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Und Schluss!

Gleich vorweg: Achtung, Spoiler-Gefahr!

Einige Autoren behaupten, der Schluss sei – nach dem Anfang – das Zweitwichtigste an einem epischen Text. Er sei ein eingelöstes Versprechen, er sei der Teil eines Buches, der für den Nachgeschmack, den es hinterlässt, verantwortlich ist, er habe das verdiente Ziel nach einer manchmal kurzen, manchmal etwas längeren Reise zu sein.

Ich teile diese Meinung. Denn wie oft haben sie schon eine Variation den Satzes “Also das Ende hab ich gut/blöd gefunden” gehört? Doch sicherlich öfter, als Kommentare zu Anfang oder Textkörper, oder?

Und wenn Sie jetzt, in diesem Moment, an ein beliebiges (erzählendes) Buch denken, das Sie gelesen haben – welche Stationen darin sind Ihnen am lebhaftesten in Erinnerung? Ist der Schluss darunter?

Schlussart

Der Anfänge gibt es viele, der Enden jedoch nicht. Unterscheiden kann man prinzipiell zwischen drei Spielarten: Geschlossen, offen und Überraschung (Twist).

Die geschlossenen Formen kommen in den Varianten Happy End und tragisch daher. Der Text wird also mit einem klaren Ende versehen, und der Held ist entweder happy oder eben nicht. Wie auch immer, der Leser legt den Text mit dem Gefühl beiseite, es sei alles erklärt, man sei fertig, nun sei der Spaß vorbei.

Offene Enden hingegen sind, nun ja, offen, ambivalent. Der Leser muss sich selbst einen Reim auf den Text machen, muss in seinem Kopf sein eigenes Ende konstruieren. Dazu muss ihm der Text aber auch die Möglichkeit geben! Der Leser muss den Text interpretieren können, der Text selbst muss also interpretierbar und einigermaßen logisch sein. Ist das nicht der Fall, bleibt man als Leser irritiert und wahrscheinlich auch enttäuscht auf der Strecke.

Der Twist ist wohlbekannt aus Film und Fernsehen, denn viele Leuchtspielereignisse der letzten Jahre, Jahrzehnte gar, twisten und surprisen, dass es eine helle Freude ist. Da sind Psychiater den ganzen Film über tot und wissen es gar nicht, da ist eine zu Beginn der Story eingeführte Figur names Tschechow plötzlich der Mörder, da sind es gar nicht zwei verschiedene Charaktere sondern nur eine mit gespaltener Persönlichkeit. Manchmal sind es auch bis zu 7 Figuren, die einen Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung ihr trautes Heim nennen. Im Kino singt man also oft Songs von Chubby Checker: Come on, let’s twist again.

Fritz Gesing, der in seinem Buch “Kreativ Schreiben” (Kaufempfehlung!) eine etwas andere Gliederung möglicher Enden aufzeigt, spricht auch noch von einer Kreisbewegung, die im Text stattfinden kann. Damit meint er, dass der Protagonist am Ende wieder in etwa dort ankommt, wo er gestartet ist.

This is not an Exit

Bildnachweis: Sean Duran (CC BY-NC-ND 2.0)

Beispiele

Happy End – mir fällt ein: Harry Potter. Die einzelnen Bücher zeigen zwar die eben erwähnte Kreisbewegung (Harry kehrt – zumindest in den ersten paar Bänden – immer wieder in den Ligusterweg zurück, jedoch ist er nicht mehr derselbe, der die Dursleys Anfang des Schuljahres verließ), das Ende des gesamten Zyklus ist aber so linear happy wie es nur geht: Der Bösewicht erleidet sein episches Schicksal, die wesentlichen Figuren überleben mit leichten Blessuren, und der Epilog lässt keinen Zweifel daran, dass die Welt jetzt und in alle Ewigkeit eine bessere ist.

Tragisches Ende – ein klassisches Beispiel ist selbstverständlich “Romeo und Julia”. Der arme Romeo glaubt seine Julia bereits dahingeschieden, irrt natürlich, bringt sich um, Julia erwacht, sieht ihrerseits den toten Romeo und folgt ihm dolchstoßend (oder schießend, je nach Bearbeitung) nach. Die Liebenden, ihres Zeichens Kinder verfeindeter Häuser sind im Tode vereint.

