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Überzeugung und Überredung

Erster Abschnitt

Vor einiger Zeit stellte ich einen kurzen Artikel zu den Kant’schen Modi des Fürwahrhaltens online. Beinahe kommentarlos, was mir mittlerweile zu wenig scheint, tritt doch das Meinen, Glauben und Wissen jeden Tag aufs Neue in den vordergründig belanglosesten Situationen in Erscheinung.

Um mir ausreichend Rückendeckung für die kommenden Absätze zu verschaffen, ziehe ich den Text “Meinung, Glaube und Wissen in der Schule” von Lutz Koch zurate [1].

Nach Kant, es sei noch einmal wiederholt, tritt das Fürwahrhalten in drei Stufen in Erscheinung: Im Meinen, im Glauben und im Wissen. Dabei sei das Fürwahrhalten die “subjektive Gültigkeit des Urteils” [2]. Koch streicht heraus, dass dieses Fürwahrhalten nicht mit objektiver Wahrheit verwechselt werden dürfe.

Koch fasst Kant nun so zusammen, dass die Gründe für unser Fürwahrhalten zweierlei sein können: objektiv und subjektiv. Objektive Gründe seien solche, “durch die das Urteil mit dem Objekt übereinstimmt und deshalb mit den Urteilen der anderen […] zusammenstimmen und mitgeteilt werden können”. Subjektive Gründe hingegen seien “Privatgründe” und hätten den Status von Ursachen. Kant selbst spricht vom “Schein der Überzeugung, welcher auf subjektiven Ursachen der Assoziation beruht”.

Wichtig ist jetzt, dass beide Arten der Gründe am Fürwahrhalten beteiligt sind. Sind sowohl die objektiven als auch die subjektiven schwach, so haben sie nach Koch ein schwankendes Fürwahrhalten zur Folge. Das sei das Meinen. Ihm fehle die Überzeugung. Der Glauben hingegen sei sich seiner Sache sicher, manchmal felsenfest in seiner Überzeugung, jedoch fehlen ihm die objektiv zureichenden Gründe, um eben diese “Überzeugung übertragbar bzw. mitteilbar [zu] machen”.

Bleibt das Wissen: Es ist nach Koch “derjenige Modus des Fürwahrhaltens, dessen subjektive Gründe zur Überzeugung zureichen und dessen objektive Gründe es ermöglichen, diese Überzeugung zu übertragen, sie mitzuteilen und das heißt auch: sie zu lehren”.

Ein Satz Kochs, der mir noch besonders wichtig erscheint, ist dieser: “Wer überredet ist […] hält seine Überredung für Überzeugung und weiß nicht, dass es sich gerade so nicht verhält”. Dabei könne die Mitteilbarkeit als “Wetzstein”, als Erprobung des eigenen Fürwahrhaltens am Urteil der anderen dienen.

Zweiter Abschnitt

Warum ist mir das alles wichtig? Ganz einfach: Tag für Tag führen wir alle Gespräche, in denen es eigentlich von Bedeutung wäre, ob wir meinen, glauben oder wissen. Von größter Bedeutung ist diese Unterscheidung aber in der Lehre, und das macht Lutz Koch mehr als deutlich.

Ich möchte ein paar Beispiele geben, um zu zeigen, worum es mir geht. Zunächst wäre da die Trivialität des Besuchs eines Bauernhofs durch eine Volksschulklasse. Die Kinder sehen die Kühe, erfahren von der Güte des Futters (Heu oder Silage), dürfen ein Gläschen Milch trinken und erhalten ein paar Utensilien, auf denen Dinge stehen wie “Milch ist gesund”.

Nun ist es aber so, dass mein subjektives Urteil lautet: Das stimmt nicht, Milch ist alles andere als gesund.

