Monthly Archives: November 2012

Mutter und Vater

Liebe Leute, es ist passiert. Ich habe es nicht geschafft, für heute einen Artikel vorzubereiten.

Als kleine Entschädigung möchte ich mit Ihnen jenen Text teilen, den meine Frau und ich in der Geburtsanzeige für unseren zweiten Sohn verwenden. Ich hoffe er gefällt Ihnen!

Sollten Sie auch einmal in die wunderbare Situation kommen, einen Text für eine Geburtsanzeige zu benötigen, können Sie ihn selbstverständlich verwenden. Es wäre mir eine Ehre!

Glücklich, erschöpft, ratlos, wachsam, gestresst, liebevoll, gereizt, entspannt, langsam, aus dem Häuschen, unpünktlich, froh, erwartungsvoll, wütend, frei, erleichtert, fröhlich, chaotisch, ängstlich, zweifelnd, wach, koffeinsüchtig, gerührt, stark, dankbar, kämpferisch, hoffnungsvoll, demütig, zufrieden, stolz, müde, rastlos, kindisch, lustig, Mutter und Vater.

All das waren wir.
All das sind wir.
All das werden wir sein.
Deinetwegen.
Dafür lieben wir dich.
Denn du bist unser Kind.

Ihr Lapideus

Der nächste reguläre Artikel erscheint am 5.12.2012.

Und Schluss!

Gleich vorweg: Achtung, Spoiler-Gefahr!

Einige Autoren behaupten, der Schluss sei – nach dem Anfang – das Zweitwichtigste an einem epischen Text. Er sei ein eingelöstes Versprechen, er sei der Teil eines Buches, der für den Nachgeschmack, den es hinterlässt, verantwortlich ist, er habe das verdiente Ziel nach einer manchmal kurzen, manchmal etwas längeren Reise zu sein.

Ich teile diese Meinung. Denn wie oft haben sie schon eine Variation den Satzes “Also das Ende hab ich gut/blöd gefunden” gehört? Doch sicherlich öfter, als Kommentare zu Anfang oder Textkörper, oder?

Und wenn Sie jetzt, in diesem Moment, an ein beliebiges (erzählendes) Buch denken, das Sie gelesen haben – welche Stationen darin sind Ihnen am lebhaftesten in Erinnerung? Ist der Schluss darunter?

Schlussart

Der Anfänge gibt es viele, der Enden jedoch nicht. Unterscheiden kann man prinzipiell zwischen drei Spielarten: Geschlossen, offen und Überraschung (Twist).

Die geschlossenen Formen kommen in den Varianten Happy End und tragisch daher. Der Text wird also mit einem klaren Ende versehen, und der Held ist entweder happy oder eben nicht. Wie auch immer, der Leser legt den Text mit dem Gefühl beiseite, es sei alles erklärt, man sei fertig, nun sei der Spaß vorbei.

Offene Enden hingegen sind, nun ja, offen, ambivalent. Der Leser muss sich selbst einen Reim auf den Text machen, muss in seinem Kopf sein eigenes Ende konstruieren. Dazu muss ihm der Text aber auch die Möglichkeit geben! Der Leser muss den Text interpretieren können, der Text selbst muss also interpretierbar und einigermaßen logisch sein. Ist das nicht der Fall, bleibt man als Leser irritiert und wahrscheinlich auch enttäuscht auf der Strecke.

Der Twist ist wohlbekannt aus Film und Fernsehen, denn viele Leuchtspielereignisse der letzten Jahre, Jahrzehnte gar, twisten und surprisen, dass es eine helle Freude ist. Da sind Psychiater den ganzen Film über tot und wissen es gar nicht, da ist eine zu Beginn der Story eingeführte Figur names Tschechow plötzlich der Mörder, da sind es gar nicht zwei verschiedene Charaktere sondern nur eine mit gespaltener Persönlichkeit. Manchmal sind es auch bis zu 7 Figuren, die einen Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung ihr trautes Heim nennen. Im Kino singt man also oft Songs von Chubby Checker: Come on, let’s twist again.

