Reinhard Birke im Gespräch

Reinhard Birke

Bildnachweis: © Reinhard Birke – Alle Rechte vorbehalten

Ein wesentliches Element dieses Blogs soll ja das Gespräch mit anderen Autoren sein. Dem wird nun Rechnung getragen: Hier ist das erste von (hoffentlich) zahlreichen Interviews zum Thema Schreiben! Heute mit Reinhard Birke, dem Autor von “Zuversicht”.

Wir sitzen in einem Café nahe der Schnellbahnstation Wien Mitte. Es ist Hochsommer, draußen ist es zum Verrecken heiß. Sämtliche Türen des Lokals sind geöffnet, um den Gästen eine kühle Brise zu verschaffen, doch es will einfach kein Wind wehen. Der Kaffee schmeckt trotzdem.

Lapideus: Zunächst vielen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, mir heute dieses Interview zu geben. Fangen wir mit der Frage an, seit wann du dich schriftstellerisch betätigst.

Reinhard Birke: Seit ich schreiben kann, glaube ich. Na gut, in der Volksschule noch nicht – aber so mit Zwölf, Dreizehn habe ich angefangen, Geschichten zu schreiben, mich überhaupt für das Schreiben zu interessieren. Natürlich habe ich mich auch massiv für das Fach Deutsch interessiert.

Ich habe aber auch schon extrem früh angefangen zu lesen. Ich kann mich erinnern – das war in der ersten oder zweiten Klasse –, dass meine Mutter zu mir gesagt hat: So, du hast eine gute Note geschrieben, jetzt darfst du dir in der Buchhandlung ein Buch aussuchen.

Hab ich dann auch getan: Es war ein Buch über die Wirtschaftsentwicklung in Russland. Meine Mutter war völlig von der Rolle, weil ich so ein Buch ausgesucht hab. Mein zweites Buch war “Venus im Pelz” von Sacher-Masoch.

Ich habe mich schon immer für Literatur begeistert und wollte eigentlich auch immer Germanistik studieren.

L: Liest du noch immer so viel?

B: Ja, noch immer. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, ist von Michael Köhlmeier – eine Zusammenstellung der klassischen Shakespeare-Dramen. Und seit einem Monat lese ich alles über Lord Byron, aber das liegt an meinem neuen Projekt.

L: Hast du einen Lieblingsautor?

B: Michael Köhlmeier ist sicher mein Lieblingsautor. Der hat so einen lockeren Erzählstil, da hat man das Gefühl, der Großvater säße neben einem und würde eine Geschichte vorlesen. Der Köhlmeier hat das drauf, der kann so schreiben. Das ist schon besonders, der Sprachfluss. Und die Wörter, die er verwendet, sind sehr prägnant.

Aber es gibt auch andere Autoren, die ich sehr mag: Zum Bespiel Philippe Djian. Den find ich super. Der hat nicht diesen Großvaterstil, sondern eher einen rüpelhaften, direkten Stil. Der knallt dir die Sachen einfach so hin. Nach dem Motto: Entweder dir gefällt das, was ich mach, oder du bist ein Wappler. Der ist da beinhart, aber da kann ich lang reden.

L: Beeinflussen dich andere Autoren?

B: Ja, teilweise schon. Also Köhlmeier vielleicht weniger, da fehlt mir die Ruhe und die Reife, der ist eher ein Vorbild was den Textfluss betrifft.

Aber es gibt Autoren, die mich beeinflussen. Da ist zwar kein spezieller, bei dem ich sage, der wäre das große Vorbild. Aber bei einigen Autoren gibt es Dinge, die man sich vielleicht abschauen kann.

Es ist schwer zu sagen. Was ich faszinierend finde, ist, wenn ein Autor es schafft, die Bilder so zu gestalten, als würde er richtig Regie führen, als würde er dir einen Film zeigen. Und wenn er den Fokus auf Kleinigkeiten legen kann.

L: Zum Thema Beeinflussung: Es gibt ja verschiedene Ansätze. Die meisten Autoren sagen, sie selbst läsen ständig und viel und ließen sich durchaus beabsichtigt beeinflussen. Stephen King fällt mir da ein, das sagt er in “On Writing”. Es gibt aber auch andere Autoren, die geradezu Angst davor haben, sich zu stark beeinflussen zu lassen. Wie siehst du das?

