweise den Tierschutzgedanken im Vordergrund (70%). Etwa 9% sehen den gesundheitlichen Aspekt vorne, weitere 21% geben abweichende Antworten:

Bei veganer Lebensweise sehe ich … „beides.“ (Gesundheitsaspekt und Tierschutzgedanken, Anm.; zweimal)
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „ökologische Aspekte.“
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „den Faktor ‚in Mode‘ im Vordergrund.“
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „den Sinn dahinter nicht.“
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „einen Trend.“
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „Umweltschutz (cowspiracy).“
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „die Tötung der Pflanzen als Problem an.“
Bei veganer Lebensweise sehe ich … „Gesundheit, Tierschutz, Umweltschutz.“

Ob sie vegane Ernährung für gesund oder ungesund halten, beantworten nur 33 der 45 befragten Personen. 58% meinen, sich vegan zu ernähren sei gesund, 42% sind gegenteiliger Ansicht. 14 Teilnehmer_innen kommentieren diese Frage:

„Abhängig von der Umsetzung.“
Ich halte vegane Ernährung für … „schwierig, aber richtig.“
„Wenn man sich nicht ausreichend auskennt.“ (Anm.: Vermutlich wurde mit „ungesund“ geantwortet)
Ich halte vegane Ernährung für … „nicht ausgeglichen.“
„Kommt auf die tatsächliche Ernährungswissenschaft an.“
„Kommt darauf an ob man sich gesund ernährt oder nur von veganer Schokolade ;).“
Ich halte vegane Ernährung für … „kompliziert.“
Ich halte vegane Ernährung für … „von Veganern gesunder empfunden, als die Wissenschaft beweist …“
Ich halte vegane Ernährung für … „übertrieben.“
Ich halte vegane Ernährung für … „teils – teils. Eigentlich schon gesund, jedoch fehlen einem eventuell auch wichtige Nährstoffe. Und vegane Fertiggerichte sind genauso ungesund wie normale.“
Ich halte vegane Ernährung für … „unausgewogen/einseitig.“
Ich halte vegane Ernährung für … „selbstbestimmt.“
„Es kann gesund sein, wenn man genau weiss, was man tut.“
„Solange das mit dem Sojaanbau stimmt (der Großteil wird für die Tierhaltung gepflanzt).“ (Anm.: Antwort kann aus dem Kommentar nicht abgeleitet werden.)

61% meinen, eine vegane Lebensweise sei gut für die Umwelt. 11% meinen, dem sei nicht so, und 27% geben eine andere Antwort:

Vegane Lebensweise ist … „egal.“
„Ich weiß nicht ob es gut oder schlecht ist, für die Tiere ist es natürlich besser, aber wie sich das mit z.B. Monokulturen verhält weiß ich nichtvegane Lebensweise ist …“
Vegane Lebensweise ist … „relativ.“
„Kommt auf die tatsächliche Ernährungsweise an“ (, ob vegane Lebensweise gut oder schlecht für die Umwelt ist; Anm.)
„Kann ich nicht beurteilen“ (, ob vegane Lebensweise gut oder schlecht für die Umwelt ist; Anm.)
Vegane Lebensweise ist … „kompliziert.“
Vegane Lebensweise ist … „ähnlich schädlich wie normale Ernährung (Resourcenverschwendung f. Sojaanbau).“
Vegane Lebensweise ist … „teilweise schädlich für die mitmenschen.“
„Solange das mit dem Sojaanbau stimmt (siehe Frage davor).“ (Anm.: Antwort kann aus dem Kommentar nicht abgeleitet werden.)
Vegane Lebensweise ist … „Mangelernährung.“
Vegane Lebensweise ist … „oftmals nur ein Hipstersport.“
Vegane Lebensweise ist … „Ressourcen neutral. (Studien dazu sind m. M nicht objektiv und unvollständig).“

In der Frage, ob es für den Menschen notwendig sei, tierische Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, liegt die Tendenz in Richtung Zustimmung (stimme zu: 27%/stimme eher zu: 33%/stimme eher nicht zu: 24%/stimme nicht zu: 16%). Bei der Frage, ob es in Ordnung sei, Tiere zum Zwecke der Ernährung des Menschen zu schlachten, zeigt sich ein differenziertes Bild (18%/38%/16%/29%).

Die für mich sehr spannende Frage, ob es richtig und gut sei, dass wir durch die Zucht von Schlachttieren eben diesen Tieren ein Leben/eine Existenz ermöglichen, das/die sie sonst nicht gehabt hätten, stimmen nur 7% zu, 19% stimmen eher zu, 19% stimmen eher nicht zu und 56% stimmen nicht zu.

