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Die Leiden eines Vegetariers

Ich bin kein Heiliger. Ich habe, konditioniert und unreflektiert wie ich nun mal war, 35 Jahre lang Fleisch konsumiert. Ich schäme mich dafür, aber es ist nicht mehr zu ändern.

Doch ich habe einen Schlussstrich gezogen: im letzten Jahr bin ich zunächst Vegetarier und dann Veganer geworden. Meinetwegen soll kein Tier mehr den Tod finden.

Die Umstellung war ein Lernprozess. Ich habe Nahrungsmittel kennen und schätzen gelernt, deren Namen ich zuvor nicht einmal kannte. Ich habe mich recht intensiv mit Fragen der Ernährung beschäftigt. Ich habe mich mit den Philosophien auseinandergesetzt, die hinter Vegetarismus und Veganismus stehen.

Am meisten jedoch habe ich gelernt, nicht zu verzweifeln und nicht bitter zu werden.

Nicht, dass Sie jetzt glauben, ich wäre schlecht behandelt worden oder gar ausgelacht. Keine Spur: Ich wurde nicht gemobbt, nicht beschimpft, nicht geschlagen. Tatsächlich stieß ich da und dort sogar auf Anerkennung.

Woran es aber trotzdem niemals mangelte, waren Kommentare. Unreflektierte, vor Überzeugung strotzende, von Unwissen und/oder Ignoranz durchdrungene und, ja, manchmal auch dumme Kommentare.

Und selbst das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht auf eindrucksvolle Weise zeigen würde, was in der menschlichen Gesellschaft so furchtbar schiefläuft.

An ein paar Sager kann ich mich erinnern. Ich möchte sie mit Ihnen teilen:

“Und was ist mit den armen Karotten? Die haben doch auch Gefühle!”

“Weil wir Menschen Fleisch essen, ermöglichen wir es vielen Lebewesen ja überhaupt erst, zu existieren. Die wären sonst nie geboren worden.”

“Ich kenne keine Vegetarier, die Tiere wirklich mögen und in Not aufnehmen würden.”

“Die Vegetarier werden nie gewinnen.”

“Hinter Vegetarismus steht ein militantes Dogma.”

Wut und Wahrheit

Zuerst war ich wütend, zugegeben. Dann traurig. Dann frustriert. Wie jemand es eben ist, der eine Wahrheit gefunden hat, die mit Füßen getreten wird.

Ich möchte Sie nicht langweilen, also versuche ich mich kurzzufassen. Fakt ist: wir leben in einer Welt des Anthropozentrismus. Der Mensch ist einzigartig und toll, alles andere minderwertig. Ich halte das für falsch.

Tiere sind leidensfähig. Bereits Schopenhauer hat erkannt, dass Mensch und Tier hierin gleich sind, wenngleich er die Leidensfähigkeit nach Intelligenz abgestuft hat.

Punkt ist: Tiere SIND leidensfähig. Tiere empfinden Schmerz. Säugetiere (zu denen auch das Tier Mensch zählt, bitte nicht vergessen) emfinden zudem Gefühle wie Angst, Zuneigung oder Freude.

Trotzdem sind Tiere in unserer Welt nur Dinge. Sie sind eine Sache, von der wir glauben, dass wir frei über sie verfügen können. Dass wir sie “nutzen” können. Ich halte auch das für falsch.

Ich sage: Die Menschheit betreibt seit langer Zeit (zumindestens seit der Industrialisierung der so genannten “Fleischproduktion”) den größten Massenmord, den diese Welt je gesehen hat. Und falls Sie sich am Wort “Mord” stoßen: wie sonst würden Sie das Töten eines leidensfähigen, Schmerz und Angst empfindenden Lebewesens beschreiben?

Dabei hat der Mensch es schon lange nicht mehr nötig, Fleisch zu essen – es ist genügend pflanzliches Protein für alle da. Und auch alle anderen tierlichen Produkte können problemlos durch pflanzliche ersetzt werden. Wir haben Techniken und Methoden, um uns von tierlichen Produkten vollständig abkoppeln zu können.

Ich bitte Sie, flehe Sie an: Erkennen Sie diese Wahrheiten, die im Gegensatz zu vielen anderen, die Ihnen täglich präsentiert werden, tatsächlich welche sind.

Ihr Lapideus

ps: Zu den obigen Kommentaren das Folgende:
1. Karotten haben kein Nervensystem und somit keine Gefühle.

2. Lebewesen in Gefangenschaft aufzuzüchten um sie nach einem Bruchteil ihrer eigentlichen Lebenserwartung umzubringen kann ja wohl nicht als gute Tat gelten. Verstecken wir uns nicht hinter selbstgefälligen Ausreden.

3. Ich kenne VegetarierInnen und VeganerInnen, die Tiere sehr lieben. Manche von ihnen so sehr, dass sie gegen Gesetze verstoßen und Tiere befreien. Eine ethische Grundhaltung, die einen das Ermorden von Tieren als falsch erachten lässt, hat aber prinzipiell nichts damit zu tun, ob man Tiere mag oder nicht. Interessant hingegen finde ich, dass viele Tierliebhaber ohne mit der Wimper zu zucken Fleisch konsumieren.

4. Das ist kein Krieg. Und wenn es doch einer sein sollte, dann gibt es nur einen Verlierer: die Tiere.

5. Wenn die Achtung vor und die Wertschätzung von Leben ein militantes Dogma ist, dann stimme ich zu.