Category Archives: Schreiben

Setzen wir uns zusammen

In Zeiten der politischen Aufruhr, in Zeiten des Krieges, in Zeiten der Unsicherheit ist doch nichts schöner, als einen Artikel zu lesen, der sich nicht im Geringsten mit Aufruhr, Krieg oder Unsicherheit beschäftigt.

Willkommen in diesem Artikel.

Es geht darum, sich zusammen zu reißen. Will sagen zusammenzureißen. Ich spiele Oberlehrer, das, was auf Twitter so verpönt ist. Ich möchte auf etwas hinweisen, das mir unendlich auf den Sack geht: Auf Fehler bei der Getrennt- oder Zusammenschreibung von Wörtern nämlich.

Es ist zu beobachten, dass es hier Defizite gibt – und das nicht nur bei Gelegenheitsschreiberlingen wie TwitterantInnen oder PrivatbloggerInnen. Auch bei professionellen AutorenInnen ist mir der eine oder andere Fauxpas aufgefallen. Selbst in (qualitativ minderwertigen, zugegeben) Kinderbüchern scheint der Stift das eine oder andere Mal entglitten zu sein.

Ich möchte hier aber nur auf jene Fehler eingehen, die mir wirklich oft über den Weg laufen. Und das sind solche bei der Zusammen-/Getrenntschreibung von Adverbien respektive Partikeln und Verben. Nämlich dann, wenn dem Schreibenden nicht klar ist, ob es sich nun um ein eigenständiges Adverb handelt oder um eine Partikel (ja, weiblich).

Wo liegt der Unterschied?

Einfach gesagt in der Betonung. Nehmen wir das Wort “zusammensetzen”. Wenn wir mit jemand anderem ein bisschen plauschen möchten, dann sagen wir zu ihm: “Wir sollten uns zusammensetzen.” Wenn Sie diesen Satz laut aussprechen, dann wird Ihnen auffallen, dass die Betonung auf “zusammen” liegt – auf der zweiten Silbe.

Hier spielt “zusammen” die Rolle einer Partikel, nicht die eines eigenständigen Adverbs.

Die andere Variante lautet: “Wir sollten uns zusammen setzen!” Die Betonung liegt ganz klar auf “setzen” und die Bedeutung ist eine völlig andere.

Was in weiterer Folge auch oft passiert, ist, dass getrennt geschrieben wird, wenn ein “zu” hineinrutscht.

Nehmen wir als Beispiel das Wort “zuvorkommen”. Wieder sieht man, dass “zuvorkommen” und “zuvor kommen” in Betonung und Bedeutung unterschiedlich sind. Es ist auch klar, dass meistens das Wort “zuvorkommen” im Sinne von “etwas erreichen, bevor es ein anderer tut” benutzt wird (oder werden sollte).

Trotzdem gibt es Autoren, die “zuvor zu kommen” schreiben, statt “zuvorzukommen”. Und das ist definitiv falsch.

Ich bitte Sie also, öfter mal zusammenzuschreiben. Sie können natürlich auch zusammen schreiben, wenn Sie zu zweit, zu dritt oder zu zehnt sind.

Wenn Sie mehr Informationen zu dem Thema haben möchten, empfehle ich erneut die Seite canoonet. Im speziellen Fall die Seite über Zusammen- und Getrenntschreibung bei Verben. Und nein, ich bekomme kein Geld von denen. Auch gut ist natürlich das Buch “Richtiges und gutes Deutsch” von Duden.

Ihr Lapideus

 

Das Ende der Höflichkeit

In letzter Zeit ist mir eine Frage immer wieder über den Weg gelaufen. Sie lautet: In welcher Intensität will ich meine Meinung äußern? Oder anders gesagt: Wie unhöflich und überheblich gestatte ich mir zu sein?

Ich bin ja von Natur aus ein eher freundliches Bürschchen. Man könnte fast meinen, ich wäre harmoniebedürftig. Und ja: Ich habe es gern, wenn alle lieb zueinander sind.

Selbst wenn eine Diskussion im Gange ist, und ich Teil ebenjener bin, dann entlockt man mir nicht so schnell derbe Worte, von hoher Lautstärke ganz zu schweigen.

Doch dann sind da diese Themen. Diese Themen, die mich bewegen, die mir im Innersten ein Anliegen sind, wo es mir in den Eingeweiden schmerzt, wenn jemand etwas sagt, das meinen Überzeugungen und meinem Wissen zutiefst entgegenläuft.

Und dann will ich aufspringen und denjenigen anschreien, ihn zur Schnecke machen, ihn fragen, auf welcher Droge er eigentlich unterwegs ist, was er geraucht hat, warum er zur Hölle nur so eine blöde Ansicht haben kann.

Tu ich aber natürlich nicht. Der andere macht es ja auch nicht, hat dabei aber vielleicht eine ebenso starke Meinung wie ich. Nur mit umgekehrten Vorzeichen eben.

Man kann schon sehen: Ich stecke fest. Was kann ich also tun, außer an der Situation zu verzweifeln?

Ich kann das Ende der Höflichkeit einläuten. Nicht das Ende des Reflektierens, des Prüfens, nein – wohl aber das Ende des freundlichen Nickens und des Versuchs, zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen.

Doch verstehen Sie mich nicht falsch. Ich werde nicht wütend um mich herumschlagen. Ich werde aber auch nicht damit fortfahren, mich in stundenlangen Gesprächen mit Andersdenkenden zu ergehen, um sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Ich werde die Schnauze halten. Und dann werde ich schreien. So leise und durchdringend wie ich nur kann.

Auf Papier.

Ihr Lapideus

 

Musikalische Erkenntnisse

In den letzten drei Monaten habe ich einige Lieder geschrieben, weitere sind in Arbeit. Nicht zuletzt deswegen, weil meine anderen Schreibprojekte aufgrund mangelnder Zeit eingefroren sind. Und ehrlich: Ich habe beim Schreiben schon lange nicht mehr so viel Spaß gehabt wie bei diesen Songs.

