Category Archives: Öffentliches Üben

Mit eigenen Augen

Old woman's hands tucked between her legs

Bildnachweis: Horia Varlan (CC BY 2.0)

Am Wochenende war ich in einem Altersheim. Warum, möchte ich hier nicht näher ausführen. Aber ich möchte Ihnen von einer Erkenntnis berichten, zu der ich gelangt bin. Sie lautet: Wirklich gut beschreiben kann man nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat.

Die stummen Frauen

Der Gedanke kam mir, als ich eine Weile in einem Aufenthaltsbereich für Patienten warten musste. Der Raum war schlecht beleuchtet, das kalte Licht der Neonröhren brachte die mit Feng Shui-Farben bemalten Wände um ihre Wirkung.

Einige ältere Frauen saßen an einem Tisch. Sie alle starrten auf ihren Tee, der im Begriff war, zu erkalten. Es wurde nicht gesprochen. Nichts gespielt. Nur gestarrt.

Nach einigen Minuten wurde eine Frau von einer Pflegerin zu dem Tisch geführt. Die Pflegerin legte einen flachen Polster auf einen der Sessel. Dann nahm die Frau langsam Platz, stöhnte dabei. Es war offenbar, dass sie Schmerzen litt.

Die Pflegerin wandte sich kurz zu mir, vertröstete mich erneut auf eine spätere Uhrzeit, und ging. Ich zog mein Mobiltelefon aus meiner Tasche und spielte Solitär.

Plötzlich fing die neu Hinzugekommene an zu weinen. Sie war nach vorn gebeugt, ihr Kopf ruhte auf ihrer linken Hand, den Ellbogen hatte sie auf den Tisch gestützt. Ihre Schultern hoben und senkten sich immer wieder ruckartig, das Schluchzen wurde mit jedem Mal heftiger.

“Es tuat so weh”, sagte sie, “Es tuat so weh.”

Die anderen Frauen sagten nichts. Sie sahen nicht einmal auf, stierten weiter auf die gelbe Flüssigkeit in ihrem Glas.

Mir wurde die Situation unangenehm, ich weiß gar nicht warum. Ich kannte die Frau ja nicht. Ich versuchte, mich auf mein Telefon zu konzentrieren – vergeblich. Ich musste immer wieder zu ihr hinsehen, in der egoistischen Hoffnung, dass sie bald aufhören würde.

Ich dachte schon, es würde ewig so weitergehen. Oder zumindest, bis ich den Raum verließ. Aber dem war nicht so: Die Augen einer kleinen, alten Dame mit tief hängenden Tränensäcken und grünem Haarreifen wanderten zu der Weinenden. Dann stand sie auf, schlurfte zu der Frau hin und legte ihr die Hand auf die Schulter.

Es war nur eine Geste. Ein kleines, ja winziges Zeugnis von Empathie; doch es reichte aus, um die Weinende zu beruhigen.

Dafür kamen mir die Tränen.

Erfahrung

Ich wäre nie auf diese (sicherlich ausbaufähige) Sequenz und ihre Details gekommen, wenn ich die Szene und das Setting – wenn ich das jetzt mal so abgehoben und unpersönlich formulieren darf – nicht selbst erlebt hätte.

In einigen Schreibratgebern steht, man könne alles erfinden. Man müsse zwar ausreichend recherchieren, sodass man keine essenziellen Fehler macht, aber im Wesentlichen brauche man nichts von dem erlebt oder gesehen zu haben, was man zu Papier bringt.

Das mag stimmen. Aber ich glaube, dass immer die Beschreibungen am besten sind, hinter denen persönliche Erfahrungen stehen.

Und wenn es nur Bruchstücke sind, die verwendet werden.

Ihr Lapideus

 

Pfeif aufs Adjektiv, vergiss das Adverb!

Adjektive und Adverbien: Eine Geschichte voller Missverständnisse. Zu viele zu benutzen ist schlecht, zu wenige sind auch nicht gut. Aber was ist denn nun die goldene Mitte?

Dazu ein Experiment: Gegeben seien ein paar Absätze halbliterarischer Natur, erstellt unter Anstrengung aller verfügbaren Hirnzellen. Nebenbedingung zur Absatzerzeugung sei, so viele Adjektive und Adverbien wie möglich einzubinden. Und los!

Emma stand am geschlossenen Fenster und blickte in den wabernden Nebel, der sich draußen geräuschlos zu bilden begann. Trotz der nächtlichen Dunkelheit konnte Frank eindeutig erkennen, dass sie vollkommen nackt war.
“Zieh dir doch etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst furchtbar erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur zart den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie kaum wahrnehmbar.
Frank ließ seinen wohlgeformten Kopf wieder langsam in den warmen Polster sinken. Wenn Emma so seltsam drauf war, war Argumentieren völlig zwecklos.

Ich gebe zu, ich habe es ein wenig übertrieben. Ich bitte um Verzeihung, sollte ich Ihnen Brechreiz verursacht haben!

La luz de la mañana

Bildnachweis: Pollobarba (CC BY-NC-ND 2.0)

Hier nun derselbe Text, vermindert um fast alle Adjektive und Adverbien.

Emma stand am geschlossenen Fenster und blickte in den wabernden Nebel, der sich draußen geräuschlos zu bilden begann. Trotz der nächtlichen Dunkelheit konnte Frank eindeutig erkennen, dass sie vollkommen nackt war.
“Zieh dir doch etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst furchtbar erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur zart den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie kaum wahrnehmbar.
Frank ließ seinen wohlgeformten Kopf wieder langsam in den warmen Polster sinken. Wenn Emma so seltsam drauf war, war Argumentieren völlig zwecklos.

Also:

Emma stand am Fenster und blickte in den Nebel, der sich zu bilden begann. Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war.
“Zieh dir etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich erkälten.”
Emma schüttelte den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie.
Frank ließ seinen Kopf wieder in den Polster sinken. Wenn Emma so drauf war, war Argumentieren zwecklos.

Besser, oder? Sollte Ihnen dieser Kahlschlag aber zu viel des Guten gewesen sein, schlage ich die folgende Version als Kompromiss vor:

Emma stand am Fenster und blickte in den  Nebel, der sich draußen zu bilden begann. Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war.
“Zieh dir etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie.
Frank ließ seinen Kopf wieder in den Polster sinken. Wenn Emma so drauf war, war Argumentieren zwecklos.

Der Sukkus: Die meisten Adjektive können zum Wohle der Lesbarkeit und des guten Geschmacks ohne viel Aufsehen eliminiert werden. Bei Adverbien kann man etwas differenzierter vorgehen.

Ihr Lapideus