Pfeif aufs Adjektiv, vergiss das Adverb!

Adjektive und Adverbien: Eine Geschichte voller Missverständnisse. Zu viele zu benutzen ist schlecht, zu wenige sind auch nicht gut. Aber was ist denn nun die goldene Mitte?

Dazu ein Experiment: Gegeben seien ein paar Absätze halbliterarischer Natur, erstellt unter Anstrengung aller verfügbaren Hirnzellen. Nebenbedingung zur Absatzerzeugung sei, so viele Adjektive und Adverbien wie möglich einzubinden. Und los!

Emma stand am geschlossenen Fenster und blickte in den wabernden Nebel, der sich draußen geräuschlos zu bilden begann. Trotz der nächtlichen Dunkelheit konnte Frank eindeutig erkennen, dass sie vollkommen nackt war.
“Zieh dir doch etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst furchtbar erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur zart den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie kaum wahrnehmbar.
Frank ließ seinen wohlgeformten Kopf wieder langsam in den warmen Polster sinken. Wenn Emma so seltsam drauf war, war Argumentieren völlig zwecklos.

Ich gebe zu, ich habe es ein wenig übertrieben. Ich bitte um Verzeihung, sollte ich Ihnen Brechreiz verursacht haben!

La luz de la mañana

Bildnachweis: Pollobarba (CC BY-NC-ND 2.0)

Hier nun derselbe Text, vermindert um fast alle Adjektive und Adverbien.

Emma stand am geschlossenen Fenster und blickte in den wabernden Nebel, der sich draußen geräuschlos zu bilden begann. Trotz der nächtlichen Dunkelheit konnte Frank eindeutig erkennen, dass sie vollkommen nackt war.
“Zieh dir doch etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst furchtbar erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur zart den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie kaum wahrnehmbar.
Frank ließ seinen wohlgeformten Kopf wieder langsam in den warmen Polster sinken. Wenn Emma so seltsam drauf war, war Argumentieren völlig zwecklos.

Also:

Emma stand am Fenster und blickte in den Nebel, der sich zu bilden begann. Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war.
“Zieh dir etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich erkälten.”
Emma schüttelte den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie.
Frank ließ seinen Kopf wieder in den Polster sinken. Wenn Emma so drauf war, war Argumentieren zwecklos.

Besser, oder? Sollte Ihnen dieser Kahlschlag aber zu viel des Guten gewesen sein, schlage ich die folgende Version als Kompromiss vor:

Emma stand am Fenster und blickte in den  Nebel, der sich draußen zu bilden begann. Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war.
“Zieh dir etwas an, Schatz”, sagte er, “Du wirst dich sonst erkälten.”
Doch Emma schüttelte nur den Kopf.
“Es geht schon”, flüsterte sie.
Frank ließ seinen Kopf wieder in den Polster sinken. Wenn Emma so drauf war, war Argumentieren zwecklos.

Der Sukkus: Die meisten Adjektive können zum Wohle der Lesbarkeit und des guten Geschmacks ohne viel Aufsehen eliminiert werden. Bei Adverbien kann man etwas differenzierter vorgehen.

Ihr Lapideus

 

6 thoughts on “Pfeif aufs Adjektiv, vergiss das Adverb!

  1. Odo

    Vielleicht sind meine eigenen Ansätze zu ausufernd, quasi überbordend, als dass ich mir ein objektives Bild von der Situation mit den vermaledeiten Adjektiven machen könnte (ich glaube auch den Konjunktiv sollte man sparsam verwenden, aber dann wäre ich nicht ich).
    Deshalb von mir die Aussage: Es haben beide Texte (mit und ohne) etwas, es kommt einfach stark auf das Zielpublikum an, das du erreichen willst.
    Liebe Grüße
    Odo

    Reply
    1. Lapideus Post author

      Servus Odo!

      Ich glaub auch, dass beide Varianten ihr Zielpublikum finden. Und wenn man es als Autor schafft, je nach Leserschaft den Stil anzupassen, dann ist das ja gutes Handwerk. Trotzdem bin ich mir sicher: Die literarische Qualität und die Anzahl der Adjektive sind indirekt proportional.

      Liebe Grüße,
      Bruno

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  2. Lita Haagen

    Seltsam, dass Sie ausgerechnet das Wort „draußen“ wieder rein holen.
    Sie steht am Fenster und es ist kaum anzunehmen, dass der Nebel sich in der Wohnung bildet.
    Dass er wabert, ist eine neue Information.
    Sie korrespondiert mit ihrer Stimmung, in der sie nicht für rationale Gedanken zugänglich ist.
    Nach diesem Anfang würde ich vermuten, dass diese Stimmung handlungsrelevant ist.
    Deshalb finde ich es hier nützlich, die Natur mit Adverbien stellvertretend für die Seelenlandschaft möglichst präzise zu beschreiben.
    Es geht nicht nur um die Schönheit, sondern um den Zweck der Szene.

    Reply
    1. Lapideus Post author

      Liebe Lita,

      Sie argumentieren das sehr nachvollziehbar und ich kann Ihnen nur Recht geben. “Draußen” ist unnötig. Auch die szenische Bedeutung von “wabernd” kann ich nachvollziehen, mir wäre das Wort aber trotzdem zu viel – erstens gefällt es mir einfach nicht, zweitens glaube ich, die/den Leser_in damit einzuschränken.

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  3. Thor

    “Trotz der Dunkelheit konnte Frank erkennen, dass sie nackt war. ” Ich stimme zu, dass man über die Verwendung von Adverbien und Adjektiven nachdenken sollte. Der Fokus sollte auch auf andere Wörter gerichtet werden, die zu oft verwandt werden. So manch einer quetscht nämlich allzu oft Artikel vor Nomen, die man weglassen könnte. “Trotz [der] Dunkelheit” (siehe den einleitenden Satz!) ist so ein Beispiel. Oder: “Wenn [der] Wolfgang mit [der] Angelika … ”

    Und danke für diesen Mist: “Error: Time limit is exhausted. Please enter CAPTCHA value again. Click the BACK button on your browser, and try again.”

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    1. Lapideus Post author

      Lieber Thor,

      vielen Dank für den freundlichen Kommentar! Ich habe das Captcha-Timeout vergrößert.

      Herzliche Grüße,
      Lapideus

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