Der Grund für den Spaß: Ich habe mich mit verschiedenen Themen zu befassen. Ich will gut texten, eine Geschichte erzählen, Gefühle hervorrufen, muss dabei jedoch kurz und pointiert formulieren. Ich muss mich wieder einmal mit lyrischen Formen auseinandersetzen, darf darüber aber die Musik nicht vergessen. Und ich muss Melodie, Taktart und Begleitung (er)finden.

Hier ein kurzer Überblick über meine Erkenntnisse.

Was zuerst – Text oder Melodie?

Ich habe zu wenige Musikerbiographien gelesen, um wirklich zu wissen, wie andere das machen. Von meiner absoluten Lieblingsband “Genesis” (bin Fan der frühen Phase mit Gabriel und Hackett) weiß ich, dass die Musik häufig bereits im Kasten war, bevor getextet wurde. Wer die Musik von Genesis kennt, wird allerdings wissen, dass sie mitunter sehr komplex ist – also ganz im Gegenteil zu dem, was ich so produziere.

Bei mir auf jeden Fall kommt der Text meistens vor der Musik. Die Gründe dafür sind einfach: a) Der Text ist mir wichtig und nicht nur Transportwerkzeug für die Musik (oder gar für stimmliche Akrobatikübungen), und b) ich bin ein relativ schlechter Musiker – das Schreiben beherrsche ich einfach besser. Meine Herangehensweise: 1. Text, 2. Melodie, 3. Begleitung, 4. Details.

Erkenntnis 1: Ich denke, man sollte mit dem Element beginnen, auf das man den größten Wert legt und/oder das einem mehr liegt – sei es nun Text, Melodie, Beat, was auch immer. Freilich schadet es nicht, auch mal einen anderen Weg einzuschlagen. Im Gegenteil: Das bringt Abwechslung und bewahrt einen davor, immer dasselbe Muster anzuwenden.

Text/Melodie/Lyrische Form

Ich glaube, dass die musikalische Interpretation eines Textes dem Autor recht großen Freiraum lässt. Selbst ein Text ohne perfekte Rhythmik und/oder Reime lässt sich mitunter wunderschön vertonen. Ein ungewöhliches Versmaß, die Kombination mehrerer Versmaße in verschiedenen Abschnitten oder die, übespitzt formuliert, Holprigkeit eines Textes zwingen einen regelrecht dazu, eine geeignete, und damit vemutlich noch nicht von jemand anderem benutzte Melodie zu finden.

Sicher, üblicherweise wird man gut daran tun, ein durchgehendes Versmaß einzuhalten. Aber man muss nicht unbedingt. Und das ist gut so.

Erkenntnis 2: Die Melodie kann Holprigkeiten im Text ausgleichen.

Erkenntnis 3: Einen Text zu vertonen schützt davor, eine bereits bekannte Melodie zu verwenden.

Begleitung

Hier mache ich es mir leicht, denn schwer kann ich es nicht: Ich suche mir die passenden Harmonien bzw. Akkorde auf der Gitarre.

Mir hilft der wohlbekannte Zugang über erste, vierte und fünfte Stufe, also zum Beispiel G, C und D für G-Dur. Mir helfen neben dem offensichtlichen Dur/Moll Akkordvariationen wie Dominantseptakkorde (z.B. G7), Suspended Chords (Sus2, Sus4) und Powerchords, wenns rockig sein soll. Mir hilft es, andere Songs zu analysieren, um zu sehen, welche Akkordwechsel gut funktionieren. Mir hilft es, Spaß am Musizieren zu haben.

Erkenntnis 4: Man muss nicht Musik studiert haben, um Musik zu machen, die von Herzen kommt.

Die Details …

… sind nicht zu unterschätzen. Steht eine Nummer mal auf festen Beinen, wird sie für Hörer erst interessant, wenn sie dynamisch wirkt. Und das tut sie nur, wenn sie es auch ist, wenn sie also Steigerungen, Pausen, Variationen beinhaltet (das gilt natürlich auch für Texte, finden Sie nicht?).

Mein Ansatz für die Details: Mit Menschen spielen, die bessere Musiker sind als ich, und ihre Ideen in die Nummer einfließen lassen. Sicher in der Basis sein (also alles auswendig beherrschen). Jammen, Spaß haben. Hundertmal spielen.

Erkenntnis 5: Sofern man kein musikalisches Genie ist, wird ein Lied erst gut, wenn man andere Musiker einbindet.

Erkenntnis 6: Übung macht wie immer den Meister.

Ihr Lapideus

 

Wie sich Textversionen verwalten und sichern lassen

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Umberto BoccioniLa strada entra nella casa / Die Straße dringt in das Haus [Gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Ich hatte Sie ja gewarnt: Dieses Mal steht ein Nerd-Thema auf dem Programm. Bevor ich aber ins Detail gehe, möchte ich in meiner Eigenschaft als Gelegenheitsfeigling feststellen, dass ich selbst noch beim Erproben dieser meiner Lösung bin, dass ich mich folglich von jeglicher Schuld freispreche, sollten Sie das hier Beschriebene ausprobieren und dabei auf die eine oder andere Weise scheitern.

Auch vorausschicken möchte ich, dass ich im Rahmen meines Ansatzes Dropbox verwende. Sollten Sie ebenfalls Dropbox benützen wollen, weise ich Sie darauf hin, dass Sie in diesem Fall einen Account anlegen müssen. Ich kann nicht dafür garantieren, was die Leute bei Dropbox mit den hochgeladenen Daten machen oder nicht, dazu lesen Sie bitte deren Datenschutzerklärung. Eine Möglichkeit, um Vorsicht walten zu lassen, wäre Verschlüsselung (z.B. über Truecrypt) – diese Variante werde ich hier aber nicht beschreiben, da zu aufwändig.

Und: Ich erhalte von niemandem Geld, weil ich hier verlinke. Sie können natürlich auf jeden beliebigen Anbieter für Online-Datensicherung zurückgreifen, der Ihnen einfällt. Zur Inspiration ein Link auf Wikipedia. Selbiges gilt auch für Texteditoren, Word-Derivate und Sonstiges. Getestet habe ich jedoch nur die Konfiguration, die ich im Folgenden beschreibe.