18% stimmen zu, dass Schlachtungen würden human verlaufen, 16% stimmen eher zu. 30% stimmen eher nicht zu, 36% stimmen nicht zu.

Der Frage, ob es richtig sei, dass Tiere, die für die Fleischproduktion vorgesehen sind, ein besseres Leben führen würden, als Tiere, die in freier Wildbahn leben, stimmen 7% zu, weitere 7% stimmen eher zu, 23% stimmen eher nicht zu und 64% stimmen nicht zu.

80% der Teilnehmer_innen betrachten den Menschen „von Natur aus“ als Allesesser. 7% halten ihn für einen reinen Fleischesser, 13% für einen Pflanzenesser.

82% halten es für sinnvoll, den Fleischkonsum zu reduzieren. 2% würden ihn ohne Einschränkungen beibehalten, 16% hielten es für sinnvoll, den Fleischkonsum gänzlich einzustellen.

Ich möchte mich bei allen, die meinen Fragebogen ausgefüllt haben, herzlich bedanken. Ich habe dadurch ein Bild erhalten, wie ihr denkt, meint und fühlt. Gerade die offenen Antworten habe ich als besonders interessant empfunden.

Ihr Lapideus

[1] vgl. Villa, Paula-Irene (2010). “(De)Konstruktion und Diskurs-Genealogie: Zur Position und Rezeption von Judith Butler”. In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie. Hrsg. von Ruth Becker. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften. isbn: 978-3531171708.

Missionierung impossible

Oft zu lesen ist der folgende Witz: Woran erkennt man einen Veganer? Antwort: Er erzählt es einem. Ständig. Auch zu lesen: Diverse Beiträge zum Für und Wider; Schriften, die vegan lebende Menschen in Schutz nehmen; solche, in denen sie als Fanatiker bezeichnet werden; solche, in denen auf den Trendzug aufgesprungen und zum gemäßigten Veganismus aufgerufen wird, einmal pro Woche, der Gesundheit wegen; solche, die agrarökonomisch zu dem Schluss kommen, dass Veganer_innen sich etwas vormachen; solche, die meinen, Veganer_innen seien ok, solange sie nicht missionieren. Aus jeder Richtung Artikel, Essays, Büchlein. Aus fast jeder Richtung.

Dieses “fast” ist ein Problem. Was ausgelassen wird ist der simple Fakt, dass in jeder Minute, in der geschrieben, diskutiert, gewitzt, geunkt, beschuldigt wird, 12 Tiere getötet werden. Und das allein in Österreich (siehe Statistik Austria). Blöderweise sind wir gesamtgesellschaftlich noch immer im 17. Jahrhundert unterwegs, denn Descartes’ Ansicht, Tiere seien nichts weiter als geistlose Maschinen, während wir Menschen uns “geistvoll” von ihnen abhöben, wurde nie überwunden oder verworfen.

Außer bei Haustieren natürlich. Beim Kätzchen oder beim Hündchen. Die sind clever. Die bringen wir nicht um.

Und hier stehen wir nun. Der Veganer/die Veganerin hat sich im Laufe seines/ihres Lebens irgendwann klar gemacht, dass an jedem Tag fühlende, denkende Wesen ermordet werden, um als Schnitzel, Kotelett oder Bratwurst zu enden. Der Rest der Menschheit sieht das offenbar anders. Macht seine Witze, fühlt sich von den seltsamen Veggies unter Druck gesetzt, verdrängt die üblen Gedanken und Bilder vielleicht. Obwohl Verdrängung aufgrund gründlicher Sozialisation eigentlich so gut wie nie notwendig zu sein scheint.

Veganer_innen haben derweil wenig Möglichkeiten, das Leid der Tiere wesentlich zu mindern. Einige leben einfach vegan, ohne groß ein Thema daraus zu machen. Wieder andere missionieren – die einen offensiv, die anderen zurückhaltend. Die meisten von ihnen treten einer Veganen Gesellschaft bei. Einige Wenige begeben sich in strafrechtlich relevante Gefilde, was des/der Veganer_in Ansehen in der Gemeinde natürlich auch nicht wesentlich steigert.