Als Beispiel jüngerer Natur führe ich den letzten Teil der “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”-Reihe an, “Mostly Harmless”. Nach einer Odyssee, die sogar Odysseus in den Depressivselbstmord gedrängt hätte, kehrt Arthur Dent auf die Erde zurück (Kreisbewegung!), um neuerlich ihrer Zerstörung beizuwohnen. Nur diesmal entkommt er nicht – wenn man den 2009 veröffentlichten, nicht aus Douglas Adams Feder stammenden sechsten Teil “And Another Thing” mal ignoriert.

A tremendous feeling of peace came over him. He knew that at last, for once and for ever, it was now all, finally, over.

Der Leser ist zwar traurig (zumindest ich, solange ich den 6ten Teil noch nicht gelesen habe), aber einigermaßen zufrieden: Die Passion Arthur ist beendet, er hat (hoffentlich) einen höheren Bewusstseinszustand erreicht. Und auch Agrajag hat endlich mal die Chance auf eine Inkarnation, die an Altersschwäche stirbt.

Offenes Ende – ich denke an “Homo Faber” von Max Frisch. Walter Fabers Bericht endet kurz vor einer Magenoperation mit dem Tagebucheintrag “Sie kommen.”. Es ist zwar anzunehmen, dass Faber die Operation nicht überleben wird, aber gesagt wird es nicht.

Auch dem Buch “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche kann man ein offenes Ende im Sinne der Ambivalenz attestieren. Man könnte den Schluss mit ein bisschen Phantasie nämlich auf (mindestens?) zwei verschiedene Weisen lesen: Ist die Notoperation schief gegangen? Ist die Tür, die Helen durchschreitet, in Wirklichkeit der Tod, der Eintritt in ihr persönliches Paradies? Oder geht sie wirklich, gesundet am Allerwertesten, mit ihrem neuen Freund ins Glück? So oder so, hinter der Tür ist der Kopf des Lesers gefragt.

Überraschung und Twist – Beispiele ohne Ende, beginnend mit der griechischen Tragödie. Ödipus etwa, der, ohne sich dessen bewusst zu sein, seinen Vater ins Jenseits respektive in die Unterwelt befördert und zu allem Überfluss seine Mutter ehelicht. Heutzutage vor allem, wie bereits erwähnt, in Film und Fernsehen. Edward Norton erkennt, dass er sich selbst schlägt und nicht Bradley, und so weiter und so fort. Darüber hinaus: Jeder Whodunit-Krimi twisted im Prinzip ein wenig oder ein wenig mehr. Wenn Sie an einer recht umfangreichen Darstellung von Twist-Enden interessiert sind, folgen Sie bitte diesem Link: “Plot Twist” auf Wikipedia.

Das Ende-Quiz (Achtung: Erhöhte Spoiler-Gefahr!)

Zum Abschluss ein kurzes Quiz: Ich nenne Ihnen die letzten Sätze einiger Bücher (quer durch den Gemüsegarten) und Sie müssen erraten, um welches es sich jeweils handelt. Überall dort, wo die Erwähnung von Namen das Quiz zu einfach werden lassen würde, habe ich eben jene durch Sternchen ersetzt. Viel Spaß!

******* und ****** fielen bestürzt und in Tränen auf die Knie und schlossen **** *******s Hände, die sich nicht mehr bewegten, in die ihren. Von dem Schein der beiden Leuchter erhellt, fiel *** *******s Kopf zurück. Sein weißes Antlitz war zum Himmel gerichtet.

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Aus “Die Elenden” von Victor Hugo. Die gesternten Namen lauten Cosette, Marius und natürlich Jean Valjean.

Ihre leblose Gestalt trieb durch den Fluss davon, und er sah ihr nach, wie sie sich entfernte, im Gefolge von Fanny Ferreira und Pierre Niémans.
Am Horizont über den Bergen ging eine strahlende Sonne auf.
Karim achtete nicht darauf.
Die Dunkelheit, die sein Herz gefangen hielt, vermochte keine Sonne zu durchdringen.

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Aus “Die purpurnen Flüsse” von Jean-Christophe Grangé.

“Think on it, *****: that princess will have the name, yet she’ll live as less than a concubine—never to know a moment of tenderness from the man to whom she’s bound. While we, *****, we who carry the name of concubine—history will call us wives.”

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Aus “Dune” von Frank Herbert. Der gesternte Name lautet Chani.