Dateiensalat

Nun, endlich, zur Sache. Es geht um die Versionierung von Dateien. Man kann, ob sie es glauben oder nicht, zu diesem Thema ganze Bücher füllen. Das werde ich hier nicht tun. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen.

Ich bin Purist. Um meine Texte zu erstellen, verwende ich am liebsten q10, einen Fullscreen-Editor von Joaquín Bernal (um weitere Programme dieser Art zu finden, geben Sie in Ihrer bevorzugten Suchmaschine einfach “full screen text editor” ein). Und ich speichere die dabei entstehenden Dateien im einfachsten aller Formate ab: als Textfile, Codierung UTF-8.

Nicht, dass Word und Co nicht fantastische Dinge könnten. Auch in Bezug auf die Nachvollziehbarkeit von Änderungen. Doch seien wir uns mal ehrlich: das kann man doch zum Schreiben von Prosa einfach nicht brauchen. Im Gegenteil, Programme wie Word mit all ihrem Schnickschnack lenken ab und beeinträchtigen den kreativen Prozess. Zumindest bei mir ist das so.

Zurück zum Thema. Wenn man viel schreibt (dabei ist es egal, ob man nun eine einzige Datei hat oder viele verschiedene) und wenn man darüber hinaus nicht der Meinung ist, dass gleich beim ersten Wurf alles passt und der Text so stehen gelassen werden kann, wie er ist, dann wird die entsprechende Datei einer großen Zahl von Veränderungen unterliegen. Sie werden mehrere Versionen der Datei haben und die Versionen werden sich unterscheiden.

Wenn es Ihnen geht wie mir, und Sie verwerfen die bisherigen Versionen Ihrer Dateien nicht, dann findet sich in einem Verzeichnis Ihres Computers vermutlich so etwas wie:

kapitel_1_v1.txt
kapitel_1_v2.txt

kapitel_5_v4.txt

szene_13_v1.doc
szene_13_v2.doc

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Ich habe ja behauptet, ich würde mich kurz fassen. Daher: Es geht um zwei Dinge, nämlich um Versionierung und Sicherung. Ich zeige nun einen Weg, wie man Übersicht über die Versionen behält und wie man seine Dateien sichern kann.

Die Zauberworte: Versionierungstool und Online-Datensicherung

Der Witz dabei ist, dass Sie Ersteres benutzen, um die Kontrolle zu behalten, und Letzeres, um das Repository (also sozusagen die Datenbank, in der die verschiedenen Textversionen gespeichert sind) in einer sicheren Umgebung abzulegen.

Der zweite Witz dabei ist, dass Sie a) die Dateien lokal im Originalformat haben (und, dank Subversion, sogar in allen Versionen), b) dieselben Dateien in ihrem Repository gesichert haben, sodass Sie auch von anderen Rechnern darauf zugreifen können, wenn Sie wollen und c), dass Ihnen die Online-Sicherung ermöglicht, aus der ganzen Welt auf Ihre Daten zuzugreifen.

Genug der Theorie, nun zur Praxis. Ich erkläre in Kochrezeptformat:

1. Beschaffen Sie sich Subversion (im Folgenden SVN). Ist gratis im Sinne der Apache-Lizenz. Pakete finden Sie auf subversion.apache.org. Ich verwende eine Kommandozeilen-Variante für Windows (Vanilla SVN 1.7.8 von WANdisco), Sie können aber zum Beispiel auch auf Tortoise SVN zurückgreifen, das über die Kontext-Menüs im Windows Explorer arbeitet.

2. Beschaffen Sie sich einen Account bei einem Online-Dienst zur Datensicherung. Ich benutze wie gesagt Dropbox.

3. Wichtig beim vorigen Punkt ist, dass Sie über Ihr Filesystem auf diesen Speicherort zugreifen können. Der Dropbox-Client etwa richtet ein Verzeichnis ein, das in einer Windows-Umgebung etwa “C:\Users\MyUser\Dropbox” heißt. Die Dateien in diesem Verzeichnis werden mit dem Online-Speicherort synchronisiert, sobald Sie online sind. Darüber hinaus stehen die Dateien auch im Offline-Modus zur Verfügung.

4. Erstellen Sie über svnadmin ein repository in Ihrem gesicherten Verzeichnis. Zum Beispiel:

svnadmin create c:\Users\MyUser\Dropbox\svn\MyArtRep

5. Erstellen Sie eine lokale Kopie Ihres Repositories. Zum Beispiel:

mkdir c:\Users\MyUser\MyArt

svn checkout file:///Users/MyUser/Dropbox/svn/MyArtRep c:\Users\MyUser\MyArt

Noch eleganter ist es natürlich, wenn auch die lokale Kopie im Dropbox-Ordner liegt. Also

mkdir c:\Users\MyUser\Dropbox\MyArt

svn checkout file:///Users/MyUser/Dropbox/svn/MyArtRep c:\Users\MyUser\Dropbox\MyArt

Sie tun sich damit nicht weh, denn alle Dropbox-Dateien sind ja lokal/offline verfügbar.

Als Antwort sollten Sie “Checked out revision 0.” erhalten. Beachten Sie bitte, dass Sie auf den (sozusagen entfernten) Speicherort als URL zugreifen müssen – also eben file:///…

Warnung: Ändern Sie nie etwas direkt im Repository (also “C:\Users\MyUser\Dropbox\svn\MyArtRep”), indem Sie Dateien dort antasten. Wenn Sie sich mal hinklicken (bitte ohne etwas zu verändern), werden Sie sehen, dass es dort vier Verzeichnisse gibt: conf, db, hooks und locks. Keine direkte Spur von Ihren Dateien. Ein guter Hinweis darauf, dass man manuell da nichts tun soll. Tun Sie es doch, könnten Sie Daten verlieren. Selbiges gilt für das versteckte Verzeichnis .svn in Ihrer lokalen Kopie. Auch dort bitte nichts anrühren. Änderungen sollten nur in der lokalen Kopie, und da auch nur über svn-Befehle passieren.

Auch zu erwähnen: Die Dateien in Ihrer lokalen Kopie (also z.B. “c:\Users\MyUser\MyArt”) sind nicht per se speziell. Es sind noch immer Textdateien oder doc-Files oder Bilder oder was immer. SVN passt nur auf sie auf. Sie können die Dateien beispielsweise jederzeit von dort in ein anderes Verzeichnis wegkopieren, um einen aktuellen “Abzug” zu erhalten.