Fritz Gesing, der in seinem Buch “Kreativ Schreiben” (Kaufempfehlung!) eine etwas andere Gliederung möglicher Enden aufzeigt, spricht auch noch von einer Kreisbewegung, die im Text stattfinden kann. Damit meint er, dass der Protagonist am Ende wieder in etwa dort ankommt, wo er gestartet ist.

This is not an Exit

Bildnachweis: Sean Duran (CC BY-NC-ND 2.0)

Beispiele

Happy End – mir fällt ein: Harry Potter. Die einzelnen Bücher zeigen zwar die eben erwähnte Kreisbewegung (Harry kehrt – zumindest in den ersten paar Bänden – immer wieder in den Ligusterweg zurück, jedoch ist er nicht mehr derselbe, der die Dursleys Anfang des Schuljahres verließ), das Ende des gesamten Zyklus ist aber so linear happy wie es nur geht: Der Bösewicht erleidet sein episches Schicksal, die wesentlichen Figuren überleben mit leichten Blessuren, und der Epilog lässt keinen Zweifel daran, dass die Welt jetzt und in alle Ewigkeit eine bessere ist.

Tragisches Ende – ein klassisches Beispiel ist selbstverständlich “Romeo und Julia”. Der arme Romeo glaubt seine Julia bereits dahingeschieden, irrt natürlich, bringt sich um, Julia erwacht, sieht ihrerseits den toten Romeo und folgt ihm dolchstoßend (oder schießend, je nach Bearbeitung) nach. Die Liebenden, ihres Zeichens Kinder verfeindeter Häuser sind im Tode vereint.

Als Beispiel jüngerer Natur führe ich den letzten Teil der “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”-Reihe an, “Mostly Harmless”. Nach einer Odyssee, die sogar Odysseus in den Depressivselbstmord gedrängt hätte, kehrt Arthur Dent auf die Erde zurück (Kreisbewegung!), um neuerlich ihrer Zerstörung beizuwohnen. Nur diesmal entkommt er nicht – wenn man den 2009 veröffentlichten, nicht aus Douglas Adams Feder stammenden sechsten Teil “And Another Thing” mal ignoriert.

A tremendous feeling of peace came over him. He knew that at last, for once and for ever, it was now all, finally, over.

Der Leser ist zwar traurig (zumindest ich, solange ich den 6ten Teil noch nicht gelesen habe), aber einigermaßen zufrieden: Die Passion Arthur ist beendet, er hat (hoffentlich) einen höheren Bewusstseinszustand erreicht. Und auch Agrajag hat endlich mal die Chance auf eine Inkarnation, die an Altersschwäche stirbt.

Offenes Ende – ich denke an “Homo Faber” von Max Frisch. Walter Fabers Bericht endet kurz vor einer Magenoperation mit dem Tagebucheintrag “Sie kommen.”. Es ist zwar anzunehmen, dass Faber die Operation nicht überleben wird, aber gesagt wird es nicht.

Auch dem Buch “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche kann man ein offenes Ende im Sinne der Ambivalenz attestieren. Man könnte den Schluss mit ein bisschen Phantasie nämlich auf (mindestens?) zwei verschiedene Weisen lesen: Ist die Notoperation schief gegangen? Ist die Tür, die Helen durchschreitet, in Wirklichkeit der Tod, der Eintritt in ihr persönliches Paradies? Oder geht sie wirklich, gesundet am Allerwertesten, mit ihrem neuen Freund ins Glück? So oder so, hinter der Tür ist der Kopf des Lesers gefragt.

Überraschung und Twist – Beispiele ohne Ende, beginnend mit der griechischen Tragödie. Ödipus etwa, der, ohne sich dessen bewusst zu sein, seinen Vater ins Jenseits respektive in die Unterwelt befördert und zu allem Überfluss seine Mutter ehelicht. Heutzutage vor allem, wie bereits erwähnt, in Film und Fernsehen. Edward Norton erkennt, dass er sich selbst schlägt und nicht Bradley, und so weiter und so fort. Darüber hinaus: Jeder Whodunit-Krimi twisted im Prinzip ein wenig oder ein wenig mehr. Wenn Sie an einer recht umfangreichen Darstellung von Twist-Enden interessiert sind, folgen Sie bitte diesem Link: “Plot Twist” auf Wikipedia.

