Monthly Archives: January 2013

Twittern Sie auch zu viel?

Franz Marc - Der tote Spatz

Franz Marc (1880-1916) – Der tote Spatz
[Public Domain] via Wikimedia Commons

Obwohl ich bereits seit längerem einen Twitter-Account besitze, habe ich noch nie so viel Zeit auf dieser Plattform verbracht wie in den letzten vier Wochen. Ich bin mir nun sicher: Twitter ist einzigartig.

Auf Twitter kommuniziert man mit Menschen, denen man nie zuvor begegnet ist. Den meisten dieser Menschen wird man vermutlich auch nie begegnen, will sagen: von Angesicht zu Angesicht. Und trotzdem gibt es eine Verbindung mit ihnen.

Es ist nämlich unglaublich leicht, auf Twitter Menschen mit Interessen und Neigungen zu finden, die den eigenen ähnlich sind. Man kann sich austauschen. Man erhält eine Fülle von Informationen – Links auf Zeitungs- und Blogartikel, Vorschläge, Empfehlungen, you name it – die man kaum überschauen kann. Herrlich!

Der Nachteil dabei: Man kann 24/7 twittern (schreibend wie lesend) und bekommt trotzdem nur einen winzigen Bruchteil dessen mit, was so in die Welt hinausgezwitschert wird. Twitter ist ein Fass ohne Boden. Ein großartiges – zugegeben. Doch das ändert nichts an der Sache.

Schreiben

Mein erklärtes Ziel für 2013 ist es noch immer, ein Buch zu schreiben. Nennen wir es von mir aus Roman. Was es am Ende wirklich wird, werden wir sehen.

Der Haken dran ist, dass meine Zeit knapp bemessen ist. Ich bin Ehemann, Vater zweier Söhne und verdiene mein Geld in einem Job, der mit dem Schreiben so viel zu tun hat wie Schneeschaufeln mit dem Anfertigen von Eisskulpturen.

Ich muss also mit meiner Zeit haushalten. Die Zahl der Freiräume, die ich für das Schreiben reservieren kann, ist gering. Ich muss priorisieren.

Und dann kommt Twitter daher, wo Menschen Texte in die Welt pfeifen, denen man sich kaum entziehen kann. Wo Menschen das Schreiben ganz offensichtlich genauso lieben wie man selbst – oder sogar noch mehr.

Notbremse

Im meinem Artikel „Baseball“ habe ich schon einmal ein ähnliches Szenario beschrieben: Meine Schreibzeit war auch damals bedroht worden. Nur, dass der Aggressor eben Baseball war, und nicht Twitter.

Im Unterschied zu Baseball hat Twitter jedoch bereits eine Schlacht gewinnen können. Es hat nämlich in meinem Kopf Fuß gefasst. Ich twittere gern. Es macht mir Spaß. Der Akku meines Smartphones ist schon am Verzweifeln.

Was bleibt mir also? Ich fürchte, ich kann nur die Notbremse ziehen. Gemäßigt, wohlgemerkt. Es soll ja kein voller Stopp werden. Eher eine wohldosierte, aber sehr scharfe Bremsung in Richtung gemächliches Fahren.

Ich werde nur mehr jenen Menschen folgen, die mich wirklich interessieren. Alle anderen muss ich um Verzeihung bitten. Darüber hinaus werde ich nur mehr ein- oder maximal zweimal pro Tag twittern. Anders geht es wohl nicht.

Wenn Sie sich in einer ähnlichen Situation befinden wie ich, dann verraten Sie mir bitte, wie Sie sie handhaben. Wie sieht Ihre Lösung aus? Das würde mich wirklich interessieren!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 6.2.2013.

 

Der Fußball-Pfarrer

Édouard Manet - The Funeral

Bildnachweis: Édouard Manet (1832–1883) [Public domain], via Wikimedia Commons


Vor ein paar Tagen musste ich zu einer Beerdigung. Ein Todesfall in der Familie. Längere Krankheit, der Tod abzusehen, trotzdem furchtbar traurig. Sie kennen das.

Es war eine katholische Beerdigung, mit Aufbahrung und Totenmesse. Kleine Kirche in einer kleinen Ortschaft weit draußen am Land. Wo die Menschen noch gläubig sind. Auch das kennen Sie vermutlich.

