Category Archives: Meinung

Holzweg

Holzwege sind etwas Wunderbares. Es gibt unzählige von ihnen. Einige sind breiter, andere schmaler, und immer sehen sie für den, der auf dem jeweiligen Holzweg dahinschwankt, nach feinstem Marmor aus.

Der Begeher des benachbarten Holzwegs ist freilich anderer Meinung. Seiner ist der marmorne, der andere dagegen aus einer morschen Eiche gezimmert. Und nicht nur der: Überhaupt alle anderen.

Das Verhalten der Begeher unterscheidet sich je nach Holzweg und der jeweiligen Spur darauf. Einige gehen still dahin, andere schreien die anderen (wahren) Holzwegbegeher gelegentlich an oder machen sich über sie lustig. Wieder andere nehmen Gewehre und Raketenwerfer und schießen jene, die ihren in die Wahrheit führenden Prunkweg für einen Holzweg halten, tot.

Manchmal jedoch geschieht es, dass ein Holzwegbegeher stehen bleibt, sich hinkniet und das Material, auf dem er unterwegs ist, ganz genau unter die Lupe nimmt. Erkennt er, dass die Marmorierung in Wahrheit eine Maserung ist, so bleiben ihm zwei Möglichkeiten: Die eine ist, die Planken trotzdem Stein zu nennen, aufzustehen und weiterzugehen.

Die andere ist, sich einzugestehen, dass man nie auf etwas anderem unterwegs sein wird als auf Holz, Holz und noch einmal Holz, so fein es auch poliert sein mag. Und dass man einfach das Beste für sich und alle anderen daraus machen sollte.

Ihr Lapideus

 

 

Wenn Menschen ihre Kinder bestrafen

In Österreich wird seit einigen Tagen ein Mann an den medialen Pranger gestellt, der seine zweijährige Tochter zu “Disziplinierungszwecken” unter heißes Wasser gehalten hat. Das Mädchen hat offenbar schwere Verbrühungen davongetragen.

Das ist furchtbar. Punkt.

Doch was geschieht seitdem in der öffentlichen Diskussion? Der Mann wird verteufelt. Als Extremfall dargestellt. Und zwar so, dass jeder sich ein bisschen gut fühlen kann. Weil man zwar vielleicht schon für Konsequenzen ist, vielleicht sogar für Strafe, aber solch eine Abscheulichkeit niemals gutheißen könnte. “Eingsperrt g’hört er”, sagt der geneigte Boulevard-Leser.

Und ja, ich gehe davon aus, dass sich ein Staatsanwalt mit der Sache befassen wird. Auch wenn ich da Laie bin.

Doch warum geschieht so etwas? Wie kommt jemand überhaupt auf die Idee, seinem Kind Schmerzen zuzufügen, damit es tut, was dieser Jemand möchte? Und ist das wirklich ein Einzelfall?

Zwei Gedanken dazu (die die Wirklichkeit sicher nur teiweise abbilden – ich weiß).

Strafe

Strafe (unabhängig von Art oder Intensität) ist noch immer fest in den Köpfen der Menschen als Methode der Erziehung verankert.

Manche Erwachsene haben als Kind Strafe am eigenen Leib erfahren. Wurden von ihren Eltern mit diversen Sanktionen belegt (Liebesentzug, Wenn-Dann-Spielchen) oder gar geschlagen. Der Phantasie sei keine Grenze gesetzt. Ganz logisch irgendwie, dass später dann, im Erwachsenenalter, nicht wenige zu dem Schluss kommen, dass das eigentlich ganz gut funktioniert hat, und das man das ja auch so machen könnte. Nach dem Motto: “Aus mir is jo a wos g’wuadn” (aus mir ist ja auch was geworden).

So weit nichts Neues, oder?

Und jetzt gehen Sie einmal in eine Buchhandlung. Gehen Sie in die Abteilung “Elternratgeber”. Suchen sie sich ein paar Bücher raus. Blättern Sie sie durch. Finden Sie die Wortfolge “Heißes Wasser”? Nein? Gut so. Aber wie steht es mit dem Wörtchen “Auszeit”? Oder mit dem Euphemismus “Konsequenz”?