6. Die Grundvoraussetzungen sind nun gegeben. Jetzt können Sie ans Arbeiten gehen. Erstellen eine Textdatei und speichern Sie sie in Ihrem lokalen Verzeichnis. Zum Beispiel:

c:\Users\MyUser\MyArt\Beste_Kurzgeschichte.txt

oder

c:\Users\MyUser\Dropbox\MyArt\Beste_Kurzgeschichte.txt

7. Merken Sie die Datei nun für die Versionierung vor. Das heißt soviel wie: Die Datei, die ich dir nun nenne, liebes SVN, soll bitte versioniert werden und beim nächsten Check-in dem Repository hinzugefügt werden. Zum Beispiel:

svn add Beste_Kurzgeschichte.txt

Die Antwort von svn:

A         Beste_Kurzgeschichte.txt

Das “A” bedeutet, die Datei ist vorgemerkt. Würde dort, wenn Sie “svn status -v” ausführen, ein “?” stehen, dann wäre svn die Datei unbekannt, also sozusagen ein Fremdling, der es nichts angeht.

8. Wenn Sie für heute fertig mit der Datei sind, checken Sie sie ein:

svn commit Beste_Kurzgeschichte.txt -m “Erster Check-in”

Der Kommentar, den Sie über den Schalter -m eingeben, lässt sich (leider oder zum Glück, wie man es nimmt) nicht verhindern. SVN ist da recht streng.

9. Glückwunsch, Sie haben nun eine versionierte Datei. Über

svn status -v

sehen Sie die aktuelle Version der Datei, über

svn log Beste_Kurzgeschichte.txt

sehen Sie, was Sie bis jetzt mit ihr angestellt haben.

10. Neuer Tag, neue Ideen. Sie öffnen die lokale Datei, ändern was in den ersten drei Sätzen, nehmen etwas raus, was eine Ihrer Figuren gestern noch gesagt hat, Ihnen aber heute zu blöd erscheint, und setzen den Text weiter fort. Sie speichern ab.

Nun hat sich Ihre Datei natürlich verändert.

svn status

oder

svn status -v

zeigt Ihnen bei der betreffenden Datei nun ein großes “M” für “Modified”.

11. Machen Sie wieder ein check-in:

svn ci -m “Beste Kurzgeschichte geändert, Susanne ist nun zurückhaltender”

“ci” ist das Kürzel für den Langbefehl “commit”.

12. Der Befehl

svn status -v

zeigt nun kein “M” mehr, dafür eine um höhere Versionsnummer.

13. Der Befehl

svn log Beste_Kurzgeschichte.txt

zeigt Ihnen wieder, was Sie mit der Datei bis jetzt getan haben.

14. Und

svn diff -r 1 Beste_Kurzgeschichte

gibt an, was Sie im Vergleich zur ersten Version tatsächlich geändert haben. Das funktioniert natürlich nur mit Dateien, die SVN auch lesen kann. Bei Word-Dateien, die zwar auch von SVN versioniert werden können, funktioniert das nicht ganz so – hier kann Tortoise SVN helfen, das bei diff Word öffnet, in dem die zu vergleichenden Versionen im Compare-Modus angezeigt werden.

15. Die Kommandos

svn help

bzw.

svn help [Befehl]

bringen die eine oder andere Erleuchtung.

An dieser Stelle breche ich das Rezept ab, es würde sonst zu weit führen.

Ein paar Dinge möchte ich Ihnen noch nahelegen: Auch wenn es vielleicht nicht so aussehen mag, so habe ich Ihnen in dieser Beschreibung doch nur auf rudimentärer Basis gezeigt, was man mit SVN alles tun kann. SVN ist eigentlich dazu da, die Arbeit von mehreren Menschen an ein und demselben Ding/Projekt zu ermöglichen.

Sollten Sie diese Funktionalität nutzen, indem Sie zum Beispiel mehrere lokale Kopien auf verschiedenen Rechnern haben (die dann wohl nicht im Dropbox-Ordner liegen), dann wird die Sache komplizierter. Dann müssen Sie “svn update” benutzen, um die Dateien in der einen lokalen Kopie auf den (neuesten) Stand zu bringen, den sie in der anderen erzeugt und via “commit” hochgeladen haben. Sollten sich Schiefstände ergeben, weil Sie sowohl hier als auch dort geändert haben, entweder der Vergesslichkeit wegen, oder weil Sie vielleicht zu zweit arbeiten, so können Sie über “svn diff” herausfinden, wie sich die Versionen unterscheiden. Über “svn merge” lassen sich diese Schiefstände dann beheben.

Zusammenfassung

In diesem Artikel habe ich Ihnen eine Möglichkeit gezeigt, Dateien gleichzeitig zu versionieren und online zu sichern. Und das auf recht elegante Weise, wie ich finde. (Der Ehrlichkeit halber sei gesagt: Ich bin nicht der erste, der diese Idee hatte. Suchen Sie im Netz nach “svn dropbox”, um weitere Artikel zu dem Thema zu finden.)

Sollten Sie sich intensiver für SVN interessieren, so lesen Sie bitte das sehr ausführliche SVN-Buch.

Und jetzt mach ich Schluss. Trotz des Sichkurzfassens ist der Artikel ja doch ziemlich lang geraten. Sollten Sie Fragen haben, so schreiben Sie mir bitte – ich werde mich bemühen, sie zu beantworten.

Ihr Lapideus

ps: Wenn Sie sich daran stoßen, dass ich in meinen Artikeln Bilder benutze, die nicht immer etwas mit dem Text zu tun haben, dann bitte ich um Verzeihung. Es ist nur einfach so: Ich liebe expressionistische Malerei und vergöttere die Künstler, die sie erschaffen / erschaffen haben. Punkt.

Der nächste (kürzere, versprochen) Artikel erscheint am Mittwoch, dem 24.4.2013 um 7:15 und beschäftigt sich mit [Vorschläge bitte eintragen].

