Christian Neumann und Michel Fleck im Gespräch

In einem kleinen, fiktiven Dorf namens Sechsschimmelhausen sitzen auf einer kleinen, fiktiven Holzbank Michel Fleck und Christian Neumann. Sie sind die Autoren von “Furunkel im Darm” und “Lagerkoller”, zwei humoristischen Büchern über die ländlich-österreichische Seele. Lapideus sitzt im satten, grünen, von Kühen noch nicht aufgefressenen aber von Pfadfindern leicht zertrampelten Gras und bewirft sie mit Fragen. Die Autoren, wohlgemerkt, nicht die Pfadfinder.

Lapideus: Wann habt ihr angefangen, euch schriftstellerisch zu betätigen?

Michel Fleck: In unserer gemeinsamen Schulzeit, so mit etwa 16 oder 17. Wobei man das noch nicht „schriftstellerisch“ nennen kann. Aber damals entstand die Grundlage für unser späteres Buch „Furunkel im Darm“.
Christian Neumann: Wobei die Beiträge zu den Jahresberichten und die Maturazeitung durchaus ihre Qualitäten hatten. Sogar manche Lehrer fanden das lustig …

L: Wie viele (belletristische) Bücher pro Jahr lest ihr etwa?

F: Vielleicht 30, eher mehr.
N: Heute nur mehr 20, früher deutlich mehr.

Michel Fleck

Bildnachweis: (c) Michel Fleck

L: Habt ihr einen Lieblingsautor und falls ja, beeinflusst der euch beim Schreiben?

F: Das wechselt. Früher waren es mal Terry Pratchett und Isaac Asimov, und es kann leicht sein, dass Ersterer mich beeinflusst. Aktueller wären es Peter F. Hamilton, Charles Stross, Tom Holt, Iain M. Banks, die wohl weniger Einfluss haben.
N: Ich liebe die Abwechslung. Es gibt ganz verschiedene Typen von Autoren, deren Schreibstil ich sehr mag: Carl Hiaasen zum Beispiel. Tess Gerritsen. Wolf Haas.

L: Ihr habt bis jetzt zwei Bücher veröffentlicht: “Furunkel im Darm” und “Lagerkoller”. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, humoristische Bücher über das Leben am Lande bzw. die Pfadfinder zu schreiben?

F: Die Idee zum ersten Buch geht wie gesagt auf erste schriftstellerische Versuche aus der Schulzeit zurück. Erst viel später haben wir diese Seiten wiedergefunden und weiterverarbeitet. Woher die Idee zur ländlichen Idylle kam, weiß ich nicht mehr.
Ganz anders mit der Pfadfindersache. Nachdem ich selbst oft auf Pfadfinderlager mitgefahren bin (als Hilfskraft, mehr oder weniger), habe ich so viel erlebt, dass es fast unmöglich war, darüber kein Buch zu schreiben! Konkret war es das internationale Großlager „Ursprung“ in Laxenburg, das Modell für die Idee war.
N: Ich habe schon “immer” den Plan gehabt, einen spannenden Pharmakrimi zu schreiben, der in der Abgeschiedenheit der Wildnis seinen fatalen Ausgang nimmt. Einige mikroskopische Reste dieses Plans sind im Furunkel zu finden. Lagerkoller war ganz allein Michels Idee.

L: Mich interessiert der kreative Prozess: Wie sind eure Charaktere entstanden? Habt ihr sie gemeinsam erdacht oder war jeder von euch für eine Teilmenge verantwortlich?

F: Sowohl als auch. Einige sind unsere gemeinsamen „Kinder“, andere haben nur einen von uns als „Vater“.
N: Wobei man anmerken muss, dass wir beide sehr früh alle Charaktere für uns gemeinsam vereinnahmt haben. Schnell wurden wir beide gleichwertige Adoptiveltern von all unseren Charakteren.

L: Gibt es lebende Vorbilder (die ihr auch kennt) für eure Charaktere?

F: Ja, jede Menge. Ich meine, es ist unmöglich, eine Person, einen Charakter auszudenken, ohne (bewusste oder unbewusste) Vergleiche mit realen Personen im Kopf zu haben.
N: Ganz genau. Drum steht ja auch am Anfang jedes Buches, dass jede Ähnlichkeit rein zufällig ist.

Christian Neumann

Bildnachweis: (c) Christian Neumann

L: Ihr habt ja zu zweit geschrieben. Wie kann man sich das vorstellen, wie habt ihr zusammengearbeitet?

F: Ursprünglich sehr wirr: Einer hat ein Stück geschrieben, mittendrin aufgehört und dem anderen weitergegeben. Da ging es wirklich nur um den Spaß am Schreiben. Später wurde die Sache organisierter, wir haben konzipiert, geplant, verändert, und jeder hat bestimmte Textteile geschrieben. Dennoch haben wir viel hin- und hergeschickt und oft an den Textteilen des jeweils anderen weitergearbeitet. Und schließlich allein und gemeinsam revidiert, modifiziert, abgestimmt, usw.
N: Man sitzt zuhause, im Bus, im Wartezimmer, wo auch immer man gerade einen Einfall hat und schreibt ein paar Seiten. Währenddessen freut man sich schon, dass es jemand anders gleich lesen wird. Und nachdem wir einen ähnlichen Geschmack haben, hat uns das Geschriebene auch gegenseitig meist auf Anhieb gefallen. Trotzdem wurde sehr viel gemeinsam besprochen, redigiert, auf Plausibilität geprüft, ausgebessert, angepasst. Uns war wichtig, dass bei allem Spaß alles in sich stimmig ist.