Und damit ist Schluss. Mehr geht nicht. Obwohl Minute für Minute Tiere ausbluten. Irgendwie traurig, oder? Und falls Sie mich nun fragen, zu welcher Gruppe ich gehöre, dann muss ich sagen, dass es wohl jene der mild Missionierenden, der “Es-Vorlebenden” ist. Auch wenn dieser Artikel etwas darüber hinausschießt, zugegeben – aber immerhin ist das ja auch mein Blog, und nicht das zwanglose Gespräch zwischendurch.

Daher mache ich Ihnen einen Vorschlag, sollten Sie Fleischesser sein. Wenn Sie das nächste Mal ein Schnitzel am Teller haben, dann begeben Sie sich bitte auf folgende Fantasiereise (aber nur, wenn Sie einen guten Magen haben! Ich will nicht daran schuld sein, dass Ihnen schlecht wird):

Es ist dunkel. Es ist heiß. Dicht neben Ihnen stehen schwitzend noch andere, der Boden wackelt. Dann hört das Wackeln auf. Mit einem lauten Geräusch öffnet sich eine große Ladeklappe. Das Licht, das nun in den kleinen Raum strömt, schmerzt in den Augen. Männer brüllen sie an, schlagen sie mit Ruten. Sie werden aus dem Laderaum hinausgejagt, durch schmale Gatter hindurch. Sie haben Angst. Sie denken an Flucht, doch die ist unmöglich. Vor und hinter Ihnen sind Ihre Leidensgenossen, einer stolpert. Sie steigen auf ihn drauf, es geht nicht anders. Schließlich landen Sie in einer Sackgasse. Ein Mann mit einer seltsam anmutenden Maschine steht vor Ihnen. Er legt sie an ihren Kopf an und noch ehe Sie schreien können, drückt er ab. Sie haben Pech: Sie sind gelähmt, aber noch nicht tot. Sie liegen blutend am Boden. Ein Seil wird um Ihr Fußgelenk gelegt, Sie werden zunächst nach oben, dann zur Seite gezogen, in einen angrenzenden Raum. Ein anderer Mann kommt auf Sie zu, er hält ein großes Messer in der Hand. Ohne zu zögern schneidet er Ihren Bauch auf. Die Schmerzen sind unerträglich. Sie spüren, wie das Blut ihren Körper hinabrinnt. Irgendwann wird es dunkel um Sie herum. Sie haben es überstanden und landen zerlegt im Kühlregal. Glückwunsch!

Das ist in etwa die Geschichte Ihres Schnitzels. Ihres Gulaschs. Grauslich? Sie können ja auch mal Youtube befragen. Sehen Sie sich Videos von Schlachtungen an! Überzeugen Sie sich!

Es gibt einen Ausweg: Lassen Sie sich missionieren. Werden Sie Veganer oder wenigstens Vegetarier. Danke!

Ihr Lapideus

The Spring Flower Song

Ein bisschen komme ich zu Kreativem zurück: Ich habe vor einiger Zeit ein Kinderlied geschrieben. Es geht um die Frühlingsblumen, und zwar in englischer Sprache. Benützen Sie es wie Sie wollen, nur nicht kommerziell (CC-BY-NC 4.0):

The Spring Flower Song

Ihr Lapideus

 

Das Unsagbare

Man sieht so viel. Dinge, die man nicht sehen will. Bilder eines Videos zum Beispiel, die Unmenschlichkeit bezeugen. Unfassbare Unmenschlichkeit, auch wenn es fassbare nicht geben kann und darf.

Das Video, von dem ich spreche, zeigt die Verbrennung von vier Männern. An Händen und Füßen aufgehängt, Gesicht nach unten, in Brand gesteckt.

Ich konnte mir das Video nicht ansehen. Die Standbilder waren genug. Sie haben sich in mein Hirn eingebrannt, im wahrsten Sinne. Genau das, was die Mörder erreichen wollten.

Die Bilder repräsentieren für mich all das, wozu der Mensch fähig ist. All das Unsagbare, das vor achtzig Jahren seine furchtbare Kulmination gefunden hat und das nur in seiner Größenordnung schwankt, aber niemals aufhören wird.

Der Mensch kann liebend und mitfühlend sein. Ja. Aber ich frage mich, ob er nicht im Grunde eine Bestie ist. Reicht es doch, dass er sich im Recht glaubt oder von einer höheren Macht berufen, um zu allem fähig zu sein.

Ihr Lapideus

 

 

 

Das vegane Kaninchen

Die Schlagzeile einer österreichischen U-Bahn-Zeitung lautete heute: “AHS-Lehrer tötet vor Augen der Schüler zwei Kaninchen“. Hashtag “Tierleid”. Der Mann tötete – so der Bericht – offenbar zwei Kaninchen (“süßes Langohr”) mittels Bolzenschussapparat, um sie hernach vor versammelter Klasse zu sezieren.