B: Das stimmt schon ein bisschen, glaube ich. Lernen kann man natürlich immer von anderen, davon bin ich überzeugt – nur auf dem eigenen Talent aufzubauen ist zwar sicher möglich, aber es bringt einen nicht so schnell weiter, wie von anderen zu lernen.

Doch es stimmt: Wenn ich viel gelesen habe, brauche ich immer zwei, drei Tage, bis ich wieder selbst schreiben kann. Da ist die Gefahr schon groß, dass man in den Stil, in den Rhythmus des anderen reinfällt. Und aus dem eigenen rauskommt. Aber dass man sagt, ich lese überhaupt nie was anderes, das fände ich ein bisschen übertrieben.

L: Kommen wir zu deinem Buch “Zuversicht”. Wie viele Exemplare hast du schon verkauft?

B: Etwa 300, 350 Stück.

L: Wie ist es zu dem Buch gekommen? Wie ist die Story entstanden? Die Charaktere sind ja sehr interessant.

B: Eigentlich hat die Geschichte anfangs völlig anders ausgesehen, als sie dann veröffentlicht wurde. Das ist aber auch so ein Merkmal von mir: Ich habe zuerst ein Konstrukt im Kopf, zu dem ich mir was überlege. Und wenn ich dann zu Schreiben beginne, verändert sich das oft.

Und in dem Fall war das so. Eigentlich waren es verschiedene Geschichten, die sozusagen zusammengeflossen sind. Die haben die ursprüngliche Geschichte, an der ich geschrieben habe, völlig verdrängt.

Was noch dazukommt: Ich habe mit dem Buch vor etwa 11 Jahren begonnen. Und habe angefangen, aufgehört, angefangen, wieder aufgehört und so weiter. Ich habe nie richtig weitergemacht.

Die Story selbst ist jetzt schon etwa seit 6 Jahren fertig. Das ist heute gewisser Weise ein Problem. Jetzt lesen die Leute das Buch – auch Menschen, die ich gar nicht so wirklich kenne – und sagen: „Hey, super, so denke ich mir das auch, so empfinde ich das auch.“ Und ich steh dann da und denk mir: „Ja, so hab ich das vor 10 Jahren empfunden, ich denke ja heute etwas ganz anderes.“ Aber man wird eben mit dem identifiziert, was dort steht.

L: Hast du dein Buch in der Zwischenzeit noch einmal gelesen?

B: Nein, seit es veröffentlicht wurde nicht mehr. Ich habe zweimal daraus vorgelesen, Auszüge, zwanzigminütige Lesungen. Im Palais Pálffy.

L: Was war für dich das Wichtige bei der Buchpräsentation, bei den Lesungen?

B: Es mal zu erleben, wie das so ist, die eigene Geschichte 140 Menschen vorzutragen. Ich bin das Präsentieren an sich gewohnt. Ich unterrichte an der Fachhochschule, alles kein Thema. Aber wenn sich dann im Publikum Familienmitglieder, Arbeitskollegen und eine Großzahl fremder Menschen befinden, und du erzählst ihnen, wie sich irgendjemand die Brustwarze wegsäbelt – das ist spannend.

Und das war auch ein wesentlicher Punkt bei Zuversicht: Das, was da drinnen steht, das sind Gedanken, die teilweise 10 Jahre alt sind. Und es ist mein erstes Buch. Ich weiß auch, dass es ist nicht das literarisch beste ist. Ich bin sicher: Ich bin jetzt um einiges besser.

Das aber mal von Anfang bis zum Ende durchzuziehen – wie läuft das jetzt mit einem Autorenvertrag, wie finde ich überhaupt einmal einen Verleger, was mach ich wenn ich einen Verleger hab, wie läuft das mit so einer Präsentation, wie geht es nachher weiter, welche Vertriebskanäle gibt es – das ist wahrscheinlich die Lektion, die ich von diesem Buch mitgenommen habe. Und das war spannend! Eigentlich egal, was im Buch drinsteht. Und wie viele Leute das Buch am Ende kaufen.

L: Hast du es als schwer empfunden, einen Verleger zu finden?

B: Es ist vermutlich genauso schwierig, wie das Schreiben eines Buchs. Vielleicht sogar noch schwieriger. Es ist ein Pfad der Frustration. Ich habe damals angefangen einen Verleger zu suchen, habe aktiv Verlage angeschrieben, das hat aber nicht geklappt.

