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Das vegane Kaninchen

Die Schlagzeile einer österreichischen U-Bahn-Zeitung lautete heute: “AHS-Lehrer tötet vor Augen der Schüler zwei Kaninchen“. Hashtag “Tierleid”. Der Mann tötete – so der Bericht – offenbar zwei Kaninchen (“süßes Langohr”) mittels Bolzenschussapparat, um sie hernach vor versammelter Klasse zu sezieren.

Die Folgen? Die Schülerinnen und Schüler seien entsetzt gewesen, gegen den Lehrer sei relativ umgehend ein Strafverfahren (Tierquälerei, mutmaße ich) eröffnet worden, er habe den Tierschutzverband am Hals und es drohe ihm außerdem ein Disziplinarverfahren.

Zusammenfassend: Österreich ist empört, sowas gehört sich einfach nicht, das macht man nicht, wo hat denn der bitte sein Lehramt gemacht, vor allem in einer Unterstufe geht sowas nicht, natürlich gehöre Kindern erklärt, dass Tiere zum Verzehr getötet würden, aber doch bitte nicht so, und so weiter, und so weiter.

Ja, ich bin auch empört. Aber nicht nur, weil der Mann die zwei Kaninchen abgemurkst hat, sondern weil die meisten Menschen, die sich über den Lehrer echauffieren, überhaupt kein Problem damit haben, eine Wurstsemmel zu essen. Oder ein Schnitzel.

Jeden Tag sterben unzählige Tiere per Bolzenschuss und Ausblutenlassen in unzähligen Schlachthäusern. Ihr Leid ist unerträglich, doch niemanden schert es. Denn dort ist ja keine Schulklasse, die zusieht. Überhaupt sind dort nur Wenige. Alles schön versteckt. Aber das ist in Ordnung, denn worauf es ankommt, ist: Man muss ja schließlich Fleisch essen! Geht doch gar nicht anders.

Ein Interview mit Sarah Wiener, auf das mich eine Kollegin kürzlich aufmerksam machte, geht in dieselbe Richtung: Vegansein sei nicht die Lösung, zu vieles industriell und künstlich, man entferne sich zunehmend von der Natur. Und schließlich die immer wiederkehrende Vermutung der Carnivoren: Ob es nicht einfach unser Schicksal sei, Tiere zu essen. B12 und Enzyme und so. Sie wissen schon.

Das alles tut schon sehr weh. Wirklich. Ich möchte an dieser Stelle abbrechen und Sie an einen Vortrag der amerikanischen Psychologin Melanie Joy verweisen. Sie spricht in ihren Werken oft von den drei Ns: Wir empfinden es als normal, natürlich und notwendig, Tiere zu essen. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

Ihr Lapideus