L: Habt ihr die Bücher in der Zwischenzeit noch einmal gelesen? Was empfindet ihr dabei?

F: Nein, habe ich aber vor! Nach dem Fertigstellen konnte ich den Text nicht mehr sehen …
N: Ja! Beide jeweils schon zwei Mal. Und ich muss gestehen: Mir gefällt es immer noch sehr gut!

L: Was war für euch das Wichtige bei den Buchpräsentationen?

F: Spaß. Das war immerhin etwas Neues, das hatten wir noch nie.
N: Ich wollte sehen, ob der Spaß, den wir beim Schreiben hatten, auch bei den Leserinnen und Lesern ankommt.

L: Habt ihr von vornherein geplant, die Bücher im Eigenverlag zu veröffentlichen oder habt ihr auch versucht, einen Verleger zu finden?

F: Wir haben schon Verlage angeschrieben, aber nur ganz selten überhaupt eine Antwort bekommen. Schließlich haben wir es bleiben lassen und das Buch selbst verlegt.

L: Habt ihr Erfahrung mit Schreibblockaden? Wie geht ihr damit um?

C: Das ist der größte Vorteil, wenn zwei Autoren auf diese Weise zusammen arbeiten. Wenn ich mich auch nur einen Moment unkreativ fühlte, konnte ich abbrechen, selbst mitten im Satz. Dann hat Michel weitergeschrieben. Und umgekehrt. Meistens war es aber eher so, dass
die Zeit kaum für die vielen Ideen zum Weiterschreiben, die ich dank Michels Textteilen gehabt habe, gereicht hat.

L: Wie geht ihr mit Kritik um? Wie fühlt man sich, wenn andere das eigene Werk beurteilen?

F: Ich hab kein Problem damit. Ich schreibe viele wissenschaftliche Arbeiten, hier ist Peer-Review mit Rückmeldungen üblich und notwendig.
N: Ich finde es grundsätzlich faszinierend. Da setzen sich Menschen freiwillig hin und beschäftigen sich stundenlang mit etwas, was du fabriziert hast. Da möchte ich dann natürlich wissen, was ihnen gefallen hat und was nicht.

L: Gibt es schon ein neues Projekt, an dem ihr arbeitet? Was ist der Titel?

N: Ideen gibt es viele, aber die eine zündende, aus der konkret und sicher etwas wird, noch nicht.

L: Wo schreibt ihr am liebsten? Gibt es da einen bevorzugten Ort wie zum Beispiel ein Café? Oder arbeitet ihr einfach zu Hause am Esstisch?

F: Zu Hause, am Esstisch. Genau getroffen.
N: Zu Hause, auf der Couch.

L: Gibt es eine Tageszeit, zu der ihr am liebsten schreibt? Bei der ihr wisst: Ja, da bin ich am produktivsten, da kommen die Wörter wie von selbst?

N: Nein. Wenn man im Schreiben drinnen ist, fällt es eher schwer abzuschalten.

L: Welche Tools nutzt ihr? Arbeitet ihr nur im Texteditor oder verwendet ihr so etwas wie Scrivener?

N: Zuerst Block und Kuli, dann Word.

L: Wie sieht es mit sprachlicher Kompetenz aus? Bildet ihr euch – abgesehen vom Lesen – fort?

F: Ja, in vieler Hinsicht, aber nicht zum Thema sprachlicher Kopemtezn. Will sagen, Kompetenz.
N: Ja, ich besuche einschlägige Seminare.

L: Wenn ihr einem anderen Autoren einen Tipp geben müsstet, wie würde der lauten?

M: Das Schreiben muss mindestens so viel Spaß machen wie das Lesen!
C: Es muss einem selbst gefallen und Spaß machen.

L: Danke für das Interview!

Michel Fleck (Jahrgang 1974) lebt in Wien und arbeitet als Lehrer für
Physik und Biologie an einer AHS/WMS sowie als Dozent am Institut für
Mineralogie und Kristallographie der Universität Wien. Neben dem
gelegentlichen Roman schreibt er vor allem wissenschaftliche Arbeiten, dazu illustiert er hin und wieder Schulbücher.

Christian Neumann (Jahrgang 1974) hat Statistik studiert und übt seinen Beruf im niederösterreichischen Landesdienst aus. Er ist verheiratet, hat ein Kind und folgt damit dem statistischen Trend.

Furunkel im Darm” und “Lagerkoller” sind im Eigenverlag erschienen. Weitere Informationen finden Sie auf www.lagerkoller.at.

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Achtung: Dieses Interview ist nicht unter CC lizensiert! Es unterliegt dem Urheberrecht. Sollten Sie dieses Interview abdrucken wollen, setzen Sie sich bitte mit Lapideus in Verbindung (siehe Impressum).

Lapideus macht Ferien. Der nächste Artikel erscheint am 9.1.2013. Und ja, die Welt wird es dann noch geben. Schöne Weihnachten und ein frohes Neues Jahr!

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