Wenn mir einmal jemand zurückgeschrieben hat, war das schon super. Wenn mit einer zurückgeschrieben hat, er würde es verlegen, wenn ich ihm 10000 Euro zahle, war das schon beinahe ein Triumph. Habe ich aber natürlich nicht gemacht.

L: Na gut, aber etwas über Zuschussverlage zu publizieren, ist ja sowieso verpönt, oder?

B: Stimmt. Es gibt zum Beispiel auch Wettbewerbe, Literaturpreis und Förderungen, bei denen explizit verlangt wird, dass man nicht über Zuschussverlage oder im Eigenverlag verlegt hat. Sonst kannst du gar nicht teilnehmen. Vielleicht nicht mehr so zeitgemäß, da wird aber der Qualitätssicherungsgedanke dahinterstecken.

Ich habe mich also gefragt, wie es weitergehen soll, mit den Verlagen war das eher schwierig. Gerade bei den großen Verlagen: Der Erstlektor ist meistens ein Ferialpraktikant.

Mein nächster Ansatz war, mich nach einem Literaturagenten umzusehen. Aber die haben mittlerweile etwa gleich lange Wartelisten wie Literaturverlage, also war auch das nicht möglich.

Schließlich bin ich auf etwas gestoßen. In Amerika gibt es einen Trend: Buchtrailer. Ich habe also einen Bekannten, der bei einer Videofirma arbeitet, vorgeschlagen, dass wir so einen Trailer produzieren.

Die Firma war auch gerade im Geschäftsumbruch, die haben früher einen Erzeuger von Energy Drinks betreut. Die waren begeistert, haben gemeint, es wäre eine Superidee, sie wollen in dieses Business einsteigen und verwenden „Zuversicht“ als Prototypen.

Das war dann der erste wirklich spannende Moment. Die Leute haben nämlich auch wirklich Geld in die Hand genommen, haben das richtig professionell gemacht. Ich bin dann dort gestanden und habe gesehen, wie die Geschichte, die ich mir zu Hause am Schreibtisch ausgedacht habe, auf einmal von richtigen Schauspielern umgesetzt wird. Mit einem Schlag wurde meine Story irgendwie von der Fantasie in die Realität transportiert.

L: Hast du so etwas wie Stolz empfunden? Würdest du überhaupt sagen, dass du stolz auf deine Arbeit bist?

B: Damals war ich verdammt stolz, ja. Weniger wegen des Inhalts – ich bin auch auf den Inhalt stolz, das schon – aber eher, weil ich es geschafft hatte, die Sache durchzuziehen. Dass da etwas entsteht und dass auch andere Leute daran glauben. Das war ganz cool.

Und so hat das dann angefangen, denn ein Bekannter von einem Bekannten hat wiederum jemanden gekannt, der einen Verlag gründen wollte. Der hat sich dann den Trailer angesehen, hat das Manuskript gelesen und gesagt, das ist klasse, das möchte ich verlegen. So bin ich zu diesem Verlag gekommen, der ganz jung ist, der hat auch erst 5 Bücher im Sortiment.

L: Leichter Themenwechsel: Die Figuren in Zuversicht sind ja sehr außergewöhnlich. Wie sind die entstanden? Gibt es lebende Vorbilder oder sind die Figuren wirklich nur deiner Fantasie entsprungen?

B: Wie schon gesagt, die Geschichte war ursprünglich eine ganz andere. Damit fängt es an, denn in der ursprünglichen Geschichte ging es überhaupt nicht um eine existenzialistische Beziehungssache, sondern eigentlich ums Universum, um Naturzustände.

Als ich das beschrieben habe, habe ich aber bemerkt, dass ich das auf einer Gefühlsebene transportieren muss, sonst wird das zu abstrakt.

Dann sind so einzelne Charaktere aufgetaucht. Das ist auch etwas, das bei mir oft passiert: Ich überlege mir einen Charakter, der ganz rudimentär ist. Ich weiß, es gibt ganz viele Zugänge, wie man eine Figur entwickeln kann, aber de facto geschieht das bei mir dann ganz automatisch. Ich streich nachher einfach alles weg, was nicht zu dem Charakter passt. Also eigentlich baue ich nicht den Charakter auf, sondern ich schäl ihn am Ende dann irgendwie heraus.

So war das bei Zuversicht auch. Im ersten Kapitel habe ich noch gar nicht gewusst, wie eine Figur in den späteren Kapiteln reagieren wird. Ich kannte die Rahmenstory, das schon, aber wie sich gewisse Dinge dann ausprägen, das wusste ich nicht.

