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“zarte takte tröpfelt die zeit”

Marlies Blauth, eine Frau, die ich seit Jahren kenne, und die ich doch noch nie getroffen habe, hat ein Buch geschrieben. Ein “besonderes Heft” mit Gedichten – oder lyrischer Prosa, wie mir die Autorin erlaubt hat, die Texte auch zu nennen. Es trägt den Titel “zarte takte tröpfelt die zeit”. Und dies ist der Versuch einer Rezension.

Es muss eine Gabe sein oder harte Arbeit, das zu vollbringen, was Marlies Blauth gelingt. Innerhalb weniger Zeilen ein Gefühl in eine*m*r entstehen zu lassen, das die Unmittelbarkeit der Situation, aus der heraus das Gedicht wohl erschaffen worden sein muss, so klar zu Tage treten lässt, als ob mensch neben der Autorin stünde, die, mit einem Lächeln, auf die Welt gewordenen Wörter zeigt und sagt: “Schau, dort!”. Es sind Bilder, die Marlies Blauth malt, Wörterbilder. Minaturen wie die, die sie mit Farbe auf Leinwand oder Papier bringt. Aneinanderreihungen von Pigmenten, die ein differenziertes Ganzes ergeben und mit jeder Betrachtung an Tiefe gewinnen.

Mensch könnte sagen, “zarte Takte tröpfelt die zeit” ist ein Buch, das sich in dem Moment, in dem man es aufschlägt, verändert. Marlies Blauths Texte reagieren mit dem*der Leser*in, ordnen sich um, verwandeln sich, nehmen ihn*sie in sich auf. Und die wunderschönen Kohlestaubzeichnungen tun das ihre dazu.

Das Buch ist im NordPark-Verlag erschienen und verdient es, erfahren zu werden.

Marlies Blauth | zarte takte tröpfelt die zeit | Gedichte | Mit Zeichnungen von Marlies Blauth und Nachworten von Jutta Höfel | Heftbroschur mit Schutzumschlag | Fadenheftung | 2015 | 96 S. | Euro 6,50 | Die besonderen Hefte | ISBN: 978-3-943940-05-3

Max und Jonas

Max und Jonas waren Kumpel.
Echte Freunde, nicht zu trennen.
Alles machten sie zu zweit,
spielen und um die Wette rennen,
Klaras kleinen Dackel jagen,
blind was am Geräusch erkennen,
hundert dumme Dinge nennen
oder vielleicht mehr.

Eines Tages, es war Frühling,
sagte Max zu Jonas: “Du,
ich glaub ich hab die Klara gern.
Denn mir geht’s schlecht,
ist sie mir fern.
Und wenn sie nah ist,
bin ich froh
und glücklich immerzu.
Sag mir Jonas: Wen magst du?

Jonas, flüsternd: “Ich mag dich, Max.
Wollte es dir immer sagen.
Lieb dich eine Ewigkeit,
hör mein Herz schon lange klagen,
hab den Mut doch nie gefunden,
Angst war mir ein Stein im Magen.
Kannst du was ich sag ertragen
oder vielleicht mehr?

Max ging schweigend aus dem Zimmer,
Jonas blieb allein zurück.
Er hatte Max so schrecklich gern,
Denn ihm ging’s schlecht,
war er ihm fern.
Und wenn Max nah war,
war er froh
und glücklich immerzu.
Sein Herz fragte: Wen magst du?

Jonas zeigte, wie er fühlte,
wollte sich nicht mehr belügen.
Einer sprach: “Gott wird dich strafen,
Sünde nennt sich solch Vergnügen.”
Einer sprach: “Du wirst nie Vater,
dafür kannst du nie genügen.
Musst dich unsren Normen fügen
oder vielleicht mehr.”

Jonas weinte sehr.
Oder vielleicht mehr.

Tage später, es war Abend,
Max bat Jonas, sich zu setzen.
Sagte: “Jonas, bitte glaub mir,
wollte niemals dich verletzen.
Hör nicht drauf was andre sagen,
lass sie sticheln, lass sie hetzen.
Lass dir nicht dein Herz zerfetzen
oder vielleicht mehr.”

Max nahm Jonas’ Hand in seine,
sah ihn an und sagte dann:
“Ich habe dich so schrecklich gern,
denn mir geht’s schlecht,
bist du mir fern.
Und wenn du nah bist,
bin ich froh
und glücklich immerzu.
Der, den ich mag, bist du!”