Die Folgen? Die Schülerinnen und Schüler seien entsetzt gewesen, gegen den Lehrer sei relativ umgehend ein Strafverfahren (Tierquälerei, mutmaße ich) eröffnet worden, er habe den Tierschutzverband am Hals und es drohe ihm außerdem ein Disziplinarverfahren.

Zusammenfassend: Österreich ist empört, sowas gehört sich einfach nicht, das macht man nicht, wo hat denn der bitte sein Lehramt gemacht, vor allem in einer Unterstufe geht sowas nicht, natürlich gehöre Kindern erklärt, dass Tiere zum Verzehr getötet würden, aber doch bitte nicht so, und so weiter, und so weiter.

Ja, ich bin auch empört. Aber nicht nur, weil der Mann die zwei Kaninchen abgemurkst hat, sondern weil die meisten Menschen, die sich über den Lehrer echauffieren, überhaupt kein Problem damit haben, eine Wurstsemmel zu essen. Oder ein Schnitzel.

Jeden Tag sterben unzählige Tiere per Bolzenschuss und Ausblutenlassen in unzähligen Schlachthäusern. Ihr Leid ist unerträglich, doch niemanden schert es. Denn dort ist ja keine Schulklasse, die zusieht. Überhaupt sind dort nur Wenige. Alles schön versteckt. Aber das ist in Ordnung, denn worauf es ankommt, ist: Man muss ja schließlich Fleisch essen! Geht doch gar nicht anders.

Ein Interview mit Sarah Wiener, auf das mich eine Kollegin kürzlich aufmerksam machte, geht in dieselbe Richtung: Vegansein sei nicht die Lösung, zu vieles industriell und künstlich, man entferne sich zunehmend von der Natur. Und schließlich die immer wiederkehrende Vermutung der Carnivoren: Ob es nicht einfach unser Schicksal sei, Tiere zu essen. B12 und Enzyme und so. Sie wissen schon.

Das alles tut schon sehr weh. Wirklich. Ich möchte an dieser Stelle abbrechen und Sie an einen Vortrag der amerikanischen Psychologin Melanie Joy verweisen. Sie spricht in ihren Werken oft von den drei Ns: Wir empfinden es als normal, natürlich und notwendig, Tiere zu essen. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

Ihr Lapideus

 

Das Kriechtier

Intermedium: Der Text zu einer Klanggeschichte.

Einst kroch ein Kriechtier durch die Berge,
da traf es plötzlich ein paar Zwerge.
Die Zwerge, klein mit Klingelkäppchen,
die stiegen auf ein hohes Treppchen.
Doch weil dort oben starker Wind blies,
und weil dort oben Zwerg an Zwerg stieß,
da fiel’n die Männchen polternd runter.
Selbst Siebenschläfer wurden munter.
Das Kriechtier, das ging kichernd weiter,
die Zwerge machten’s Treppchen breiter.

Ihr Lapideus

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Das Kriechtier von Bruno Steininger ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Die Projekt-Brainstorm-Kuh

Es gibt einen Film aus dem Jahr 1983 mit Namen “Projekt Brainstorm”. Natalie Wood und Christopher Walken bauen einen Apparat, mit dem es möglich ist, Gedanken und Gefühle aufzuzeichnen. Andere Menschen können diese Gedanken dann wie einen Film ablaufen lassen. Mehr noch: Sie können in die Haut einer/eines anderen schlüpfen.

Es ist eine interessante Idee. Man könnte Dinge erleben, die einem sonst versperrt blieben. Einen Raketenstart etwa. Eine Kletterpartie für Profis. Oder ein virtuoses Schlagzeugsolo. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Der Film kulminiert darin, dass Natalie Wood ihren eigenen Tod aufzeichnet. Christopher Walken findet einen Weg, sich das Band “anzusehen”, ohne selbst dabei zu sterben, und wird so zum ersten Menschen, der den Tod eines anderen via Konserve nacherlebt.

Ich wünsche mir so einen Apparat in jedem Haushalt. Und dann zeichnen wir die Gedanken und Gefühle von Kühen, Schweinen und anderen Schlachttieren auf  – vom Verladen auf den LKW bis zum bitteren Ende. Würde mich wirklich interessieren, wie viele Menschen danach noch Fleisch konsumieren oder blöde Witze über Tofu machen würden.

Ihr Lapideus