Fakt ist: Strafe ist nicht nur noch immer in den Köpfen der Menschen, sie wird auch nach wie vor dort als Mittel der Wahl eingepflanzt. Nicht mehr so offensichtlich wie früher, sie wird auch nicht unbedingt so genannt – aber das ändert nichts an der Sache. Wenn Sie jetzt mit einem gewaltigen “Aber Auszeit/Konsequenz ist doch nicht …” aufschreien wollen, dann warten Sie auf meine Literaturempfehlung.

Elternschaft

Für jeden noch so stumpfsinnigen Job wird man geschult. Es gibt Einführungen, Training on the Job, Fortbildungen, Lehrgänge, Studiengänge, alles.

Nur für die Elternschaft gibt es … Genau! Nichts. Ein paar Broschüren vielleicht, die einem ein Ministerium zuschickt. Aber sonst: Fehlanzeige.

Es wird einem auch nicht gesagt, in welche emotionalen Ausnahmezustände man als Mutter oder Vater gerät. Welche Belastungen man ertragen muss. Schlafentzug, Geschrei, Ungeduld. Ständig, ohne Hoffnung auf Pause.

Seltsam, oder? Bei der wichtigsten Tätigkeit der Welt wird angenommen, dass die Leute das ganz alleine hinkriegen. Dass ihr Bauchgefühl sie schon irgendwie leiten wird. Oder wenigstens, dass sie sich aus der zahlreichen Literatur das “Richtige” herauspicken werden.

Aber wie soll das funktionieren? Woher sollen werdende Eltern wissen, wie ein Kind tickt? Woher sollen sie wissen, dass die Trotzphase, von der alle (auch AutorInnen von Elternratgebern und viele, viele Internetseiten) sprechen, keine “Trotzphase”, sondern eine extrem wichtige Phase der Trennung und Abgrenzung ist? Wie sollen sie wissen, dass man schon mal nachgeben darf, auch wenn 9 aus 10 Internetquellen von “Konsequenz” reden? Woher sollen sie wissen, was falsch und was richtig ist?

Und ja, es gibt “falsch” und “richtig”. Das wird dem einen oder anderen vielleicht nicht gefallen, das ist mir klar. Wissenschaftlich belegter Fakt ist: Strafe in der Kindererziehung ist falsch. Sie ist nicht nur moralisch verwerflich, sie nützt nicht mal was. Sie bringt nichts Gutes hervor, weder kurz- noch langfristig. Sie vergiftet nur die Beziehung zwischen Elternteil und Kind. Sie schickt das Kind auf eine Bahn, von der es sich als Erwachsener nur mit Mühe befreien wird können. Sie schafft Leid.

Abschließend die erwähnte Empfehlung: Bitte lesen Sie das Buch Unconditional Parenting: Moving from Rewards and Punishments to Love and Reason (Atria Books, 2005) von Alfie Kohn. Sie werden es nicht bereuen (ich erhalte kein Geld für diese Werbung).

Ihr Lapideus

Verzicht unmöglich

Wir können nicht mehr verzichten. Haben es verlernt. Wir möchten nehmen, wir möchten haben. Am besten alles und das sofort.

Man könnte auch sagen, wir haften an. Und alles, was gekauft werden kann, haftet sich an uns an, sobald wir es sehen.

Eigentlich nicht weiter schlimm. Es mangelt an nichts, alles fliegt zu, es braucht nur ein paar kleine Scheine oder Metallplättchen und zack – schon ist es da. Hedonismus ist nicht nur ein Wort, er ist unsere Realität.

Auch das wäre nicht weiter schlimm, würde es niemandem schaden.

Und hier fängt die Sache an, unangenehm zu werden. Da schaltet das Hirn ab, es wird erkennbar, dass das Wollen in uns große Macht besitzt. Das Wollen scheint nämlich untrennbar mit dem Verdrängen verbunden zu sein – wer viel will, dessen Fähigkeit dazu steigt ins Unermessliche.

Wir wollen Fleisch essen, also verdrängen wir das Morden. Wir wollen mobil sein, also verdrängen wir, dass wir die Atmosphäre verpesten. Wir wollen, dass alles billig ist, also verdrängen wir die unmenschlichen Produktionsbedingungen. Wir wollen es einfach haben, also benutzen wir Unmengen von Plastik und verdrängen die Schadstoffe darin und den Müll, der daraus entsteht.