Und jetzt geht es los. Ich muss klären, ob mein Fürwahrhalten ein Meinen, ein Glauben oder ein Wissen ist. Im Falle des Meinens habe ich meine Hausaufgaben nicht gemacht, im Falle des Glaubens bin ich vielleicht einer Ideologie verfallen. Nur im Wissen wird es mir möglich, mein eigenes Fürwahrhalten auch mitzuteilen, zu lehren.

Was aber, wenn die objektive Wahrheit, wie so oft, in weiter Ferne liegt und/oder heftig diskutiert wird? Wenn mein eigenes Fürwahrhalten am Urteil einiger scheitert und durch das Urteil anderer bestätigt wird? Dann, so scheint mir nach der Lektüre Kochs, ist die Frage nach Überredung und Überzeugung die wesentliche. Wir haben nun einen Bauernhof besucht, und die haben gesagt, Milch sei gesund. Überzeugt uns das? Welche Perspektiven gibt es darauf? Was ist das Urteil anderer? Kant schreibt außerdem (pädagogisch nicht ganz verwertbar): “Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand behauptet, ist das Wetten.”

Hier kommt, so meine ich, auch wieder der sokratische Bildungsbegriff ins Spiel. Jörg Ruhloff definiert diesen so: “Bildung [sollte] heute vor allem eine Sache der Skepsis, des rückhaltlosen Denkens und des problematischen Vernunftgebrauchs sein” [3].

Umgekehrt ist die Reflexion über das eigene Fürwahrhalten ein gutes Instrument gegen allerlei Anfeindungen (wenn ich dieses starke Wort benutzen darf). Die Unterstellung des Vertretens einer Ideologie (ein Glauben) kann entkräftet werden, sobald man Sicherheit darüber erlangt hat, dass das Fürwahrhalten “den Modus des Wissens” (Koch) erreicht hat. Ein Beispiel wären für mich die Gender Studies. Das Wort “Ideologie” ist mir dabei schon öfter untergekommen. Hat man aber erst einmal Butler, Bourdieu, Goffman und andere gelesen, dann dürfte es keine allzu rauen Wetzsteine mehr geben.

Auch interessant ist das viel benutzte Wort “Meinung”. Man dürfe doch wohl noch eine Meinung haben, wird oft gesagt. Und klar ist: man darf. Jedoch stellt Kant fest: “Man muß erst meinen, ehe man annimmt und behauptet, sich dabei aber auch hüten, eine Meinung für etwas mehr als bloße Meinung zu halten.” Ich denke, ich bin auf der sicheren Seite, wenn ich aus dem bisher Gesagten ableite, dass es als unzulässig zu betrachten ist, auf Basis einer Meinung Entscheidungen von Tragweite zu treffen.

Aufgrund der Ausführungen Kochs würde ich aber von meinem Sager, dass wir in einer Welt des Meinens leben, mittlerweile Abstand nehmen. Eher angebracht wäre es wohl, von einer Welt der Überredung zu sprechen.

Ihr Lapideus

 

[1] L. Koch, “Meinung, Glaube und Wissen in der Schule,” in Sachlichkeit als Argument : Der Beitrag der Allgemeinen Pädagogik zur Lehrerbildung, J. Rekus, Ed., Frankfurt: Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2014, pp. 39-47.
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[2] I. Kant, “Kritik der reinen Vernunft (KrV),” in Gesammelte Schriften, Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1781, p. 533.
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[3] J. Ruhloff, “Ist Bildung noch aktuell?,” , 2002.
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Meinen, glauben, wissen

Eine Unterscheidung, die ich für sehr wichtig halte, und die ich mir in vielem, zu dem ich eine Meinung habe, immer wieder vor Augen führen muss, ist diese:

Das Fürwahrhalten, oder die subjektive Gültigkeit des Urteils, in Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein mit Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben. Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen. Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die objektive, Gewißheit (für jedermann).

Immanuel Kant: “Kritik der reinen Vernunft”

Ich glaube (!), wir alle sollten diesem Zitat mehr Beachtung schenken.

Ihr Lapideus