Monthly Archives: February 2013

Ich erinnere mich

Es ist Nacht. Meine Frau und meine Kinder schlafen. Das Smartphone, mit dem ich eben noch eine glatte Stunde auf Twitter zugebracht habe, liegt auf meinem Nachttisch. Flugbetriebsmodus.

Ich schließe die Augen.

Die Übung beginnt. Sie heißt: In die Vergangenheit reisen. Versuchen, sich an Momente in seinem Leben zu erinnern, die viele Jahre zurückliegen. Momente, die bereits unendlich fern scheinen.

Zunächst ist da nicht viel. Kurze Blitze in meinem Schädel: Gesichter, Wörter, vielleicht ein paar Geräusche. Sie tauchen vor meinen inneren Sinnen auf, verschwinden wieder, erheben sich erneut. Sie sind unscharf, gedämpft. Als würde ich in einem mit Gelee gefüllten Aquarium sitzen.

Ich konzentriere mich auf einige der Blitze, blende andere aus. Wähle nur die vielversprechenden: zum Beispiel das Jammern eines Kollegen, der nasse Füße hat. Wir stehen auf der Mariahilferstraße in Wien. Es hat geregnet. Seine Schuhsohlen sind aus Leder und haben sich mit Wasser vollgesogen.

Diese Ledersohlen und das Lamentieren rufen mir weitere Bilder in Erinnerung: die Jacken, die wir trugen (wir waren Werber für eine Umweltschutzorganisation). Die plumpe Methode, mit der er Menschen, vornehmlich Frauen, zum Spenden bringen wollte. Sein Name: Fritz. Seine Frisur: viel Haarspray. Sah aus, als hätte er ein dunkelbraunes Brett auf dem Kopf.

Und dann habe ich plötzlich eine ganze Szene vor meinem geistigen Auge. Eine Szene, die sich etwa 1997 zugetragen hat. Diesmal am Graben, bei der Pestsäule. In den Hauptrollen: Der Kollege, ein mit Burgern und Pommes gefülltes Sackerl einer Fast-Food-Kette, das auf dem kleinen Werbetischchen der Umweltschutzorganisation steht, und ein erzürnter Passant, der meint, man könne doch nicht dieses Sackerl auf diesen Tisch stellen, das gehöre sich nicht, immerhin sei die Fast-Food-Kette doch ein ganz großer Umweltsünder und natürlicher Feind unserer Organisation.

Ich erinnere mich, dass mein Kollege furchtbare Angst davor hatte, seinen Job zu verlieren. Er befürchtete, dass der Passant bei der Organisation anrufen und sich beschweren würde. Dass die Organisation wiederum den Chef der Agentur anrufen würde, und dass der Chef am Ende bei ihm, dem Kollegen, anrufen und ihm sagen würde: “Du, ich mag dich, du bist gut, wirklich gut, aber das mit dem Sackerl, du weißt, des geht net. Net bös sein, aber morgen brauchst nimmer kommen.”

Reiseziel

Die Wiener Innenstadt verblasst, genau wie das Gesicht meines Kollegen.

Ich kehre in mein Bett zurück. Es ist dunkel. Meine Frau atmet ruhig und gleichmäßig. Das Babyfon aktiviert sich, verstummt aber gleich wieder – einer meiner Söhne wird sich wohl im Schlaf bewegt haben.

Ich erkenne: Meine Reise trug mich 16 Jahre in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der meine Kinder noch nicht einmal ein Gedanke waren. In eine Zeit, von der ich nicht zu hoffen wagte, dass sie noch so viel Platz in meinem Gehirn einnehmen würde.

Und ich bin froh, denn ich will schreiben. Und für jemanden der schreiben möchte, ist ein Kopf voller Erinnerungen Gold wert. Ich kann Menschen, denen ich begegnet bin, in Figuren umwandeln. Ich kann aus Orten, die ich besucht habe, Settings entwerfen. Ich kann vielleicht sogar ganze Szenen dem wahren Leben entnehmen und nach Lust und Laune umschreiben. Oder sie so lassen wie sie sind.

Ich muss nun schlafen gehen. Und morgen Nacht … da werde ich wieder in die Vergangenheit reisen.

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 13.3.2013. (Was für ein Datum!)

 

Fortsetzung folgt?

Christian Neumann, der mir bereits vor einigen Wochen in einem Interview Rede und Antwort stand, stellt in diesem Gastartikel seine Ideen für künftige Projekte vor. Und er beschreibt vertraute Probleme: Zeit als ewiger Engpass und die Notwendigkeit der Selektion.

