Der Vorleser

Der folgende Artikel wurde bereits auf dem Blog Astrodicticum Simplex veröffentlicht. Ich habe mich dazu entschlossen, ihn zu überarbeiten und noch einmal auf meiner eigenen Seite zu posten, weil ich das Thema gut und wichtig finde. Außerdem finden sich in der ersten Version ein paar Schwächen – vermutlich hatte ich mir den Text nicht oft genug vorgelesen.

Ich gebe zu: Ich mag es, anderen vorzulesen. Das habe ich schon in der Schule gern getan. Das Vorlesen von Texten war eine der wenigen Aufgaben im Deutschunterricht, zu denen ich mich immer freiwillig meldete.

Meine Mitschüler waren allerdings kein besonders gutes Publikum (Sorry, Leute!). Meine beiden Söhne hingegen sind da schon um einiges dankbarer. Der ältere liebt seine Bilderbücher über alles und kann sie gar nicht oft genug vorgelesen bekommen. Einige davon werde ich wohl noch in ein paar Jahren fehlerlos rezitieren können.

Franz Marc - Der tote Spatz

Rudolf Ernst (1854-1932) – Die Vorleserin
[Public Domain] via Wikimedia Commons

Und nun verrate ich Ihnen ein kleines Geheimnis: Auch meiner Frau lese ich vor. Jeden Abend, und das schon seit vielen Jahren. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich ihr bereits vorgetragen habe. Es müssen wohl einige Dutzend sein.

Aber wie gesagt: Ich tu es gern. Es macht mir Spaß.

Textmelodie

Aber warum ist das so?

Natürlich weil es eine wunderbare soziale Interaktion ist. Doch das ist nicht der einzige Grund. Es geht auch um die Melodie eines Textes. Um seinen Rhythmus. Beides kommt durch lautes Vorlesen so richtig zur Geltung. Der Text wird so zu einem noch intensiveren Erlebnis.

Man ist plötzlich Schauspieler – man spricht Dialoge, als würde man auf der Bühne stehen oder vor einer Kamera. Die Figuren werden lebendiger, der Text erhält eine neue Dimension.

Eigene Texte verbessern

Vorlesen macht aber nicht nur Spaß, es ist auch nützlich. Es kann dazu dienen, die Qualität der eigenen Texte zu erhöhen.

Falls Sie diese Methode noch nicht kennen, schlage ich Ihnen ein Experiment vor: Schreiben Sie einen Text. Überarbeiten Sie ihn, bis er Ihnen stimmig erscheint, und dann lesen Sie ihn. Lesen Sie ihn gründlich.

Zufrieden damit? Gut!

Und jetzt lesen Sie ihn sich selbst laut vor.

Fertig? Dann mal ehrlich: Wie oft sind Sie irgendwo gestolpert, als ob der Text an dieser Stelle ein Schlagloch hätte? Wie oft hatten Sie das Gefühl, dass zwei Sätze sich in ihrem Rhythmus, in ihrer Melodie zu ähnlich sind? Wie oft hatten Sie das Gefühl, dass ein Absatz plötzlich nicht mehr homogen wirkt?

Öfter, als Sie es für möglich gehalten hatten, oder?

Ein wichtiges Werkzeug

Das laute Vorlesen meiner eigenen Texte ist für mich ein unverzichtbares Werkzeug geworden. Ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie viele Fehler/Schlaglöcher/hässliche Melodien ich finde, obwohl ich bereits der festen Überzeugung war, dass der Text in Ordnung sei.

Die Methode lässt sich übrigens auf jede Art von Text anwenden. Es macht keinen Unterschied, ob es sich um eine Kurzgeschichte, einen Zeitungsartikel oder eine wissenschaftliche Publikation handelt.

Oder um ein Posting wie dieses hier.

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 20.2.2013.

 

4 thoughts on “Der Vorleser

  1. Gian

    Hallo Bruno

    Vielen Dank, dass du mir diesen genialen Tipp wieder in Erinnerung gerufen hast. Es gab eine Zeit, da habe ich meine Texte regelmäßig laut vorgetragen – allerdings nur mir selbst.

    Ich muss unbedingt wieder damit anfangen.

    Liebe Grüße

    Gian

    Reply
    1. Lapideus Post author

      Hallo Gian!

      Tut mir leid, dass ich dir nicht eher geantwortet habe! Ich war ein wenig außer Gefecht gesetzt.

      Danke für deinen Kommentar und deine Zustimmung! Ja, mach das unbedingt wieder, es zahlt sich wirklich aus. Ich bin oft beinahe schockiert darüber, wie sich gesprochener Text und gelesener Text unterscheiden können.

      Viel Spaß!

      Bruno/Lapideus

      Reply
  2. Mama arbeitet

    Hallo Lapideus,

    wenn ich ernsthaft texte (z.B. wie zuletzt für die Kinderbüchlein), tue ich das laut sprechend – und drum in absoluter Einsamkeit. Beim Bloggen allerdings nicht, das geht auch mit “Drumherum”. Die gebloggten Texte sehe ich aber auch als lesend einsam vor dem Bildschirm rezipiert, anders als die Kinderbücher, die zum Vorlesen bestimmt sind. Soll heissen: es kommt darauf an. 🙂

    Herzlichen Gruss, Christine

    Reply
    1. Lapideus Post author

      Hallo Christine!

      Ehrlich gesagt kann ich keinen deiner beiden Punkte nachvollziehen.

      Ad ernsthaft/nicht ernsthaft: Da bin ich vielleicht ein wenig extrem. Ich tu mir schwer, etwas zu veröffentlichen, das für mich nicht 100%ig passt. Da gehört für mich auch (oder sogar gerade) das Blog dazu.

      Ad lesend rezipiert: Ich bin der Meinung, dass man auch Texte, die nicht unbedingt zum Vorlesen bestimmt sind, verbessern kann, indem man sie sich selbst laut vorliest. Siehst du das wirklich anders?

      Liebe Grüße,
      Bruno/Lapideus

      Reply

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