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Missionierung impossible

Oft zu lesen ist der folgende Witz: Woran erkennt man einen Veganer? Antwort: Er erzählt es einem. Ständig. Auch zu lesen: Diverse Beiträge zum Für und Wider; Schriften, die vegan lebende Menschen in Schutz nehmen; solche, in denen sie als Fanatiker bezeichnet werden; solche, in denen auf den Trendzug aufgesprungen und zum gemäßigten Veganismus aufgerufen wird, einmal pro Woche, der Gesundheit wegen; solche, die agrarökonomisch zu dem Schluss kommen, dass Veganer_innen sich etwas vormachen; solche, die meinen, Veganer_innen seien ok, solange sie nicht missionieren. Aus jeder Richtung Artikel, Essays, Büchlein. Aus fast jeder Richtung.

Dieses “fast” ist ein Problem. Was ausgelassen wird ist der simple Fakt, dass in jeder Minute, in der geschrieben, diskutiert, gewitzt, geunkt, beschuldigt wird, 12 Tiere getötet werden. Und das allein in Österreich (siehe Statistik Austria). Blöderweise sind wir gesamtgesellschaftlich noch immer im 17. Jahrhundert unterwegs, denn Descartes’ Ansicht, Tiere seien nichts weiter als geistlose Maschinen, während wir Menschen uns “geistvoll” von ihnen abhöben, wurde nie überwunden oder verworfen.

Außer bei Haustieren natürlich. Beim Kätzchen oder beim Hündchen. Die sind clever. Die bringen wir nicht um.

Und hier stehen wir nun. Der Veganer/die Veganerin hat sich im Laufe seines/ihres Lebens irgendwann klar gemacht, dass an jedem Tag fühlende, denkende Wesen ermordet werden, um als Schnitzel, Kotelett oder Bratwurst zu enden. Der Rest der Menschheit sieht das offenbar anders. Macht seine Witze, fühlt sich von den seltsamen Veggies unter Druck gesetzt, verdrängt die üblen Gedanken und Bilder vielleicht. Obwohl Verdrängung aufgrund gründlicher Sozialisation eigentlich so gut wie nie notwendig zu sein scheint.

Veganer_innen haben derweil wenig Möglichkeiten, das Leid der Tiere wesentlich zu mindern. Einige leben einfach vegan, ohne groß ein Thema daraus zu machen. Wieder andere missionieren – die einen offensiv, die anderen zurückhaltend. Die meisten von ihnen treten einer Veganen Gesellschaft bei. Einige Wenige begeben sich in strafrechtlich relevante Gefilde, was des/der Veganer_in Ansehen in der Gemeinde natürlich auch nicht wesentlich steigert.

Und damit ist Schluss. Mehr geht nicht. Obwohl Minute für Minute Tiere ausbluten. Irgendwie traurig, oder? Und falls Sie mich nun fragen, zu welcher Gruppe ich gehöre, dann muss ich sagen, dass es wohl jene der mild Missionierenden, der “Es-Vorlebenden” ist. Auch wenn dieser Artikel etwas darüber hinausschießt, zugegeben – aber immerhin ist das ja auch mein Blog, und nicht das zwanglose Gespräch zwischendurch.

Daher mache ich Ihnen einen Vorschlag, sollten Sie Fleischesser sein. Wenn Sie das nächste Mal ein Schnitzel am Teller haben, dann begeben Sie sich bitte auf folgende Fantasiereise (aber nur, wenn Sie einen guten Magen haben! Ich will nicht daran schuld sein, dass Ihnen schlecht wird):

Es ist dunkel. Es ist heiß. Dicht neben Ihnen stehen schwitzend noch andere, der Boden wackelt. Dann hört das Wackeln auf. Mit einem lauten Geräusch öffnet sich eine große Ladeklappe. Das Licht, das nun in den kleinen Raum strömt, schmerzt in den Augen. Männer brüllen sie an, schlagen sie mit Ruten. Sie werden aus dem Laderaum hinausgejagt, durch schmale Gatter hindurch. Sie haben Angst. Sie denken an Flucht, doch die ist unmöglich. Vor und hinter Ihnen sind Ihre Leidensgenossen, einer stolpert. Sie steigen auf ihn drauf, es geht nicht anders. Schließlich landen Sie in einer Sackgasse. Ein Mann mit einer seltsam anmutenden Maschine steht vor Ihnen. Er legt sie an ihren Kopf an und noch ehe Sie schreien können, drückt er ab. Sie haben Pech: Sie sind gelähmt, aber noch nicht tot. Sie liegen blutend am Boden. Ein Seil wird um Ihr Fußgelenk gelegt, Sie werden zunächst nach oben, dann zur Seite gezogen, in einen angrenzenden Raum. Ein anderer Mann kommt auf Sie zu, er hält ein großes Messer in der Hand. Ohne zu zögern schneidet er Ihren Bauch auf. Die Schmerzen sind unerträglich. Sie spüren, wie das Blut ihren Körper hinabrinnt. Irgendwann wird es dunkel um Sie herum. Sie haben es überstanden und landen zerlegt im Kühlregal. Glückwunsch!

Das ist in etwa die Geschichte Ihres Schnitzels. Ihres Gulaschs. Grauslich? Sie können ja auch mal Youtube befragen. Sehen Sie sich Videos von Schlachtungen an! Überzeugen Sie sich!

Es gibt einen Ausweg: Lassen Sie sich missionieren. Werden Sie Veganer oder wenigstens Vegetarier. Danke!

Ihr Lapideus