Zwei Bücher geschrieben. Im Eigenverlag veröffentlicht. Jeweils dreistellige Käufer- und Leserzahlen, viel positives Feedback.

Doch was nun?

Das Schreiben ist natürlich immer noch „nur“ ein Hobby, aber die Ansprüche sind inzwischen gestiegen. Nicht die literarischen, weil ich sowieso nur so schreiben kann, wie mir das Hirn gewachsen ist. Und die vielen positiven Rückmeldungen haben mir gezeigt, dass mein Stil bei ausreichend vielen Leuten so gut ankommt, dass ich mir diesbezüglich keine großen Gedanken machen muss. Immerhin bekomme ich aus irgendeinem Grund nicht nur den Pfarrer, sondern sogar den Erdäpfelbauern authentisch hin.

Kartoffelernte

Max Liebermann (1847-1935) – Kartoffelernte
[Public Domain] via Wikimedia Commons

Die gestiegenen Ansprüche betreffen vielmehr die Zeit. Die Zeit ist wohl für die meisten Hobby- und Nebenerwerbsautoren die knappste Ressource. Bei jedem Buchprojekt kommt früher oder später die Phase, wo man viel Zeit investieren muss, um aus einer guten Idee ein Werk zu schaffen, das auch veröffentlicht werden kann. Dann ist es nicht mehr nur Spaß, sondern eine zeitlang auch richtig Arbeit. Ein notwendiges Übel, das ich bei einem Hobby nur in Kauf nehmen will, wenn ich nachher auch etwas davon habe.

Meine größte Motivation besteht dann in der Aussicht, dass ich die Freude, die ich beim Schreiben habe, mit anderen teilen kann. Das heißt aber auch, dass ich den Schritt vom vagen Projekt zur intensiven Umsetzung nur mehr gehen möchte, wenn die Aussicht auf Fertigstellung halbwegs hoch ist.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich für mich die eingangs gestellte Frage: Was nun?

Kein Ideenmangel

Zur Auswahl gäbe es zunächst den spannenden Krimi rund um Kommissar Strohzagl, der im Kleinkunstmillieu von Schleimstätten angesiedelt wäre. Ein Vorteil wäre die vertraute Umgebung der ersten beiden Bücher und der im Grunde schon fertige Plot. Aber einen spannenden Krimi zu schreiben, ist alles andere als banal – ein Krimi braucht Struktur und sehr viel Liebe zum Detail. Diesbezüglich sind meine Ansprüche schon als Leser ziemlich hoch.

Dann gäbe es den (mindestens) dreiteiligen Fantasyschinken mit Prinz Frederick in der Hauptrolle, Arbeitstitel „Thingum“. Das wäre ein herrlicher Abenteuerspielplatz voll abstruser Handlungsfäden. Jedoch: Eine im Fantasy-Genre übliche Menge an Text zu Papier zu bringen benötigt äußerst viel Zeit. Ich bezweifle, dass selbst ein volles Jahr Urlaub für die Umsetzung ausreichen würde.

Oder wie wäre es mit Ftzgrm, dem Sockenzauberer? Der Text zu diesem Kinderbuch ist immerhin schon zu zwei Dritteln fertig. Da wir gerade sehr sehr sehr viele Kinderbücher lesen, fällt die Umsetzung hier etwas leichter als bei den anderen Projekten. Auch wenn bei einem Kinderbuch die Illustrationen nicht zu kurz kommen dürfen, wo ich definitiv auf fremde Hilfe angewiesen bin, bin ich zuversichtlich, dass der Sockenzauberer sein Buch irgendwann bekommen wird. Ich hoffe nur, dass mein Sohn zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind ist. Notfalls kann er das Buch auch gemeinsam mit mir fertig schreiben …

Schließlich könnte ich mich auch der Beschreibung der politisch hochbrisanten Vorgänge in Großpoppen im Waldviertel (Niederösterreich) widmen. Das würde medial selbst Braunschlag weit in den Schatten stellen, könnte mir aber aufgrund der oben erwähnten Brisanz und meiner unten erwähnten Arbeitsstelle Probleme bereiten, an die ich gar nicht zu denken wage! Haus und Hof kosten! Kopf und vielleicht sogar Kragen! Und das wäre erst der Anfang! Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin, für die Kunst ein solches Risiko einzugehen …

Bis zur Konkretisierung des einen oder anderen Projektes – oder der plötzlichen Inspiration zu einem neuen, ganz anderen Thema – arbeite ich an einem medizinischen Fachbuch mit. Das ist zwar nicht ganz so kreativ, hat aber auch seine Vorteile: Erstens finde ich das Thema sehr interessant, zweitens wird das Buch meinen Anspruch auf Fertigstellung sicher erfüllen, und drittens kann ich durch die Beschäftigung mit einem Fachthema sozusagen meine kreativen Batterien aufladen.