Herr ******* stand da, verkehrsumtost, und fühlte sich leer. Er wollte nach Hause, da erwartete ihn nichts außer ein paar Büchern und einem leeren Bett. Vielleicht sollte ich mir doch mal wieder einen Fernseher anschaffen, dachte er. Oder mal Urlaub machen. Mit Heidi nach Bali. Oder nach Polen. Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.
Ich gehe erst mal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

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Aus “Herr Lehmann” von Sven Regener. Der gesternte Name lautet selbstverständlich Lehmann.

In der Welt, so wie ihr Vater sie sah – das wusste Jenny **** –, brauchen wir Energie. Ihre berühmte Großmutter, Jenny Fields, hatte die Menschen einst in «Äußerliche», «lebenswichtige Organe», «Abwesende» und «Hoffnungslose» eingeteilt. Aber in der Welt, so wie **** sie sah, sind wir alle unheilbare Fälle.

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Aus “Garp und wie er die Welt sah” von John Irving. Der gesternte Name lautet Garp.

»In Ordnung«, sagte Iran. »Ich möchte, dass sie in jeder Hinsicht einwandfrei funktioniert. Mein Mann hängt sehr an dem Tier.« Sie nannte ihre Adresse und legte auf. Jetzt war ihr wohler. Sie bereitete sich eine letzte Tasse schwarzen, heißen Kaffee.

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Aus “Blade Runner” von Philip K. Dick.

Sie befreite ihren Geist von allen Gedanken an sich selber, an die Kinder, von allem Zorn, aller Auflehnung, allen Problemen. Und dann betete sie mit tiefem, heißen Wunsch, zu glauben, gehört zu werden, wie sie es seit dem Mord an Carlo Rizzi jeden Tag getan hatte – betete für die Seele von ******* ********.

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Aus “Der Pate” von Mario Puzo. Der gesternte Name lautet Michael Corleone.

… and this is followed by a sigh, then a slight shrug and another sigh, and above one of the doors covered by red velvet drapes in Harry’s is a sign and on the sign in letters that match the drapes’ color are the words THIS IS NOT AN EXIT.

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Aus “American Psycho” von Bret Easton Ellis.


An dieser Stelle mache ich Schluss!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 21.11.2012 um 7:15

 

Verzichtbare Lieblinge

Stephen King rät in seinem  Buch “On Writing: A Memoir of the Craft” (klare Kaufempfehlung an dieser Stelle; sollte jede(r) gelesen haben, die/der sich für kreatives/belletristisches Schreiben interessiert) dazu, von anderen Autoren zu lernen. Und zwar – wie könnte es anders sein –, indem man deren Texte liest. Zahlreich. Am besten sollte jeden Abend ein neues Buch auf dem Nachtkästchen liegen.

Aber was bedeutet das eigentlich, “von anderen lernen”?

Einerseits kann man sich natürlich etwas von anderen abschauen. Man kann versuchen, herauszufinden, was man an ihrer Arbeit gut findet, und dies dann auf die eine oder andere Weise in sein eigenes Werk einfließen lassen.

Die aus meiner Sicht sogar noch wertvollere Methode ist jedoch die Umkehrung des obigen Ansatzes: Nämlich kritisches Lesen. Nach Fehlern zu suchen, nach Unsauberkeiten, nach Dingen, die man eher vermeiden sollte.

Ich versuche das konsequent zu praktizieren und scheitere dabei eigentlich immer nur dann, wenn mich der Autor mit seiner Geschichte dermaßen in seinen Bann zieht, dass ich einfach nicht mehr aufpasse.

Unschönheiten

Bei meiner letzten Lektüre habe ich aber sehr wohl aufgepasst und bin auch fündig geworden.

Gelesen habe ich “The Alchemyst” und “The Magician” aus der sechsbändigen Serie “The Secrets of the Immortal Nicholas Flamel” von Michael Scott. Die anderen Bände liegen schon bereit.

Nicholas Flamel

Bildnachweis: Paul Lacroix (1806–1884) [Public domain], via Wikimedia Commons

Gleich vorweg: Ich will Scotts Bücher hier sicher nicht verreißen. Man darf sich zwar keine literarischen Höhenflüge erwarten, wenn man seine Bücher in die Hand nimmt, aber gute Unterhaltung sind sie allemal. Genau die Art von Buch, die man nach einem harten Tag im Büro lesen möchte: Einfach gestrickt, äußerst lineare Handlung, klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse. So wie das wahre Leben eben nicht ist.

