Monthly Archives: September 2012

Aller Anfang

Der Anfang eines Textes ist immer etwas ganz besonderes. Der Autor muss den Leser mit den ersten paar Zeilen an den Text fesseln, er muss ihn für sich einnehmen. Keine leichte Aufgabe, eigentlich.

Mal schauen, wie einige Autoren bzw. Literaten das gelöst haben.

Die seltsamen Ereignisse, die Gegenstand dieser Chronik sind, haben sich 194’ in Oran zugetragen. Nach allgemeiner Ansicht passten sie nicht dorthin, da sie etwas aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fielen. Auf den ersten Blick ist Oran nämlich eine gewöhnliche Stadt und nichts weiter als eine französische Präfektur an der algerischen Küste.

Aus “Die Pest” von Albert Camus, erschienen im Rowohlt Verlag, Übersetzung von Uli Aumüller

Meine Interpretation: Camus beginnt mit einem Gegensatz. Er spricht von seltsamen Ereignissen, die eigentlich gar nicht zur dieser gewöhnlichen (“gewöhnlich” wird gleich zwei Mal benutzt) Stadt passen. Das ruft bei mir als Leser Interesse hervor.

Frau Rowling geht in “Harry Potter und der Stein der Weisen” ähnlich vor:

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.

Aus “Harry Potter und der Stein der Weisen” von Joanne K. Rowling, erschienen im CARLSEN Verlag, Übersetzung von Klaus Fritz

Und nochmal das gleiche, diesmal mit einem unbedeutenden Eiland:

Es war in jenem Jahr, in dem man schließlich das Eschaton immanentisieren wollte, was etwa soviel heißt wie den Weltuntergang heraufbeschwören. Am 1. April gerieten die Weltmächte näher an eine nukleare Auseinandersetzung als jemals zuvor, und alles wegen eines unbekannten Eilands, Fernando Poo.

Aus “Illuminatus!” von Robert Shea und Robert A. Wilson, erschienen im Rowohlt Verlag, Übersetzung von Udo Breger

Anders macht es zum Beispiel Thomas Glavinic in seinem Roman “Das Leben der Wünsche”. Er beginnt über den Dialog mit einem Fremden sofort damit, seinen Protagonisten und dessen soziales Umfeld zu beschreiben.

Eine Sekunde! Setzen wir uns auf die Bank vor diesem
Brunnen! Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.
Meinen Sie mich?
Ich meine Sie.
Kann es sein, dass Sie mich verwechseln?
Sie heißen Jonas, sind fünfunddreißig Jahre alt, und
Ihre Frau heißt Helen.
Kennen wir uns von früher?
Sie haben zwei Söhne, Tom und Chris. Sie arbeiten bei
der Werbeagentur Drei Schwestern. Ihre Mutter ist tot, Ihr
Vater sechsundachtzig, er lebt nach einem Schlaganfall im
Pflegeheim. Geschwister haben Sie keine. Seit einiger Zeit
schlafen Sie mit Marie, deren Mann Apok heißt und mit
dem sie ein Kind hat.

Aus “Das Leben der Wünsche” von Thomas Glavinic, erschienen im Hanser Verlag.

Günter Grass macht in “Die Blechtrommel” einiges in wenigen Sätzen: Er beschreibt den Protagonisten auf zwei Ebenen (der Blauäugige – bildlich und übertragen) und zeigt, wo er sich gerade befindet. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass der geistige Zustand des Oskar beeinträchtigt ist.

Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt,
mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem
Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers
Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen,
nicht durchschauen kann.

Aus “Die Blechtrommel” von Günter Grass, erschienen unter anderem im Deutschen Taschenbuch Verlag.

Es gibt also viele ausgezeichnete Möglichkeiten, mit einem Text zu beginnen. Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Haben Sie einen Lieblingsanfang?

Ihr Lapideus

 

Mit eigenen Augen

Old woman's hands tucked between her legs

Bildnachweis: Horia Varlan (CC BY 2.0)

Am Wochenende war ich in einem Altersheim. Warum, möchte ich hier nicht näher ausführen. Aber ich möchte Ihnen von einer Erkenntnis berichten, zu der ich gelangt bin. Sie lautet: Wirklich gut beschreiben kann man nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat.

Die stummen Frauen

Der Gedanke kam mir, als ich eine Weile in einem Aufenthaltsbereich für Patienten warten musste. Der Raum war schlecht beleuchtet, das kalte Licht der Neonröhren brachte die mit Feng Shui-Farben bemalten Wände um ihre Wirkung.

