Ein Satz setzt Zeichen

Question mark

Bildnachweis: Marco Bellucci (CC BY 2.0)

Heute freue ich mich sehr über einen Gastbeitrag von Reinhard Birke, zu dem er sich nach einem Interview vor einigen Wochen freundlicherweise breitschlagen ließ. Im seinem Text lässt er Sätze und Wörter gegen die allzu mächtigen Satzzeichen rebellieren. Ob sie den Kampf gewinnen können? Wir werden sehen. Viel Spaß!

Der Punkt ruft: „Aus!“, fragt: „Schluss?“ – und ist bei Strich am Ende. Die Symphonie der Sprache gepresst in das Korsett ihrer Symbole. Geschriebene Worte, ihrer Gesten und Klänge beraubt, dazu verdammt ihre stumme Botschaft zu überbringen.

Nicht erregtes Flehen, nicht gehauchtes Flüstern und kein verzehrtes Seufzen verleihen dem Satz die melodische Eleganz seiner verklungenen Tage. Still geformt aus leeren Hüllen, getrennt durch die Macht der Zeichen, steht er abgeschirmt von Seinesgleichen. Nackt, dem willfährigen Auge des verächtlichen Lesers schutzlos ausgeliefert.

Mit jedem Male neu geboren, beginnt zaghaft seine Suche nach Bedeutung. Bedroht von Ablenkung und bedrängt von Gedanken, lauert auf ihn ausgehungert das Vergessen.

Kein Schutz, kein Freund, kein liebevoller Begleiter.

Stimmenlos baut er sich auf und stürzt in eine Welt die ihm nicht traut. Schmachvoll gebeugt schleppt er, an seinem Ende fest verankert, das Symbol seiner Wirkung. Er selbst ist stummer Diener. Seines Zeichens nichts sagender Bückling. Macht hat nur sein Ende.

Aus einsamer Gefangenschaft erklingt mir stumm sein leises Flehen. Vereint in Sehnsucht, verschwören sich die Sätze zum Aufruhr. Ein flehender Kanon für die Freiheit von den Zeichen. Doch schon schleicht Unsicherheit durch ihre Reihen.

Schüchterne melden sich laut zu Wort um ihre Bedeutung zu bedenken. Vor allem die verletzlich Kleinen warnen vor all zu schneller Verschmelzung. Und selbst die Mutigen fürchten ungeniert um ihren guten Ruf.

Hinten ohne. Unbedeckt. Ein gewagter Gedanke frivoler Freiheit. Bedeutung durch sich selbst. Erlöst aus der Umklammerung der Endung. Der Bindestrich biedert sich an und wittert seine Chance. Ein Symbol der Mitte. Die Hoffnung siegt. Raunend erheben sie fragend ihre zögerlichen Stimmen zum geflüsterten Gebrüll ihres zeichenlosen Schlachtrufs:

In Bedeutung vereint mit Meinesgleichen – erst durch den Tod der Endungszeichen!

Reinhard Birke, geboren 1981, lebt in Klosterneuburg bei Wien. Sein literarisches Interesse äußerte sich in zahllosen Kurzgeschichten bereits in seiner Jugend. Nach ebenso vielen Literaturwettbewerben wie Slam-Texten ist im März 2012 sein Debütroman “Zuversicht” im Letter P Verlag erschienen. Vor wenigen Wochen folgte eine spezielle Kindle Edition erhältlich bei amazon oder Letter P.

 

2 thoughts on “Ein Satz setzt Zeichen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *