Strukturierte Kreativität

Macke_Spaziergänger_am_See_I

August MackeSpaziergänger am See I [Gemeinfrei], via Wikipedia

Ich arbeite an einem Roman. Ende 2013 soll er fertig sein.

Wie sie sich vielleicht vorstellen können, ist mir dieses Vorhaben sehr wichtig. Trotzdem spreche ich nur selten darüber. Und wenn, dann beinahe ausschließlich mit meiner Frau (bis jetzt, zumindest).

Vor ein paar Tagen berichtete ich ihr über den derzeitigen Status meines kleinen Projekts: Dass ich noch immer beim Mindmapping bin, um Informationen über meine Figuren zusammenzutragen. Dass ich angefangen habe, für jede der vier Hauptfiguren Spannungsbögen zu zeichnen, um mir über ihre Stories klar zu werden. Dass ich mir Prämissen überlegt habe, um ein besseres Bild über die Wandlung der Figuren zu erhalten.

Mitten in meiner Aufzählung begann meine Frau zu lachen. Es war Abend, der erste ohne Kinder seit langer Zeit. Wir spazierten gerade den Wiener Ring entlang. Etwas verärgert blieb ich stehen. Ich gebe zu: Beim Thema Schreiben bin ich sensibel. Beinahe verwundbar.

Als sie lächelnd sagte: “Du arbeitest schon wieder so strukturiert. Sogar jetzt, wo du mir darüber erzählst. Ich glaube, du kannst gar nicht anders”, wich der Ärger von meiner Stirn und machte Platz für Grübelfalten.

So strukturiert?

Meine Frau hat recht: ich arbeite strukturiert. Und ja, ich kann nicht anders. Das liegt mir im Blut. Eine technische Ausbildung, ein naturwissenschaftliches Studium und viele Jahre in der IT hinterlassen Spuren. Ob man will oder nicht.

Das war aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass das Buch, das ich schreiben möchte, in keine Kategorie fällt, die nach Struktur schreien würde. Es ist kein Krimi, kein Thriller, keine Fantasy. Es geht einfach nur um Menschen.

Ich fragte mich also, ob ich nicht schon wieder drauf und dran war, mich dem Handwerk unterzuordnen. Mich völlig in Methoden und Techniken zu verfransen. So lange an irgendwelchen Grafiken und Übersichten zu feilen und zu schrauben, bis ich keine Kraft und Lust zum Schreiben mehr habe, bis Kreativität und Spontanität tot in der Grube liegen.

Das Gerüst

Der Zweifel nagte an mir und ich an ihm.

Eine Nacht später tat es meine innere Stimme meinem kleinen Sohn gleich, wenn man ihm die falsche Hose anzieht. Sie schrie: “NEIN, NEIN, NEIN!”

Nein, ich verfranse mich nicht. Nein, ich ordne mich nicht unter. Nein, Kreativität und Spontanität werden nicht zu Grabe getragen.

Alles, was ich mache, ist mir ein Gerüst zu bauen, das es mir überhaupt erst ermöglicht, kreativ zu sein. Ich erzeuge den Rahmen, innerhalb dessen ich mich frei bewegen, mich ausleben kann. Und der mich aufhält, sollte ich mich einmal in eine falsche, zeitraubende Richtung bewegen.

Kurz: Ich schaffe mir eine Arbeitsgrundlage.

Und das ist etwas Gutes, denke ich. Auch dann, wenn das Ergebnis ein Text sein soll, bei dem Zwischenmenschliches im Vordergrund steht.

Vielleicht sogar gerade dann!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am Mittwoch, dem 27.3.2013

 

2 thoughts on “Strukturierte Kreativität

  1. Sabine Reitemeyer

    Hallo Bruno!

    Ich bin so gespannt auf dein Buch! Dieser Artikel hier hat mich derart zum Schmunzeln gebracht. Danke! Meine Texte versanden vor lauter chaotischer Kreativität. Hab´s wieder mit der ein oder anderen Nachtschicht probiert, hat mich auch nicht weiter gebracht. Ich glaub, ich versuch´s jetzt tatsächlich auch mal mit Struktur.

    Viele Grüße

    Sabine Reitemeyer

    Reply
    1. Lapideus Post author

      Hallo Sabine!

      Dein Schmunzeln ist ein schönes Kompliment, danke dafür! Über Chaos vs. Struktur haben wir zwei ja schon mal gefachsimpelt 😉

      Nachtschichten würde ich auch nicht packen. Ich bin am nächsten Tag tot, wenn ich nicht ausreichend schlafe. Und das kann ich mir leider nicht leisten …

      Wenn du einen strukturierteren Ansatz ausprobierst, lass mich wissen, wie es dir damit geht. Würd mich interessieren!

      Danke auch für deine Vorfreude, ehrt mich sehr! Bin ebenso gespannt, denn es liegt noch eine ganze Menge Arbeit vor mir …

      Liebe Grüße,
      Bruno

      Reply

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