Einige ältere Frauen saßen an einem Tisch. Sie alle starrten auf ihren Tee, der im Begriff war, zu erkalten. Es wurde nicht gesprochen. Nichts gespielt. Nur gestarrt.

Nach einigen Minuten wurde eine Frau von einer Pflegerin zu dem Tisch geführt. Die Pflegerin legte einen flachen Polster auf einen der Sessel. Dann nahm die Frau langsam Platz, stöhnte dabei. Es war offenbar, dass sie Schmerzen litt.

Die Pflegerin wandte sich kurz zu mir, vertröstete mich erneut auf eine spätere Uhrzeit, und ging. Ich zog mein Mobiltelefon aus meiner Tasche und spielte Solitär.

Plötzlich fing die neu Hinzugekommene an zu weinen. Sie war nach vorn gebeugt, ihr Kopf ruhte auf ihrer linken Hand, den Ellbogen hatte sie auf den Tisch gestützt. Ihre Schultern hoben und senkten sich immer wieder ruckartig, das Schluchzen wurde mit jedem Mal heftiger.

“Es tuat so weh”, sagte sie, “Es tuat so weh.”

Die anderen Frauen sagten nichts. Sie sahen nicht einmal auf, stierten weiter auf die gelbe Flüssigkeit in ihrem Glas.

Mir wurde die Situation unangenehm, ich weiß gar nicht warum. Ich kannte die Frau ja nicht. Ich versuchte, mich auf mein Telefon zu konzentrieren – vergeblich. Ich musste immer wieder zu ihr hinsehen, in der egoistischen Hoffnung, dass sie bald aufhören würde.

Ich dachte schon, es würde ewig so weitergehen. Oder zumindest, bis ich den Raum verließ. Aber dem war nicht so: Die Augen einer kleinen, alten Dame mit tief hängenden Tränensäcken und grünem Haarreifen wanderten zu der Weinenden. Dann stand sie auf, schlurfte zu der Frau hin und legte ihr die Hand auf die Schulter.

Es war nur eine Geste. Ein kleines, ja winziges Zeugnis von Empathie; doch es reichte aus, um die Weinende zu beruhigen.

Dafür kamen mir die Tränen.

Erfahrung

Ich wäre nie auf diese (sicherlich ausbaufähige) Sequenz und ihre Details gekommen, wenn ich die Szene und das Setting – wenn ich das jetzt mal so abgehoben und unpersönlich formulieren darf – nicht selbst erlebt hätte.

In einigen Schreibratgebern steht, man könne alles erfinden. Man müsse zwar ausreichend recherchieren, sodass man keine essenziellen Fehler macht, aber im Wesentlichen brauche man nichts von dem erlebt oder gesehen zu haben, was man zu Papier bringt.

Das mag stimmen. Aber ich glaube, dass immer die Beschreibungen am besten sind, hinter denen persönliche Erfahrungen stehen.

Und wenn es nur Bruchstücke sind, die verwendet werden.

Ihr Lapideus

 

Ein Satz setzt Zeichen

Question mark

Bildnachweis: Marco Bellucci (CC BY 2.0)

Heute freue ich mich sehr über einen Gastbeitrag von Reinhard Birke, zu dem er sich nach einem Interview vor einigen Wochen freundlicherweise breitschlagen ließ. Im seinem Text lässt er Sätze und Wörter gegen die allzu mächtigen Satzzeichen rebellieren. Ob sie den Kampf gewinnen können? Wir werden sehen. Viel Spaß!

Der Punkt ruft: „Aus!“, fragt: „Schluss?“ – und ist bei Strich am Ende. Die Symphonie der Sprache gepresst in das Korsett ihrer Symbole. Geschriebene Worte, ihrer Gesten und Klänge beraubt, dazu verdammt ihre stumme Botschaft zu überbringen.

Nicht erregtes Flehen, nicht gehauchtes Flüstern und kein verzehrtes Seufzen verleihen dem Satz die melodische Eleganz seiner verklungenen Tage. Still geformt aus leeren Hüllen, getrennt durch die Macht der Zeichen, steht er abgeschirmt von Seinesgleichen. Nackt, dem willfährigen Auge des verächtlichen Lesers schutzlos ausgeliefert.

Mit jedem Male neu geboren, beginnt zaghaft seine Suche nach Bedeutung. Bedroht von Ablenkung und bedrängt von Gedanken, lauert auf ihn ausgehungert das Vergessen.

Kein Schutz, kein Freund, kein liebevoller Begleiter.

Stimmenlos baut er sich auf und stürzt in eine Welt die ihm nicht traut. Schmachvoll gebeugt schleppt er, an seinem Ende fest verankert, das Symbol seiner Wirkung. Er selbst ist stummer Diener. Seines Zeichens nichts sagender Bückling. Macht hat nur sein Ende.