 

Strukturierte Kreativität

Macke_Spaziergänger_am_See_I

August MackeSpaziergänger am See I [Gemeinfrei], via Wikipedia

Ich arbeite an einem Roman. Ende 2013 soll er fertig sein.

Wie sie sich vielleicht vorstellen können, ist mir dieses Vorhaben sehr wichtig. Trotzdem spreche ich nur selten darüber. Und wenn, dann beinahe ausschließlich mit meiner Frau (bis jetzt, zumindest).

Vor ein paar Tagen berichtete ich ihr über den derzeitigen Status meines kleinen Projekts: Dass ich noch immer beim Mindmapping bin, um Informationen über meine Figuren zusammenzutragen. Dass ich angefangen habe, für jede der vier Hauptfiguren Spannungsbögen zu zeichnen, um mir über ihre Stories klar zu werden. Dass ich mir Prämissen überlegt habe, um ein besseres Bild über die Wandlung der Figuren zu erhalten.

Mitten in meiner Aufzählung begann meine Frau zu lachen. Es war Abend, der erste ohne Kinder seit langer Zeit. Wir spazierten gerade den Wiener Ring entlang. Etwas verärgert blieb ich stehen. Ich gebe zu: Beim Thema Schreiben bin ich sensibel. Beinahe verwundbar.

Als sie lächelnd sagte: “Du arbeitest schon wieder so strukturiert. Sogar jetzt, wo du mir darüber erzählst. Ich glaube, du kannst gar nicht anders”, wich der Ärger von meiner Stirn und machte Platz für Grübelfalten.

So strukturiert?

Meine Frau hat recht: ich arbeite strukturiert. Und ja, ich kann nicht anders. Das liegt mir im Blut. Eine technische Ausbildung, ein naturwissenschaftliches Studium und viele Jahre in der IT hinterlassen Spuren. Ob man will oder nicht.

Das war aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass das Buch, das ich schreiben möchte, in keine Kategorie fällt, die nach Struktur schreien würde. Es ist kein Krimi, kein Thriller, keine Fantasy. Es geht einfach nur um Menschen.

Ich fragte mich also, ob ich nicht schon wieder drauf und dran war, mich dem Handwerk unterzuordnen. Mich völlig in Methoden und Techniken zu verfransen. So lange an irgendwelchen Grafiken und Übersichten zu feilen und zu schrauben, bis ich keine Kraft und Lust zum Schreiben mehr habe, bis Kreativität und Spontanität tot in der Grube liegen.

Das Gerüst

Der Zweifel nagte an mir und ich an ihm.

Eine Nacht später tat es meine innere Stimme meinem kleinen Sohn gleich, wenn man ihm die falsche Hose anzieht. Sie schrie: “NEIN, NEIN, NEIN!”

Nein, ich verfranse mich nicht. Nein, ich ordne mich nicht unter. Nein, Kreativität und Spontanität werden nicht zu Grabe getragen.

Alles, was ich mache, ist mir ein Gerüst zu bauen, das es mir überhaupt erst ermöglicht, kreativ zu sein. Ich erzeuge den Rahmen, innerhalb dessen ich mich frei bewegen, mich ausleben kann. Und der mich aufhält, sollte ich mich einmal in eine falsche, zeitraubende Richtung bewegen.

Kurz: Ich schaffe mir eine Arbeitsgrundlage.

Und das ist etwas Gutes, denke ich. Auch dann, wenn das Ergebnis ein Text sein soll, bei dem Zwischenmenschliches im Vordergrund steht.

Vielleicht sogar gerade dann!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am Mittwoch, dem 27.3.2013

 

Ich erinnere mich

Es ist Nacht. Meine Frau und meine Kinder schlafen. Das Smartphone, mit dem ich eben noch eine glatte Stunde auf Twitter zugebracht habe, liegt auf meinem Nachttisch. Flugbetriebsmodus.

Ich schließe die Augen.

Die Übung beginnt. Sie heißt: In die Vergangenheit reisen. Versuchen, sich an Momente in seinem Leben zu erinnern, die viele Jahre zurückliegen. Momente, die bereits unendlich fern scheinen.

Zunächst ist da nicht viel. Kurze Blitze in meinem Schädel: Gesichter, Wörter, vielleicht ein paar Geräusche. Sie tauchen vor meinen inneren Sinnen auf, verschwinden wieder, erheben sich erneut. Sie sind unscharf, gedämpft. Als würde ich in einem mit Gelee gefüllten Aquarium sitzen.

Ich konzentriere mich auf einige der Blitze, blende andere aus. Wähle nur die vielversprechenden: zum Beispiel das Jammern eines Kollegen, der nasse Füße hat. Wir stehen auf der Mariahilferstraße in Wien. Es hat geregnet. Seine Schuhsohlen sind aus Leder und haben sich mit Wasser vollgesogen.

Diese Ledersohlen und das Lamentieren rufen mir weitere Bilder in Erinnerung: die Jacken, die wir trugen (wir waren Werber für eine Umweltschutzorganisation). Die plumpe Methode, mit der er Menschen, vornehmlich Frauen, zum Spenden bringen wollte. Sein Name: Fritz. Seine Frisur: viel Haarspray. Sah aus, als hätte er ein dunkelbraunes Brett auf dem Kopf.

Und dann habe ich plötzlich eine ganze Szene vor meinem geistigen Auge. Eine Szene, die sich etwa 1997 zugetragen hat. Diesmal am Graben, bei der Pestsäule. In den Hauptrollen: Der Kollege, ein mit Burgern und Pommes gefülltes Sackerl einer Fast-Food-Kette, das auf dem kleinen Werbetischchen der Umweltschutzorganisation steht, und ein erzürnter Passant, der meint, man könne doch nicht dieses Sackerl auf diesen Tisch stellen, das gehöre sich nicht, immerhin sei die Fast-Food-Kette doch ein ganz großer Umweltsünder und natürlicher Feind unserer Organisation.

Ich erinnere mich, dass mein Kollege furchtbare Angst davor hatte, seinen Job zu verlieren. Er befürchtete, dass der Passant bei der Organisation anrufen und sich beschweren würde. Dass die Organisation wiederum den Chef der Agentur anrufen würde, und dass der Chef am Ende bei ihm, dem Kollegen, anrufen und ihm sagen würde: “Du, ich mag dich, du bist gut, wirklich gut, aber das mit dem Sackerl, du weißt, des geht net. Net bös sein, aber morgen brauchst nimmer kommen.”