Was mir aber schon auffällt, ist, dass es zu fast allem eine Entsprechung in der Realität gibt. Das ist bei mir dann vielleicht ein bisschen überspitzt dargestellt, aber gäbe es nicht einen analogen Charakter in der Realität, tät ich mir wahrscheinlich sehr schwer, mir den vorzustellen.

L: Du hast vorher davon gesprochen, dass du 11 Jahre an der Geschichte gearbeitet hast. War das wegen des Jobs, oder hast du Blockaden gehabt?

B: Wie gesagt, die Geschichte ist ja aus mehreren anderen entstanden. Und ja, ich hatte bei jeder einzelnen Blockaden (lacht). Die haben mal länger und mal kürzer gedauert. Und erst, als alle diese Blockaden sich aufgelöst hatten, hat sich die Gesamtgeschichte ergeben.

Punkt ist auch: Ich kann gut schreiben, wenn es mir selbst nicht so gut geht. Und in dieser Zeit mache ich dann auch nichts anderes. Da fokussiere ich dann auf mich selbst und auf die Charaktere. Und in der Zeit, als ich im Job viel zu tun hatte, da ist es mir auch privat ganz gut gegangen. Ich habe zwar viel geschrieben – aber eher immer nur angefangen, nichts fertig gemacht. Und als es mir dann nicht so gut gegangen ist, ist wieder mehr weitergegangen.

L: Also auch ein wenig Therapie?

B: Ja, absolut (lacht). Da ist aber das neue Buchprojekt vielleicht sogar noch mehr Therapie.

L: Danke für die Überleitung! Worum handelt es sich bei deinem neuen Projekt? Und wie weit ist es gediehen? Gibt es schon einen Titel?

B: Ja, gibt es! Ich weiß zwar nicht, ob er so stehen bleibt, im Moment lautet er “Lord Byrons Liebe”. Es wird eine Ich-erzählte Romanbiografie. Lord Byron erzählt darin über sein Leben, und jede seiner direkten Reden ist ein abgewandeltes Gedicht von ihm, also wirklich das, was er gesagt und geschrieben hat.

Das romanhafte, das fiktive dahinter sind aber nicht die einzelnen Stationen, das sind ja Fakten, sondern seine Bewertung der Situationen. Was hat er gedacht? Also nicht, was die Leute über ihn geschrieben haben. Vielmehr: Was ist ihm durch den Kopf gegangen? Das kann natürlich niemand wissen und das macht‘s ziemlich spannend.

Noch spannender wird es durch Lebenslauf und Lebenswandel, die der Mann hatte – er war ein literarisches Genie, ein ziemlicher Draufgänger und ein sehr ausschweifender Mensch.

L: Und wie wird‘s vom Stil? Ähnlich wie in Zuversicht?

B: Nein, es wird anders. Wie gesagt, Zuversicht war mein erstes Buch, ich hatte da drin zum Beispiel keine einzige direkte Rede …

L: Schön, dass du das ansprichst! Das wäre eine meiner Fragen gewesen, warum du das gemacht hast.

B: Es ist sogar so, dass die Eltern nie namentlich erwähnt werden. Das hat alles denselben Grund: Ich wollte sehen, ob es möglich ist, dass sich der Leser mit den Figuren identifiziert, obwohl die Figuren selbst niemals sprechen, sondern immer nur über sie gesprochen wird – und zwar in einer Erzählperspektive, die irgendwo zwischen externem Erzähler und innerem Monolog liegt.

Das ist immer ein bisschen eine Gratwanderung, in dem ganzen Buch. Erzählt das jetzt eigentlich wer, oder ist das ein innerer Monolog? De facto kommt kein Charakter so wirklich raus: Es spielt sich immer nur in jeweils einem Kopf ab, es ist alles immer nur innen, es ist nichts nach außen gerichtet.

Und das ist eine der Mitaussagen in dem Buch. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, das zu transportieren: Dass eben das Chaos, das in diesem Buch herrscht, dadurch entsteht, dass niemand mit dem anderen interagiert. Kurz: Es wird nicht geredet.

L: Die Leute reden aber schon miteinander, oder? Simon und Philomena im Kaffeehaus zum Beispiel.

B: Es gibt Gespräche, ja, aber die werden nur indirekt geführt oder reflektiert, nacherzählt. Sie werden nicht tatsächlich geführt. Inhaltlich spricht nie jemand aus, was er gerade fühlt, das passiert immer nur in inneren Monologen. Und das wird bei “Lord Byrons Liebe” nun komplett anders. Das würde ich heute so nicht mehr machen.