Aus einsamer Gefangenschaft erklingt mir stumm sein leises Flehen. Vereint in Sehnsucht, verschwören sich die Sätze zum Aufruhr. Ein flehender Kanon für die Freiheit von den Zeichen. Doch schon schleicht Unsicherheit durch ihre Reihen.

Schüchterne melden sich laut zu Wort um ihre Bedeutung zu bedenken. Vor allem die verletzlich Kleinen warnen vor all zu schneller Verschmelzung. Und selbst die Mutigen fürchten ungeniert um ihren guten Ruf.

Hinten ohne. Unbedeckt. Ein gewagter Gedanke frivoler Freiheit. Bedeutung durch sich selbst. Erlöst aus der Umklammerung der Endung. Der Bindestrich biedert sich an und wittert seine Chance. Ein Symbol der Mitte. Die Hoffnung siegt. Raunend erheben sie fragend ihre zögerlichen Stimmen zum geflüsterten Gebrüll ihres zeichenlosen Schlachtrufs:

In Bedeutung vereint mit Meinesgleichen – erst durch den Tod der Endungszeichen!

Reinhard Birke, geboren 1981, lebt in Klosterneuburg bei Wien. Sein literarisches Interesse äußerte sich in zahllosen Kurzgeschichten bereits in seiner Jugend. Nach ebenso vielen Literaturwettbewerben wie Slam-Texten ist im März 2012 sein Debütroman “Zuversicht” im Letter P Verlag erschienen. Vor wenigen Wochen folgte eine spezielle Kindle Edition erhältlich bei amazon oder Letter P.

 

Pfeif aufs Adjektiv, vergiss das Adverb!

Adjektive und Adverbien: Eine Geschichte voller Missverständnisse. Zu viele zu benutzen ist schlecht, zu wenige sind auch nicht gut. Aber was ist denn nun die goldene Mitte?

Dazu ein Experiment: Gegeben seien ein paar Absätze halbliterarischer Natur, erstellt unter Anstrengung aller verfügbaren Hirnzellen. Nebenbedingung zur Absatzerzeugung sei, so viele Adjektive und Adverbien wie möglich einzubinden. Und los!

Emma stand am geschlossenen Fenster und blickte in den wabernden Nebel, der sich draußen geräuschlos zu bilden begann. Trotz der nächtlichen Dunkelheit konnte Frank eindeutig erkennen, dass sie vollkommen nackt war.
“Zieh dir doch etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst furchtbar erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur zart den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie kaum wahrnehmbar.
Frank ließ seinen wohlgeformten Kopf wieder langsam in den warmen Polster sinken. Wenn Emma so seltsam drauf war, war Argumentieren völlig zwecklos.

Ich gebe zu, ich habe es ein wenig übertrieben. Ich bitte um Verzeihung, sollte ich Ihnen Brechreiz verursacht haben!

La luz de la mañana

Bildnachweis: Pollobarba (CC BY-NC-ND 2.0)

Hier nun derselbe Text, vermindert um fast alle Adjektive und Adverbien.

Emma stand am geschlossenen Fenster und blickte in den wabernden Nebel, der sich draußen geräuschlos zu bilden begann. Trotz der nächtlichen Dunkelheit konnte Frank eindeutig erkennen, dass sie vollkommen nackt war.
“Zieh dir doch etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst furchtbar erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur zart den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie kaum wahrnehmbar.
Frank ließ seinen wohlgeformten Kopf wieder langsam in den warmen Polster sinken. Wenn Emma so seltsam drauf war, war Argumentieren völlig zwecklos.

Also:

Emma stand am Fenster und blickte in den Nebel, der sich zu bilden begann. Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war.
“Zieh dir etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich erkälten.”
Emma schüttelte den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie.
Frank ließ seinen Kopf wieder in den Polster sinken. Wenn Emma so drauf war, war Argumentieren zwecklos.

Besser, oder? Sollte Ihnen dieser Kahlschlag aber zu viel des Guten gewesen sein, schlage ich die folgende Version als Kompromiss vor:

Emma stand am Fenster und blickte in den  Nebel, der sich draußen zu bilden begann. Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war.
“Zieh dir etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie.
Frank ließ seinen Kopf wieder in den Polster sinken. Wenn Emma so drauf war, war Argumentieren zwecklos.

Der Sukkus: Die meisten Adjektive können zum Wohle der Lesbarkeit und des guten Geschmacks ohne viel Aufsehen eliminiert werden. Bei Adverbien kann man etwas differenzierter vorgehen.

Ihr Lapideus