Eine weitere Nebenbemerkung: Ich habe die Bücher im englischen Original gelesen. Alles hier Gesagte bezieht sich also ausschließlich auf die englischen Fassungen. Die unten angeführten Übersetzungen sind meiner Feder entsprungen.

Lieblingswörter und -phrasen

Die erste Sache, von der ich finde, dass man sie vermeiden sollte, ist die inflationäre Verwendung von Lieblingswörtern und -phrasen. Das nervt mich als Leser extrem.

Was ich damit meine, kann ich dank Herrn Scott anhand zweier Beispiele sehr einfach illustrieren: Eine seiner Lieblingsphrasen lautet

He/she tilted his/her head to one side.
(Er/sie neigte seinen/ihren Kopf zur Seite.)

und eines seiner Lieblingswörter ist das Wort “terrifying” (erschreckend, Furcht einflößend).

Ich bin mir sicher, dass Scott diese beiden Textelemente – absolut betrachtet – nicht sehr häufig benutzt. Aber sie fallen unangenehm auf. Speziell die Phrase “… tilted his/her head …” kommt viel zu oft vor, wird bei zu vielen Charakteren eingesetzt.

Dazu kommt noch, dass Scott die Wendung recht spät im ersten Band erneut verwendet, um eine wesentliche Figur (Sophie) näher zu beschreiben:

Sophie’s head tilted to one side, a gesture Josh knew well; his sister did it when she was listening intently to someone.
(Sophie neigte ihren Kopf zur Seite, eine Geste, die Josh nur allzu gut kannte; seine Schwester machte das immer, wenn sie jemandem aufmerksam zuhörte.)

Das sticht dann natürlich umso mehr ins Auge: Er will ja einen Charakterzug, ein Erkennungsmerkmal seiner Figur beschreiben. Und zu diesem Zweck auf eine derart verbrauchte Phrase zurückzugreifen, grenzt schon an Ignoranz.

Zu “terrifying”: Interessant, dass Scott so oft extra darauf hinweisen muss, dass etwas Furcht einflößend ist. Es wird terrifyingly gelacht, Figuren sind gern mal terrified und terrifying creatures gibt es ohne Ende – manchmal sogar in zwei Sätzen hintereinander.

Michael Scott hat noch ein paar andere Lieblinge – “He/she was reluctant to use his/her magic” fällt mir noch ein. Oder “… in a long time … a very long time.

Meine Meinung dazu: Man sollte erst gar keine Lieblinge haben. Und wenn doch, dann sollte man sich dessen sehr bewusst sein oder werden und sie eher zurückhaltend einsetzen. Das funktioniert im Englischen sicher genauso gut wie im Deutschen.

Seltsames Verhalten

Die zweite Vermeidbarkeit, die mir bei Scott aufgefallen ist, ist schwerer zu fassen. Man kann darüber diskutieren, das gebe ich an dieser Stelle schon mal zu, und vielleicht werden Sie anderer Meinung sein als ich, wenn Sie Scotts Bücher gelesen haben.

Ich spreche von “Den-Plot-über-das-Verhalten-der-Charaktere-stellen”.

Was meine ich jetzt damit? Nun ja, in Scotts Büchern verhält sich (mindestens) eine Figur ein wenig seltsam. Sie tut Dinge oder lässt sich auf eine Weise beeinflussen, die ich so nicht wirklich erwarten würde. Ich will hier nichts vorwegnehmen, sonst verderbe ich Ihnen noch den Spaß, aber sollten Sie die Bücher irgendwann einmal lesen oder bereits gelesen haben, dann denken Sie doch bitte über die folgende Frage nach: Ist Joshs Verhalten gegenüber Flamel und Dee nachvollziehbar?

Ich finde nicht. Ich glaube (und das ist nur meine Meinung, für die ich keinerlei Bestätigung habe), dass Scott einen ganz bestimmten Plot entworfen hat und die Charaktere diesem unterordnet. Nach dem Motto: Die haben sich gefälligst so zu verhalten, dass ich nicht an meinem Plot herumschrauben muss.

Ist legitim, würde ich sagen; eben eine Methode. Doch a), um noch einmal Stephen King zu bemühen, sollte es wohl mehr um die Story gehen, und nicht so sehr um den Plot. Und b) sollte man die Methode wenigstens so anwenden, dass der Leser nichts davon mitbekommt.