L: Nun ein Wechsel zu technischen Fragen: Schreibst du kurze und längere Texte parallel oder konzentrierst du dich immer auf den längeren Text?

B: Ich schreibe kurze und lange Texte parallel. Das habe ich schon immer gemacht und ich mache das noch immer.

L: Kann man deine kurzen Texte irgendwo lesen? Hast du die veröffentlicht?

B: Nein, noch nicht. Ich nehme relativ oft an Literaturwettbewerben teil. Und dahin fließen die Kurzgeschichten. Was dazukommt, ist, dass ich glaube, kein besonders guter Kurzgeschichtenschreiber zu sein. Ich tob mich lieber in den längeren Texten aus. Kurzgeschichten sind dann auch so eine Art Entspannungsübung. Eine literarischer Reinigung, wenn man so will. Katharsis. Im Moment schreibe ich an “Lord Byrons Liebe” und an zwei Kurzgeschichten.

L: Wo arbeitest du? Wo fühlst du dich wohl beim Schreiben?

B: Am Liebsten schreibe ich am späten Nachmittag oder am frühen Abend, zu Hause, wenn ich am Abend zuvor lang weg war (lacht).

L: Also mit Restalkohol?

B: Kann man so sagen, ja (lacht). Mit frischem Alkohol tu ich mir nicht so leicht. Aber mit ein bisschen Restalkohol und einer nach innen gekehrten, leicht depressiven Stimmung geht es am besten. Das Schwierige ist das Reinkommen. Aber wenn ich mal reingefunden habe, dann arbeite ich eh wie in Trance. Da ist der Alkohol dann gar nicht so wichtig.

L: Wie lang brauchst du etwa, um einzutauchen?

B: Das ist unterschiedlich. Meistens so ein, zwei Stunden. Das ist ziemlich lang und das nervt mich. Vielleicht kommt das mit der Übung, dass das besser wird. Dafür tauch ich dann aber auch sehr schwer wieder auf (lacht).

L: Welche Tools nutzt du? Arbeitest du nur im Texteditor oder verwendest du so etwas wie Scrivener?

B: Ich nutze eigentlich nur Word zum Schreiben und das Internet zum Recherchieren, für Sekundärliteratur. Sonst benutze ich keine Tools. Ich weiß, es gibt auch sehr viele Leute, die nutzen Mindmaps grad auch in der Charakterentwicklung oder in der Geschichtenzusammenstellung, also um den Plot zu entwerfen. Tu ich nicht. Manchmal nehme ich mir aber einen Block und zeichne Dinge auf. Das mache ich schon – zum Beispiel Zusammenhänge zwischen Figuren. Vor allem, wenn ich einmal versuche, das für mich zu visualisieren.

L: Wie sieht es mit sprachlicher Kompetenz aus? Wie bildest du dich fort?

B: Auf drei Wegen. Der eine ist das Lesen, das habe ich eh schon gesagt, ich glaube, dass man da sehr viel lernen kann. Der zweite ist, dass ich versuche, Bücher über das Schreiben zu lesen, also über Schreibwerkzeuge, über szenische Darstellung, über Charakterentwicklung und so Zeug. Da gibt es teilweise gute Ansätze, teilweise schlechte Ansätze. Manche Ansätze sind Kontradiktionen, die sich gegenseitig aufheben (lacht). Ich glaube trotzdem, dass man da relativ viel davon mitbekommt.

Der dritte Weg ist über Übungstexte bei Poetry Slams und Schreibwerkstätten. Ist aus meiner Sicht aber die schwächste Variante.

L: Oft gelesen, dass das eher nicht so viel bringt, diese Werkstätten.

B: Ja. Was wir zum Beispiel bei einem Poetry Slam Workshop gemacht haben: Wir haben Texte verfasst, bei denen jedes Wort mit einem bestimmten Buchstaben beginnt. Das sind viele Spielereien, wo du dich sehr viel mit Sprache beschäftigen kannst, mit Klängen, aber das ist nicht das, was deinen eigenen Stil fördert. Das ist vielleicht etwas, was dich überhaupt erst mal an die Sprache heranbringt. Aber dort wirst du nicht kreativ.

L: Wer sind deine Erstleser und wie gehst du mit Kritik um?