Reiseziel

Die Wiener Innenstadt verblasst, genau wie das Gesicht meines Kollegen.

Ich kehre in mein Bett zurück. Es ist dunkel. Meine Frau atmet ruhig und gleichmäßig. Das Babyfon aktiviert sich, verstummt aber gleich wieder – einer meiner Söhne wird sich wohl im Schlaf bewegt haben.

Ich erkenne: Meine Reise trug mich 16 Jahre in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der meine Kinder noch nicht einmal ein Gedanke waren. In eine Zeit, von der ich nicht zu hoffen wagte, dass sie noch so viel Platz in meinem Gehirn einnehmen würde.

Und ich bin froh, denn ich will schreiben. Und für jemanden der schreiben möchte, ist ein Kopf voller Erinnerungen Gold wert. Ich kann Menschen, denen ich begegnet bin, in Figuren umwandeln. Ich kann aus Orten, die ich besucht habe, Settings entwerfen. Ich kann vielleicht sogar ganze Szenen dem wahren Leben entnehmen und nach Lust und Laune umschreiben. Oder sie so lassen wie sie sind.

Ich muss nun schlafen gehen. Und morgen Nacht … da werde ich wieder in die Vergangenheit reisen.

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 13.3.2013. (Was für ein Datum!)

 

Der Fußball-Pfarrer

Édouard Manet - The Funeral

Bildnachweis: Édouard Manet (1832–1883) [Public domain], via Wikimedia Commons


Vor ein paar Tagen musste ich zu einer Beerdigung. Ein Todesfall in der Familie. Längere Krankheit, der Tod abzusehen, trotzdem furchtbar traurig. Sie kennen das.

Es war eine katholische Beerdigung, mit Aufbahrung und Totenmesse. Kleine Kirche in einer kleinen Ortschaft weit draußen am Land. Wo die Menschen noch gläubig sind. Auch das kennen Sie vermutlich.

Der Protagonist meiner Geschichte ist der Pfarrer, der die Messe hielt. Stellen Sie sich bitte einen Mann Mitte 40 vor, hager, mit dunklen, aber im Ergrauen befindlichen Haaren, Reindlschnitt, wie man in Österreich sagt, also als würde man sich einen Topf aufsetzen und dann alles abschneiden, was unter dem Rand hervorragt.

Und jetzt stellen sie sich bitte vor, dass dieser Mann in feierlicher Stimme all jene katholischen Texte und Lieder aufsagt respektive singt, die man als katholischer Pfarrer eben zu sagen und zu singen hat, wenn man einem Toten eine Messe hält. In bestem Hochdeutsch, so wie man es ihm im Priesterseminar einst beibrachte.

Nun, da sie dieses Bild vor Ihrem geistigen Auge haben, versucht der Pfarrer plötzlich zu improvisieren. Er sagt Sätze, die er nirgendwo ablesen kann, spricht frei über das Leiden, über die Erlösung. Das Hochdeutsch ist ganz plötzlich unsauber, durchzogen von einem doch recht prominenten Wiener Dialekt und einigen Verzögerungslauten. Ich weiß sofort (oder bin zumindest recht sicher), dass der Mann aus Meidling stammt – einem Wiener Bezirk, der für die besondere Aussprache des Buchstabens “l” bekannt ist.

Ich bin dermaßen überrascht, dass meine Tränen versiegen und ich beinahe lachen muss. Nur beinahe, keine Sorge, mir geht die ganze Sache doch zu nahe, als dass sich meine Mundwinkel nach oben bewegen könnten.

Authentische Figuren

Was ich in diesem Moment aber sehr wohl mache, ist, ans Schreiben zu denken. Und daran, wie wichtig authentische Figuren für eine gute Geschichte sind.

Sehen Sie sich doch mal in ihrem Bücherregal um. Welch unglaublich starke und differenzierte Figuren dort zwischen den Buchdeckeln schlummern. Oskar Matzerath und seine Familie – seine beiden vermeintlichen Väter, der eine ein Nazi-Mitläufer, der andere ein zart besaiteter Beamter. Die furchtbare Madame Bovary und ihr Mann, der gutgläubige Arzt. Garp und seine für die Rechte der Frau kämpfende Mutter Jenny Fields.

Die Autoren der zugehörigen Bücher haben es geschafft, wunderbar dreidimensionale und (ich verspreche, ich verwende dieses Wort nun zum letzten Mal) authentische Figuren zu zeichnen. Man glaubt jedes Wort, das ihnen in den Mund gelegt wird, man hinterfragt keine ihrer Handlungen, findet nichts an ihnen unlogisch oder befremdlich. Sie sind so, wie sie sind. Sie sind echt. In unserem Kopf.

Menschen beobachten

George Tabori sagt in seinem Buch “Autodafé – Erinnerungen” : “Weil ein Schriftsteller, nach meinem Geschmack, muss ein Fremder sein.” (Siehe dradio.de)

Ich möchte diesen Satz so lesen, dass ein Schriftsteller ein außerordentlich guter und neugieriger Beobachter sein muss. Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass man nur dann glaubwürdige Figuren erschaffen kann, wenn man sich für Menschen interessiert und ihre Eigenheiten wahrnimmt.

An dieser Stelle kommt der Pfarrer wieder ins Spiel: Das Stereotyp, das man von einem Geistlichen im Kopf hat (ich behaupte: steif, zurückhaltend, etc.) wird durch die Fußballtraineraussprache durchbrochen. Ich halte den Pfarrer jetzt schon – also ohne weitere Beschreibung oder Ausschmückung – für eine tolle Figur. Ich könnte ihn so nehmen, wie ich ihn erlebt habe, und in einen Text packen. Und nichts daran wäre verkehrt.

Der Sukkus: Ich werde mir künftig noch größere Mühe geben, Menschen zu beobachten. Denn ich will auth… Ich will Figuren in meinen Texten, für die sich der Leser interessiert.