Allein uns ändern, das wollen wir nicht.

Und das ist schade, denn die Änderung unserer Gewohnheiten ist die einzige Chance, die einzige Möglichkeit, zu einem gemeinsamen Nenner zu finden. Die einzige Möglichkeit, eine Balance zwischen unseren Bedürfnissen und denen des Rests der Welt zu erreichen.

Ihr Lapideus

Das Ende der Höflichkeit

In letzter Zeit ist mir eine Frage immer wieder über den Weg gelaufen. Sie lautet: In welcher Intensität will ich meine Meinung äußern? Oder anders gesagt: Wie unhöflich und überheblich gestatte ich mir zu sein?

Ich bin ja von Natur aus ein eher freundliches Bürschchen. Man könnte fast meinen, ich wäre harmoniebedürftig. Und ja: Ich habe es gern, wenn alle lieb zueinander sind.

Selbst wenn eine Diskussion im Gange ist, und ich Teil ebenjener bin, dann entlockt man mir nicht so schnell derbe Worte, von hoher Lautstärke ganz zu schweigen.

Doch dann sind da diese Themen. Diese Themen, die mich bewegen, die mir im Innersten ein Anliegen sind, wo es mir in den Eingeweiden schmerzt, wenn jemand etwas sagt, das meinen Überzeugungen und meinem Wissen zutiefst entgegenläuft.

Und dann will ich aufspringen und denjenigen anschreien, ihn zur Schnecke machen, ihn fragen, auf welcher Droge er eigentlich unterwegs ist, was er geraucht hat, warum er zur Hölle nur so eine blöde Ansicht haben kann.

Tu ich aber natürlich nicht. Der andere macht es ja auch nicht, hat dabei aber vielleicht eine ebenso starke Meinung wie ich. Nur mit umgekehrten Vorzeichen eben.

Man kann schon sehen: Ich stecke fest. Was kann ich also tun, außer an der Situation zu verzweifeln?

Ich kann das Ende der Höflichkeit einläuten. Nicht das Ende des Reflektierens, des Prüfens, nein – wohl aber das Ende des freundlichen Nickens und des Versuchs, zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen.

Doch verstehen Sie mich nicht falsch. Ich werde nicht wütend um mich herumschlagen. Ich werde aber auch nicht damit fortfahren, mich in stundenlangen Gesprächen mit Andersdenkenden zu ergehen, um sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Ich werde die Schnauze halten. Und dann werde ich schreien. So leise und durchdringend wie ich nur kann.

Auf Papier.

Ihr Lapideus

 

Brot und Spiele

Wir werden überschwemmt, überflutet. Zugeschüttet mit Informationen, die die Wirklichkeit vernebeln. Mit Bildern, Videos, Ergebnissen, Veranstaltungen, die uns davon abhalten, die wahre Natur der Welt zu sehen und zu verstehen.

Sportveranstaltungen, die lange schon nicht mehr als solche zu bezeichnen sind, lenken uns vom Elend ab, gaukeln uns eine heile Welt vor, die insbesondere dann eine lebenswerte sei, wenn wir die während der Pause angepriesenen Produkte konsumieren.

Sternchen werden ins Rampenlicht gestellt, auf dass sie sich mit allerlei Ungeziefer das von Kaviar verwöhnte Bäuchlein vollschlagen, auf dass sie die daheim vor dem Fernseher Sitzenden belustigen, auf dass man sich über sie blendend amüsieren und sich gut fühlen kann, weil Mutter Erniedrigung ihrem Töchterlein Schadenfreude nur allzu gern über den Kopf streicht.

Fernsehköche braten, kochen, dünsten. Fernsehrichter urteilen, belehren, moralisieren. Fernsehköniginnen kaufen, kaufen, kaufen. Und die Models glauben, sie seien schöne Frauen von Welt, obwohl sie nichts weiter sind als schamlos ausgebeutete magersüchtige Kinder.

Brot und Spiele – das ist die Welt, in der wir leben. Eine ungerechte, und damit unreife Welt.

In der die Reichen reicher werden.
In der die Armen und die Rechtlosen qualvoll sterben.

Ihr Lapideus