Das Ende-Quiz (Achtung: Erhöhte Spoiler-Gefahr!)

Zum Abschluss ein kurzes Quiz: Ich nenne Ihnen die letzten Sätze einiger Bücher (quer durch den Gemüsegarten) und Sie müssen erraten, um welches es sich jeweils handelt. Überall dort, wo die Erwähnung von Namen das Quiz zu einfach werden lassen würde, habe ich eben jene durch Sternchen ersetzt. Viel Spaß!

******* und ****** fielen bestürzt und in Tränen auf die Knie und schlossen **** *******s Hände, die sich nicht mehr bewegten, in die ihren. Von dem Schein der beiden Leuchter erhellt, fiel *** *******s Kopf zurück. Sein weißes Antlitz war zum Himmel gerichtet.

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Aus “Die Elenden” von Victor Hugo. Die gesternten Namen lauten Cosette, Marius und natürlich Jean Valjean.

Ihre leblose Gestalt trieb durch den Fluss davon, und er sah ihr nach, wie sie sich entfernte, im Gefolge von Fanny Ferreira und Pierre Niémans.
Am Horizont über den Bergen ging eine strahlende Sonne auf.
Karim achtete nicht darauf.
Die Dunkelheit, die sein Herz gefangen hielt, vermochte keine Sonne zu durchdringen.

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Aus “Die purpurnen Flüsse” von Jean-Christophe Grangé.

“Think on it, *****: that princess will have the name, yet she’ll live as less than a concubine—never to know a moment of tenderness from the man to whom she’s bound. While we, *****, we who carry the name of concubine—history will call us wives.”

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Aus “Dune” von Frank Herbert. Der gesternte Name lautet Chani.

Herr ******* stand da, verkehrsumtost, und fühlte sich leer. Er wollte nach Hause, da erwartete ihn nichts außer ein paar Büchern und einem leeren Bett. Vielleicht sollte ich mir doch mal wieder einen Fernseher anschaffen, dachte er. Oder mal Urlaub machen. Mit Heidi nach Bali. Oder nach Polen. Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.
Ich gehe erst mal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

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Aus “Herr Lehmann” von Sven Regener. Der gesternte Name lautet selbstverständlich Lehmann.

In der Welt, so wie ihr Vater sie sah – das wusste Jenny **** –, brauchen wir Energie. Ihre berühmte Großmutter, Jenny Fields, hatte die Menschen einst in «Äußerliche», «lebenswichtige Organe», «Abwesende» und «Hoffnungslose» eingeteilt. Aber in der Welt, so wie **** sie sah, sind wir alle unheilbare Fälle.

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Aus “Garp und wie er die Welt sah” von John Irving. Der gesternte Name lautet Garp.

»In Ordnung«, sagte Iran. »Ich möchte, dass sie in jeder Hinsicht einwandfrei funktioniert. Mein Mann hängt sehr an dem Tier.« Sie nannte ihre Adresse und legte auf. Jetzt war ihr wohler. Sie bereitete sich eine letzte Tasse schwarzen, heißen Kaffee.

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Aus “Blade Runner” von Philip K. Dick.

Sie befreite ihren Geist von allen Gedanken an sich selber, an die Kinder, von allem Zorn, aller Auflehnung, allen Problemen. Und dann betete sie mit tiefem, heißen Wunsch, zu glauben, gehört zu werden, wie sie es seit dem Mord an Carlo Rizzi jeden Tag getan hatte – betete für die Seele von ******* ********.

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Aus “Der Pate” von Mario Puzo. Der gesternte Name lautet Michael Corleone.

… and this is followed by a sigh, then a slight shrug and another sigh, and above one of the doors covered by red velvet drapes in Harry’s is a sign and on the sign in letters that match the drapes’ color are the words THIS IS NOT AN EXIT.

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Aus “American Psycho” von Bret Easton Ellis.


An dieser Stelle mache ich Schluss!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 21.11.2012 um 7:15