B: Meine Erstleser sind meist sehr enge Freunde, bei denen ich aber schon weiß, wie und was der jeweilige kritisieren wird. Der eine hackt zum Beispiel nur auf Beistrichen herum, dann gibt‘s welche, die schauen sich die Geschichte wirklich im Gesamten. Ich versuche dann, das schön auszubalancieren.

Aber im Allgemeinen gehe ich schlecht um mit Kritik (lacht). Es ist dann ja doch jeder Text etwas, an dem man herumgefeilt hat, und dann gibt man es her und jemand sagt: Fand ich ganz schlecht, denn da waren 5 Beistrichfehler drin (knurrt). Dann denk ich mir: Ist doch völlig egal.

Aber im Prinzip stimmt es natürlich: Wenn es das ist, was jemandem ins Auge springt … Man muss schon auch sauber abliefern. Im ersten Moment schlucke ich halt. Ich weiß mittlerweile aber, dass ich – wenn ich mal geschluckt habe – die verschiedenen Feedbacks einfach objektiv durchgehen muss.

Dann gebe ich die Geschichte noch jemand Zweitem, also einer Gruppe von Leuten, die mir nicht so nahe stehen. Da ist der Bezug zum Text dann aber meistens schon ein bisschen abstrahierter. Wenn ich den Text so ein-, zweimal überarbeitet habe, dann ist er mir mehr oder weniger schon wieder egal.

L: Gutes Stichwort: Wie oft überarbeitest du?

B: Puh, gute Frage.

L: Schreibst du mal durch und überarbeitest dann, oder ist das ein iterativer Prozess?

B: Das kommt drauf an. Es gibt Tage, wo ich an einem Text hänge. Da brauche ich drei Stunden für einen Absatz, da ist die Überarbeitung sowieso implizit.

Dann gibt es Tage, wo es schießt, wo es sprudelt, da mache ich bewusst Fehler, das lese ich mir gar nicht durch, ich schreibe das einfach runter, und dann kommt es zu diesem Herausschnitzen, von dem ich vorher gesprochen habe. Dann gehe ich es eben nachher durch, schau, dass ich die Sprache schön bekomme, dass die Wörter richtig zusammenpassen, dass halbwegs ein Textfluss drin ist.

Und was ich immer mache: Ich lese mir selbst den Text laut vor. Das ist dann meine Kontrolle, ob der Textfluss wirklich passt, ob die Wörter nicht irgendwie komisch klingen – das hat man im G’spür. Wenn ich das gemacht habe, lasse ich den Text einmal liegen, schreibe neue Kapitel oder andere Texte, und dann, nach einer gewissen Zeit, lese ich ihn mir noch einmal durch, wieder laut. Dann erst kommt er zum Erstleser. Aber wie oft ich jetzt wirklich überarbeite ist abschnittsabhängig und nicht immer ganz eindeutig.

L: Letzte Frage: Wenn du einem anderen Autoren einen Tipp geben müsstest, was wäre der?

B: (denkt nach) Nicht aufgeben! Einfach weitermachen. Ich hab selbst oft das Problem gehabt, dass ich mir gedacht habe: Ich sollte das Schreiben Leuten überlassen, die die Zeit dafür haben, ich sollte das Leuten überlassen, die das können und so weiter.

Aber wenn man aufhört, wird man sicher nicht besser. Und ich glaube, keiner, der schreibt, macht das nur freiwillig. Es ist doch jeder irgendwo getrieben. Und wenn man aufhört, wird man vermutlich trotzdem irgendwann wieder anfangen. Man sollte einfach tun, was einen glücklich macht und sich nicht mit Selbstzweifeln quälen. Das bringt nichts.

L: Vielen Dank für das Gespräch!

Reinhard Birke, geboren 1981, lebt in Klosterneuburg bei Wien. Sein literarisches Interesse äußerte sich in zahllosen Kurzgeschichten bereits in seiner Jugend. Nach ebenso vielen Literaturwettbewerben wie Slam-Texten ist im März 2012 sein Debütroman “Zuversicht” im Letter P Verlag erschienen. Vor wenigen Wochen folgte eine spezielle Kindle Edition erhältlich bei amazon oder Letter P.

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Achtung: Dieses Interview ist nicht unter CC lizensiert! Es unterliegt dem Urheberrecht. Sollten Sie dieses Interview abdrucken wollen, setzen Sie sich bitte mit Lapideus in Verbindung (siehe Impressum).

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