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Aller Anfang

Der Anfang eines Textes ist immer etwas ganz besonderes. Der Autor muss den Leser mit den ersten paar Zeilen an den Text fesseln, er muss ihn für sich einnehmen. Keine leichte Aufgabe, eigentlich.

Mal schauen, wie einige Autoren bzw. Literaten das gelöst haben.

Die seltsamen Ereignisse, die Gegenstand dieser Chronik sind, haben sich 194’ in Oran zugetragen. Nach allgemeiner Ansicht passten sie nicht dorthin, da sie etwas aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fielen. Auf den ersten Blick ist Oran nämlich eine gewöhnliche Stadt und nichts weiter als eine französische Präfektur an der algerischen Küste.

Aus “Die Pest” von Albert Camus, erschienen im Rowohlt Verlag, Übersetzung von Uli Aumüller

Meine Interpretation: Camus beginnt mit einem Gegensatz. Er spricht von seltsamen Ereignissen, die eigentlich gar nicht zur dieser gewöhnlichen (“gewöhnlich” wird gleich zwei Mal benutzt) Stadt passen. Das ruft bei mir als Leser Interesse hervor.

Frau Rowling geht in “Harry Potter und der Stein der Weisen” ähnlich vor:

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.

Aus “Harry Potter und der Stein der Weisen” von Joanne K. Rowling, erschienen im CARLSEN Verlag, Übersetzung von Klaus Fritz

Und nochmal das gleiche, diesmal mit einem unbedeutenden Eiland:

Es war in jenem Jahr, in dem man schließlich das Eschaton immanentisieren wollte, was etwa soviel heißt wie den Weltuntergang heraufbeschwören. Am 1. April gerieten die Weltmächte näher an eine nukleare Auseinandersetzung als jemals zuvor, und alles wegen eines unbekannten Eilands, Fernando Poo.

Aus “Illuminatus!” von Robert Shea und Robert A. Wilson, erschienen im Rowohlt Verlag, Übersetzung von Udo Breger

Anders macht es zum Beispiel Thomas Glavinic in seinem Roman “Das Leben der Wünsche”. Er beginnt über den Dialog mit einem Fremden sofort damit, seinen Protagonisten und dessen soziales Umfeld zu beschreiben.

Eine Sekunde! Setzen wir uns auf die Bank vor diesem
Brunnen! Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.
Meinen Sie mich?
Ich meine Sie.
Kann es sein, dass Sie mich verwechseln?
Sie heißen Jonas, sind fünfunddreißig Jahre alt, und
Ihre Frau heißt Helen.
Kennen wir uns von früher?
Sie haben zwei Söhne, Tom und Chris. Sie arbeiten bei
der Werbeagentur Drei Schwestern. Ihre Mutter ist tot, Ihr
Vater sechsundachtzig, er lebt nach einem Schlaganfall im
Pflegeheim. Geschwister haben Sie keine. Seit einiger Zeit
schlafen Sie mit Marie, deren Mann Apok heißt und mit
dem sie ein Kind hat.

Aus “Das Leben der Wünsche” von Thomas Glavinic, erschienen im Hanser Verlag.

Günter Grass macht in “Die Blechtrommel” einiges in wenigen Sätzen: Er beschreibt den Protagonisten auf zwei Ebenen (der Blauäugige – bildlich und übertragen) und zeigt, wo er sich gerade befindet. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass der geistige Zustand des Oskar beeinträchtigt ist.

Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt,
mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem
Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers
Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen,
nicht durchschauen kann.

Aus “Die Blechtrommel” von Günter Grass, erschienen unter anderem im Deutschen Taschenbuch Verlag.

Es gibt also viele ausgezeichnete Möglichkeiten, mit einem Text zu beginnen. Beispiele dafür gibt es ohne Ende. Haben Sie einen Lieblingsanfang?

Ihr Lapideus