Versöhnung

Wie gesagt, ich will Michael Scott nichts Böses. Im Gegenteil: Ich bin ihm sehr dankbar.

Einerseits hat er mir gezeigt, dass man auch mit nicht ganz so perfekten Texten guten Erfolg haben kann. Ich muss auch sagen, dass mir die Settings, die er gewählt hat, und seine Verwendung von historischen Persönlichkeiten ziemlich gut gefallen.

Andererseits, und das soll die wahre Versöhnung sein, verursachen mir seine Bücher trotz der leichten Defizite einige schöne, entspannende Lesestunden. Und darauf kommt es ja letztendlich an, oder?

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 24.10.2012 um 7:15

Aller Anfang

Der Anfang eines Textes ist immer etwas ganz besonderes. Der Autor muss den Leser mit den ersten paar Zeilen an den Text fesseln, er muss ihn für sich einnehmen. Keine leichte Aufgabe, eigentlich.

Mal schauen, wie einige Autoren bzw. Literaten das gelöst haben.

Die seltsamen Ereignisse, die Gegenstand dieser Chronik sind, haben sich 194’ in Oran zugetragen. Nach allgemeiner Ansicht passten sie nicht dorthin, da sie etwas aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fielen. Auf den ersten Blick ist Oran nämlich eine gewöhnliche Stadt und nichts weiter als eine französische Präfektur an der algerischen Küste.

Aus “Die Pest” von Albert Camus, erschienen im Rowohlt Verlag, Übersetzung von Uli Aumüller

Meine Interpretation: Camus beginnt mit einem Gegensatz. Er spricht von seltsamen Ereignissen, die eigentlich gar nicht zur dieser gewöhnlichen (“gewöhnlich” wird gleich zwei Mal benutzt) Stadt passen. Das ruft bei mir als Leser Interesse hervor.

Frau Rowling geht in “Harry Potter und der Stein der Weisen” ähnlich vor:

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.

Aus “Harry Potter und der Stein der Weisen” von Joanne K. Rowling, erschienen im CARLSEN Verlag, Übersetzung von Klaus Fritz

Und nochmal das gleiche, diesmal mit einem unbedeutenden Eiland:

Es war in jenem Jahr, in dem man schließlich das Eschaton immanentisieren wollte, was etwa soviel heißt wie den Weltuntergang heraufbeschwören. Am 1. April gerieten die Weltmächte näher an eine nukleare Auseinandersetzung als jemals zuvor, und alles wegen eines unbekannten Eilands, Fernando Poo.

Aus “Illuminatus!” von Robert Shea und Robert A. Wilson, erschienen im Rowohlt Verlag, Übersetzung von Udo Breger

Anders macht es zum Beispiel Thomas Glavinic in seinem Roman “Das Leben der Wünsche”. Er beginnt über den Dialog mit einem Fremden sofort damit, seinen Protagonisten und dessen soziales Umfeld zu beschreiben.

Eine Sekunde! Setzen wir uns auf die Bank vor diesem
Brunnen! Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.
Meinen Sie mich?
Ich meine Sie.
Kann es sein, dass Sie mich verwechseln?
Sie heißen Jonas, sind fünfunddreißig Jahre alt, und
Ihre Frau heißt Helen.
Kennen wir uns von früher?
Sie haben zwei Söhne, Tom und Chris. Sie arbeiten bei
der Werbeagentur Drei Schwestern. Ihre Mutter ist tot, Ihr
Vater sechsundachtzig, er lebt nach einem Schlaganfall im
Pflegeheim. Geschwister haben Sie keine. Seit einiger Zeit
schlafen Sie mit Marie, deren Mann Apok heißt und mit
dem sie ein Kind hat.

Aus “Das Leben der Wünsche” von Thomas Glavinic, erschienen im Hanser Verlag.

Günter Grass macht in “Die Blechtrommel” einiges in wenigen Sätzen: Er beschreibt den Protagonisten auf zwei Ebenen (der Blauäugige – bildlich und übertragen) und zeigt, wo er sich gerade befindet. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass der geistige Zustand des Oskar beeinträchtigt ist.

Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt,
mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem
Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers
Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen,
nicht durchschauen kann.

Aus “Die Blechtrommel” von Günter Grass, erschienen unter anderem im Deutschen Taschenbuch Verlag.

Es gibt also viele ausgezeichnete Möglichkeiten, mit einem Text zu beginnen. Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Haben Sie einen Lieblingsanfang?

Ihr Lapideus