Ihr Lapideus

 

Keine Zeit

Uhr im Spremberger Turm

Bildnachweis: Benjamin (CC BY ND 2.0)

Ich habe keine Zeit. Sie verschließt sich mir, wie eine Blüte, die die Sonne nicht wahrhaben will. Wie ein Buch, das in einer unbekannten Sprache geschrieben ist. Wie ein Kind, dem man Gemüse vorsetzt.

Und doch möchte ich schreiben.

Es geht nicht immer. Man ist verpflichtet, und nicht nur das. Man will ja da sein, für seine Familie; für seine Arbeit, die das tägliche Brot bedeutet. Kunst braucht Leben, das Leben aber keine Kunst.

Und doch möchte ich schreiben.

Sich Zeit zu nehmen, das ist schwierig. Viele sagen, dass sie das täten. Einfach so. Sich verschaffen, was einem zusteht.

Ich glaube, dass sie lügen: Zeit nimmt man sich nicht. Man hat sie auch nicht. Man arbeitet mit den Resten. Mit dem, was einem zugeworfen wird.

Und so schreibe ich im Zug, wo das Leben an einem vorbeirauscht und doch für ein paar Minuten stillsteht.

Und so schreibe ich in der Nacht, wenn alle, die mir etwas bedeuten, tief und fest schlafen.

Und so schreibe ich, wenn ich mal Pause mache.

Ich habe keine Zeit.

Doch die Zeit hat mich auch noch nicht.

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 19.12.2012.

 

Und Schluss!

Gleich vorweg: Achtung, Spoiler-Gefahr!

Einige Autoren behaupten, der Schluss sei – nach dem Anfang – das Zweitwichtigste an einem epischen Text. Er sei ein eingelöstes Versprechen, er sei der Teil eines Buches, der für den Nachgeschmack, den es hinterlässt, verantwortlich ist, er habe das verdiente Ziel nach einer manchmal kurzen, manchmal etwas längeren Reise zu sein.

Ich teile diese Meinung. Denn wie oft haben sie schon eine Variation den Satzes “Also das Ende hab ich gut/blöd gefunden” gehört? Doch sicherlich öfter, als Kommentare zu Anfang oder Textkörper, oder?

Und wenn Sie jetzt, in diesem Moment, an ein beliebiges (erzählendes) Buch denken, das Sie gelesen haben – welche Stationen darin sind Ihnen am lebhaftesten in Erinnerung? Ist der Schluss darunter?

Schlussart

Der Anfänge gibt es viele, der Enden jedoch nicht. Unterscheiden kann man prinzipiell zwischen drei Spielarten: Geschlossen, offen und Überraschung (Twist).

Die geschlossenen Formen kommen in den Varianten Happy End und tragisch daher. Der Text wird also mit einem klaren Ende versehen, und der Held ist entweder happy oder eben nicht. Wie auch immer, der Leser legt den Text mit dem Gefühl beiseite, es sei alles erklärt, man sei fertig, nun sei der Spaß vorbei.

Offene Enden hingegen sind, nun ja, offen, ambivalent. Der Leser muss sich selbst einen Reim auf den Text machen, muss in seinem Kopf sein eigenes Ende konstruieren. Dazu muss ihm der Text aber auch die Möglichkeit geben! Der Leser muss den Text interpretieren können, der Text selbst muss also interpretierbar und einigermaßen logisch sein. Ist das nicht der Fall, bleibt man als Leser irritiert und wahrscheinlich auch enttäuscht auf der Strecke.

Der Twist ist wohlbekannt aus Film und Fernsehen, denn viele Leuchtspielereignisse der letzten Jahre, Jahrzehnte gar, twisten und surprisen, dass es eine helle Freude ist. Da sind Psychiater den ganzen Film über tot und wissen es gar nicht, da ist eine zu Beginn der Story eingeführte Figur names Tschechow plötzlich der Mörder, da sind es gar nicht zwei verschiedene Charaktere sondern nur eine mit gespaltener Persönlichkeit. Manchmal sind es auch bis zu 7 Figuren, die einen Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung ihr trautes Heim nennen. Im Kino singt man also oft Songs von Chubby Checker: Come on, let’s twist again.

Fritz Gesing, der in seinem Buch “Kreativ Schreiben” (Kaufempfehlung!) eine etwas andere Gliederung möglicher Enden aufzeigt, spricht auch noch von einer Kreisbewegung, die im Text stattfinden kann. Damit meint er, dass der Protagonist am Ende wieder in etwa dort ankommt, wo er gestartet ist.

This is not an Exit

Bildnachweis: Sean Duran (CC BY-NC-ND 2.0)

Beispiele

Happy End – mir fällt ein: Harry Potter. Die einzelnen Bücher zeigen zwar die eben erwähnte Kreisbewegung (Harry kehrt – zumindest in den ersten paar Bänden – immer wieder in den Ligusterweg zurück, jedoch ist er nicht mehr derselbe, der die Dursleys Anfang des Schuljahres verließ), das Ende des gesamten Zyklus ist aber so linear happy wie es nur geht: Der Bösewicht erleidet sein episches Schicksal, die wesentlichen Figuren überleben mit leichten Blessuren, und der Epilog lässt keinen Zweifel daran, dass die Welt jetzt und in alle Ewigkeit eine bessere ist.

Tragisches Ende – ein klassisches Beispiel ist selbstverständlich “Romeo und Julia”. Der arme Romeo glaubt seine Julia bereits dahingeschieden, irrt natürlich, bringt sich um, Julia erwacht, sieht ihrerseits den toten Romeo und folgt ihm dolchstoßend (oder schießend, je nach Bearbeitung) nach. Die Liebenden, ihres Zeichens Kinder verfeindeter Häuser sind im Tode vereint.

Als Beispiel jüngerer Natur führe ich den letzten Teil der “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”-Reihe an, “Mostly Harmless”. Nach einer Odyssee, die sogar Odysseus in den Depressivselbstmord gedrängt hätte, kehrt Arthur Dent auf die Erde zurück (Kreisbewegung!), um neuerlich ihrer Zerstörung beizuwohnen. Nur diesmal entkommt er nicht – wenn man den 2009 veröffentlichten, nicht aus Douglas Adams Feder stammenden sechsten Teil “And Another Thing” mal ignoriert.