Der Protagonist meiner Geschichte ist der Pfarrer, der die Messe hielt. Stellen Sie sich bitte einen Mann Mitte 40 vor, hager, mit dunklen, aber im Ergrauen befindlichen Haaren, Reindlschnitt, wie man in Österreich sagt, also als würde man sich einen Topf aufsetzen und dann alles abschneiden, was unter dem Rand hervorragt.

Und jetzt stellen sie sich bitte vor, dass dieser Mann in feierlicher Stimme all jene katholischen Texte und Lieder aufsagt respektive singt, die man als katholischer Pfarrer eben zu sagen und zu singen hat, wenn man einem Toten eine Messe hält. In bestem Hochdeutsch, so wie man es ihm im Priesterseminar einst beibrachte.

Nun, da sie dieses Bild vor Ihrem geistigen Auge haben, versucht der Pfarrer plötzlich zu improvisieren. Er sagt Sätze, die er nirgendwo ablesen kann, spricht frei über das Leiden, über die Erlösung. Das Hochdeutsch ist ganz plötzlich unsauber, durchzogen von einem doch recht prominenten Wiener Dialekt und einigen Verzögerungslauten. Ich weiß sofort (oder bin zumindest recht sicher), dass der Mann aus Meidling stammt – einem Wiener Bezirk, der für die besondere Aussprache des Buchstabens “l” bekannt ist.

Ich bin dermaßen überrascht, dass meine Tränen versiegen und ich beinahe lachen muss. Nur beinahe, keine Sorge, mir geht die ganze Sache doch zu nahe, als dass sich meine Mundwinkel nach oben bewegen könnten.

Authentische Figuren

Was ich in diesem Moment aber sehr wohl mache, ist, ans Schreiben zu denken. Und daran, wie wichtig authentische Figuren für eine gute Geschichte sind.

Sehen Sie sich doch mal in ihrem Bücherregal um. Welch unglaublich starke und differenzierte Figuren dort zwischen den Buchdeckeln schlummern. Oskar Matzerath und seine Familie – seine beiden vermeintlichen Väter, der eine ein Nazi-Mitläufer, der andere ein zart besaiteter Beamter. Die furchtbare Madame Bovary und ihr Mann, der gutgläubige Arzt. Garp und seine für die Rechte der Frau kämpfende Mutter Jenny Fields.

Die Autoren der zugehörigen Bücher haben es geschafft, wunderbar dreidimensionale und (ich verspreche, ich verwende dieses Wort nun zum letzten Mal) authentische Figuren zu zeichnen. Man glaubt jedes Wort, das ihnen in den Mund gelegt wird, man hinterfragt keine ihrer Handlungen, findet nichts an ihnen unlogisch oder befremdlich. Sie sind so, wie sie sind. Sie sind echt. In unserem Kopf.

Menschen beobachten

George Tabori sagt in seinem Buch “Autodafé – Erinnerungen” : “Weil ein Schriftsteller, nach meinem Geschmack, muss ein Fremder sein.” (Siehe dradio.de)

Ich möchte diesen Satz so lesen, dass ein Schriftsteller ein außerordentlich guter und neugieriger Beobachter sein muss. Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass man nur dann glaubwürdige Figuren erschaffen kann, wenn man sich für Menschen interessiert und ihre Eigenheiten wahrnimmt.

An dieser Stelle kommt der Pfarrer wieder ins Spiel: Das Stereotyp, das man von einem Geistlichen im Kopf hat (ich behaupte: steif, zurückhaltend, etc.) wird durch die Fußballtraineraussprache durchbrochen. Ich halte den Pfarrer jetzt schon – also ohne weitere Beschreibung oder Ausschmückung – für eine tolle Figur. Ich könnte ihn so nehmen, wie ich ihn erlebt habe, und in einen Text packen. Und nichts daran wäre verkehrt.

Der Sukkus: Ich werde mir künftig noch größere Mühe geben, Menschen zu beobachten. Denn ich will auth… Ich will Figuren in meinen Texten, für die sich der Leser interessiert.

Ihr Lapideus