Was die schöne Prosa betrifft, ist für mich wenigstens eines keine Frage: Fortsetzung folgt!

Christian Neumann

Christian Neumann (Jahrgang 1974) hat Statistik studiert und übt seinen Beruf im niederösterreichischen Landesdienst aus. Er ist verheiratet, hat ein Kind und folgt damit dem statistischen Trend.

Furunkel im Darm” und “Lagerkoller” von Michel Fleck und Christian Neumann sind im Eigenverlag erschienen. Weitere Informationen finden Sie auf www.lagerkoller.at.

Der nächste Artikel erscheint nächste Woche, und zwar am 27.2.2013.

 

Der Vorleser

Der folgende Artikel wurde bereits auf dem Blog Astrodicticum Simplex veröffentlicht. Ich habe mich dazu entschlossen, ihn zu überarbeiten und noch einmal auf meiner eigenen Seite zu posten, weil ich das Thema gut und wichtig finde. Außerdem finden sich in der ersten Version ein paar Schwächen – vermutlich hatte ich mir den Text nicht oft genug vorgelesen.

Ich gebe zu: Ich mag es, anderen vorzulesen. Das habe ich schon in der Schule gern getan. Das Vorlesen von Texten war eine der wenigen Aufgaben im Deutschunterricht, zu denen ich mich immer freiwillig meldete.

Meine Mitschüler waren allerdings kein besonders gutes Publikum (Sorry, Leute!). Meine beiden Söhne hingegen sind da schon um einiges dankbarer. Der ältere liebt seine Bilderbücher über alles und kann sie gar nicht oft genug vorgelesen bekommen. Einige davon werde ich wohl noch in ein paar Jahren fehlerlos rezitieren können.

Franz Marc - Der tote Spatz

Rudolf Ernst (1854-1932) – Die Vorleserin
[Public Domain] via Wikimedia Commons

Und nun verrate ich Ihnen ein kleines Geheimnis: Auch meiner Frau lese ich vor. Jeden Abend, und das schon seit vielen Jahren. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich ihr bereits vorgetragen habe. Es müssen wohl einige Dutzend sein.

Aber wie gesagt: Ich tu es gern. Es macht mir Spaß.

Textmelodie

Aber warum ist das so?

Natürlich weil es eine wunderbare soziale Interaktion ist. Doch das ist nicht der einzige Grund. Es geht auch um die Melodie eines Textes. Um seinen Rhythmus. Beides kommt durch lautes Vorlesen so richtig zur Geltung. Der Text wird so zu einem noch intensiveren Erlebnis.

Man ist plötzlich Schauspieler – man spricht Dialoge, als würde man auf der Bühne stehen oder vor einer Kamera. Die Figuren werden lebendiger, der Text erhält eine neue Dimension.

Eigene Texte verbessern

Vorlesen macht aber nicht nur Spaß, es ist auch nützlich. Es kann dazu dienen, die Qualität der eigenen Texte zu erhöhen.

Falls Sie diese Methode noch nicht kennen, schlage ich Ihnen ein Experiment vor: Schreiben Sie einen Text. Überarbeiten Sie ihn, bis er Ihnen stimmig erscheint, und dann lesen Sie ihn. Lesen Sie ihn gründlich.

Zufrieden damit? Gut!

Und jetzt lesen Sie ihn sich selbst laut vor.

Fertig? Dann mal ehrlich: Wie oft sind Sie irgendwo gestolpert, als ob der Text an dieser Stelle ein Schlagloch hätte? Wie oft hatten Sie das Gefühl, dass zwei Sätze sich in ihrem Rhythmus, in ihrer Melodie zu ähnlich sind? Wie oft hatten Sie das Gefühl, dass ein Absatz plötzlich nicht mehr homogen wirkt?

Öfter, als Sie es für möglich gehalten hatten, oder?

Ein wichtiges Werkzeug

Das laute Vorlesen meiner eigenen Texte ist für mich ein unverzichtbares Werkzeug geworden. Ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie viele Fehler/Schlaglöcher/hässliche Melodien ich finde, obwohl ich bereits der festen Überzeugung war, dass der Text in Ordnung sei.

Die Methode lässt sich übrigens auf jede Art von Text anwenden. Es macht keinen Unterschied, ob es sich um eine Kurzgeschichte, einen Zeitungsartikel oder eine wissenschaftliche Publikation handelt.

Oder um ein Posting wie dieses hier.

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 20.2.2013.