A tremendous feeling of peace came over him. He knew that at last, for once and for ever, it was now all, finally, over.

Der Leser ist zwar traurig (zumindest ich, solange ich den 6ten Teil noch nicht gelesen habe), aber einigermaßen zufrieden: Die Passion Arthur ist beendet, er hat (hoffentlich) einen höheren Bewusstseinszustand erreicht. Und auch Agrajag hat endlich mal die Chance auf eine Inkarnation, die an Altersschwäche stirbt.

Offenes Ende – ich denke an “Homo Faber” von Max Frisch. Walter Fabers Bericht endet kurz vor einer Magenoperation mit dem Tagebucheintrag “Sie kommen.”. Es ist zwar anzunehmen, dass Faber die Operation nicht überleben wird, aber gesagt wird es nicht.

Auch dem Buch “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche kann man ein offenes Ende im Sinne der Ambivalenz attestieren. Man könnte den Schluss mit ein bisschen Phantasie nämlich auf (mindestens?) zwei verschiedene Weisen lesen: Ist die Notoperation schief gegangen? Ist die Tür, die Helen durchschreitet, in Wirklichkeit der Tod, der Eintritt in ihr persönliches Paradies? Oder geht sie wirklich, gesundet am Allerwertesten, mit ihrem neuen Freund ins Glück? So oder so, hinter der Tür ist der Kopf des Lesers gefragt.

Überraschung und Twist – Beispiele ohne Ende, beginnend mit der griechischen Tragödie. Ödipus etwa, der, ohne sich dessen bewusst zu sein, seinen Vater ins Jenseits respektive in die Unterwelt befördert und zu allem Überfluss seine Mutter ehelicht. Heutzutage vor allem, wie bereits erwähnt, in Film und Fernsehen. Edward Norton erkennt, dass er sich selbst schlägt und nicht Bradley, und so weiter und so fort. Darüber hinaus: Jeder Whodunit-Krimi twisted im Prinzip ein wenig oder ein wenig mehr. Wenn Sie an einer recht umfangreichen Darstellung von Twist-Enden interessiert sind, folgen Sie bitte diesem Link: “Plot Twist” auf Wikipedia.

Das Ende-Quiz (Achtung: Erhöhte Spoiler-Gefahr!)

Zum Abschluss ein kurzes Quiz: Ich nenne Ihnen die letzten Sätze einiger Bücher (quer durch den Gemüsegarten) und Sie müssen erraten, um welches es sich jeweils handelt. Überall dort, wo die Erwähnung von Namen das Quiz zu einfach werden lassen würde, habe ich eben jene durch Sternchen ersetzt. Viel Spaß!

******* und ****** fielen bestürzt und in Tränen auf die Knie und schlossen **** *******s Hände, die sich nicht mehr bewegten, in die ihren. Von dem Schein der beiden Leuchter erhellt, fiel *** *******s Kopf zurück. Sein weißes Antlitz war zum Himmel gerichtet.

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Aus “Die Elenden” von Victor Hugo. Die gesternten Namen lauten Cosette, Marius und natürlich Jean Valjean.

Ihre leblose Gestalt trieb durch den Fluss davon, und er sah ihr nach, wie sie sich entfernte, im Gefolge von Fanny Ferreira und Pierre Niémans.
Am Horizont über den Bergen ging eine strahlende Sonne auf.
Karim achtete nicht darauf.
Die Dunkelheit, die sein Herz gefangen hielt, vermochte keine Sonne zu durchdringen.

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Aus “Die purpurnen Flüsse” von Jean-Christophe Grangé.

“Think on it, *****: that princess will have the name, yet she’ll live as less than a concubine—never to know a moment of tenderness from the man to whom she’s bound. While we, *****, we who carry the name of concubine—history will call us wives.”

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Aus “Dune” von Frank Herbert. Der gesternte Name lautet Chani.

Herr ******* stand da, verkehrsumtost, und fühlte sich leer. Er wollte nach Hause, da erwartete ihn nichts außer ein paar Büchern und einem leeren Bett. Vielleicht sollte ich mir doch mal wieder einen Fernseher anschaffen, dachte er. Oder mal Urlaub machen. Mit Heidi nach Bali. Oder nach Polen. Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.
Ich gehe erst mal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

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Aus “Herr Lehmann” von Sven Regener. Der gesternte Name lautet selbstverständlich Lehmann.

In der Welt, so wie ihr Vater sie sah – das wusste Jenny **** –, brauchen wir Energie. Ihre berühmte Großmutter, Jenny Fields, hatte die Menschen einst in «Äußerliche», «lebenswichtige Organe», «Abwesende» und «Hoffnungslose» eingeteilt. Aber in der Welt, so wie **** sie sah, sind wir alle unheilbare Fälle.

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Aus “Garp und wie er die Welt sah” von John Irving. Der gesternte Name lautet Garp.

»In Ordnung«, sagte Iran. »Ich möchte, dass sie in jeder Hinsicht einwandfrei funktioniert. Mein Mann hängt sehr an dem Tier.« Sie nannte ihre Adresse und legte auf. Jetzt war ihr wohler. Sie bereitete sich eine letzte Tasse schwarzen, heißen Kaffee.

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Aus “Blade Runner” von Philip K. Dick.

Sie befreite ihren Geist von allen Gedanken an sich selber, an die Kinder, von allem Zorn, aller Auflehnung, allen Problemen. Und dann betete sie mit tiefem, heißen Wunsch, zu glauben, gehört zu werden, wie sie es seit dem Mord an Carlo Rizzi jeden Tag getan hatte – betete für die Seele von ******* ********.

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Aus “Der Pate” von Mario Puzo. Der gesternte Name lautet Michael Corleone.

… and this is followed by a sigh, then a slight shrug and another sigh, and above one of the doors covered by red velvet drapes in Harry’s is a sign and on the sign in letters that match the drapes’ color are the words THIS IS NOT AN EXIT.

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Aus “American Psycho” von Bret Easton Ellis.


An dieser Stelle mache ich Schluss!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 21.11.2012 um 7:15