Der Fußball-Pfarrer

Édouard Manet - The Funeral

Bildnachweis: Édouard Manet (1832–1883) [Public domain], via Wikimedia Commons


Vor ein paar Tagen musste ich zu einer Beerdigung. Ein Todesfall in der Familie. Längere Krankheit, der Tod abzusehen, trotzdem furchtbar traurig. Sie kennen das.

Es war eine katholische Beerdigung, mit Aufbahrung und Totenmesse. Kleine Kirche in einer kleinen Ortschaft weit draußen am Land. Wo die Menschen noch gläubig sind. Auch das kennen Sie vermutlich.

Der Protagonist meiner Geschichte ist der Pfarrer, der die Messe hielt. Stellen Sie sich bitte einen Mann Mitte 40 vor, hager, mit dunklen, aber im Ergrauen befindlichen Haaren, Reindlschnitt, wie man in Österreich sagt, also als würde man sich einen Topf aufsetzen und dann alles abschneiden, was unter dem Rand hervorragt.

Und jetzt stellen sie sich bitte vor, dass dieser Mann in feierlicher Stimme all jene katholischen Texte und Lieder aufsagt respektive singt, die man als katholischer Pfarrer eben zu sagen und zu singen hat, wenn man einem Toten eine Messe hält. In bestem Hochdeutsch, so wie man es ihm im Priesterseminar einst beibrachte.

Nun, da sie dieses Bild vor Ihrem geistigen Auge haben, versucht der Pfarrer plötzlich zu improvisieren. Er sagt Sätze, die er nirgendwo ablesen kann, spricht frei über das Leiden, über die Erlösung. Das Hochdeutsch ist ganz plötzlich unsauber, durchzogen von einem doch recht prominenten Wiener Dialekt und einigen Verzögerungslauten. Ich weiß sofort (oder bin zumindest recht sicher), dass der Mann aus Meidling stammt – einem Wiener Bezirk, der für die besondere Aussprache des Buchstabens “l” bekannt ist.

Ich bin dermaßen überrascht, dass meine Tränen versiegen und ich beinahe lachen muss. Nur beinahe, keine Sorge, mir geht die ganze Sache doch zu nahe, als dass sich meine Mundwinkel nach oben bewegen könnten.

Authentische Figuren

Was ich in diesem Moment aber sehr wohl mache, ist, ans Schreiben zu denken. Und daran, wie wichtig authentische Figuren für eine gute Geschichte sind.

Sehen Sie sich doch mal in ihrem Bücherregal um. Welch unglaublich starke und differenzierte Figuren dort zwischen den Buchdeckeln schlummern. Oskar Matzerath und seine Familie – seine beiden vermeintlichen Väter, der eine ein Nazi-Mitläufer, der andere ein zart besaiteter Beamter. Die furchtbare Madame Bovary und ihr Mann, der gutgläubige Arzt. Garp und seine für die Rechte der Frau kämpfende Mutter Jenny Fields.

Die Autoren der zugehörigen Bücher haben es geschafft, wunderbar dreidimensionale und (ich verspreche, ich verwende dieses Wort nun zum letzten Mal) authentische Figuren zu zeichnen. Man glaubt jedes Wort, das ihnen in den Mund gelegt wird, man hinterfragt keine ihrer Handlungen, findet nichts an ihnen unlogisch oder befremdlich. Sie sind so, wie sie sind. Sie sind echt. In unserem Kopf.

Menschen beobachten

George Tabori sagt in seinem Buch “Autodafé – Erinnerungen” : “Weil ein Schriftsteller, nach meinem Geschmack, muss ein Fremder sein.” (Siehe dradio.de)

Ich möchte diesen Satz so lesen, dass ein Schriftsteller ein außerordentlich guter und neugieriger Beobachter sein muss. Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass man nur dann glaubwürdige Figuren erschaffen kann, wenn man sich für Menschen interessiert und ihre Eigenheiten wahrnimmt.

An dieser Stelle kommt der Pfarrer wieder ins Spiel: Das Stereotyp, das man von einem Geistlichen im Kopf hat (ich behaupte: steif, zurückhaltend, etc.) wird durch die Fußballtraineraussprache durchbrochen. Ich halte den Pfarrer jetzt schon – also ohne weitere Beschreibung oder Ausschmückung – für eine tolle Figur. Ich könnte ihn so nehmen, wie ich ihn erlebt habe, und in einen Text packen. Und nichts daran wäre verkehrt.

Der Sukkus: Ich werde mir künftig noch größere Mühe geben, Menschen zu beobachten. Denn ich will auth… Ich will Figuren in meinen Texten, für die sich der Leser interessiert.

Ihr Lapideus

 

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