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“zarte takte tröpfelt die zeit”

Marlies Blauth, eine Frau, die ich seit Jahren kenne, und die ich doch noch nie getroffen habe, hat ein Buch geschrieben. Ein “besonderes Heft” mit Gedichten – oder lyrischer Prosa, wie mir die Autorin erlaubt hat, die Texte auch zu nennen. Es trägt den Titel “zarte takte tröpfelt die zeit”. Und dies ist der Versuch einer Rezension.

Es muss eine Gabe sein oder harte Arbeit, das zu vollbringen, was Marlies Blauth gelingt. Innerhalb weniger Zeilen ein Gefühl in eine*m*r entstehen zu lassen, das die Unmittelbarkeit der Situation, aus der heraus das Gedicht wohl erschaffen worden sein muss, so klar zu Tage treten lässt, als ob mensch neben der Autorin stünde, die, mit einem Lächeln, auf die Welt gewordenen Wörter zeigt und sagt: “Schau, dort!”. Es sind Bilder, die Marlies Blauth malt, Wörterbilder. Minaturen wie die, die sie mit Farbe auf Leinwand oder Papier bringt. Aneinanderreihungen von Pigmenten, die ein differenziertes Ganzes ergeben und mit jeder Betrachtung an Tiefe gewinnen.

Mensch könnte sagen, “zarte Takte tröpfelt die zeit” ist ein Buch, das sich in dem Moment, in dem man es aufschlägt, verändert. Marlies Blauths Texte reagieren mit dem*der Leser*in, ordnen sich um, verwandeln sich, nehmen ihn*sie in sich auf. Und die wunderschönen Kohlestaubzeichnungen tun das ihre dazu.

Das Buch ist im NordPark-Verlag erschienen und verdient es, erfahren zu werden.

Marlies Blauth | zarte takte tröpfelt die zeit | Gedichte | Mit Zeichnungen von Marlies Blauth und Nachworten von Jutta Höfel | Heftbroschur mit Schutzumschlag | Fadenheftung | 2015 | 96 S. | Euro 6,50 | Die besonderen Hefte | ISBN: 978-3-943940-05-3

Twittern Sie auch zu viel?

Franz Marc - Der tote Spatz

Franz Marc (1880-1916) – Der tote Spatz
[Public Domain] via Wikimedia Commons

Obwohl ich bereits seit längerem einen Twitter-Account besitze, habe ich noch nie so viel Zeit auf dieser Plattform verbracht wie in den letzten vier Wochen. Ich bin mir nun sicher: Twitter ist einzigartig.

Auf Twitter kommuniziert man mit Menschen, denen man nie zuvor begegnet ist. Den meisten dieser Menschen wird man vermutlich auch nie begegnen, will sagen: von Angesicht zu Angesicht. Und trotzdem gibt es eine Verbindung mit ihnen.

Es ist nämlich unglaublich leicht, auf Twitter Menschen mit Interessen und Neigungen zu finden, die den eigenen ähnlich sind. Man kann sich austauschen. Man erhält eine Fülle von Informationen – Links auf Zeitungs- und Blogartikel, Vorschläge, Empfehlungen, you name it – die man kaum überschauen kann. Herrlich!

Der Nachteil dabei: Man kann 24/7 twittern (schreibend wie lesend) und bekommt trotzdem nur einen winzigen Bruchteil dessen mit, was so in die Welt hinausgezwitschert wird. Twitter ist ein Fass ohne Boden. Ein großartiges – zugegeben. Doch das ändert nichts an der Sache.

Schreiben

Mein erklärtes Ziel für 2013 ist es noch immer, ein Buch zu schreiben. Nennen wir es von mir aus Roman. Was es am Ende wirklich wird, werden wir sehen.

Der Haken dran ist, dass meine Zeit knapp bemessen ist. Ich bin Ehemann, Vater zweier Söhne und verdiene mein Geld in einem Job, der mit dem Schreiben so viel zu tun hat wie Schneeschaufeln mit dem Anfertigen von Eisskulpturen.

Ich muss also mit meiner Zeit haushalten. Die Zahl der Freiräume, die ich für das Schreiben reservieren kann, ist gering. Ich muss priorisieren.

Und dann kommt Twitter daher, wo Menschen Texte in die Welt pfeifen, denen man sich kaum entziehen kann. Wo Menschen das Schreiben ganz offensichtlich genauso lieben wie man selbst – oder sogar noch mehr.

Notbremse

Im meinem Artikel „Baseball“ habe ich schon einmal ein ähnliches Szenario beschrieben: Meine Schreibzeit war auch damals bedroht worden. Nur, dass der Aggressor eben Baseball war, und nicht Twitter.

Im Unterschied zu Baseball hat Twitter jedoch bereits eine Schlacht gewinnen können. Es hat nämlich in meinem Kopf Fuß gefasst. Ich twittere gern. Es macht mir Spaß. Der Akku meines Smartphones ist schon am Verzweifeln.

Was bleibt mir also? Ich fürchte, ich kann nur die Notbremse ziehen. Gemäßigt, wohlgemerkt. Es soll ja kein voller Stopp werden. Eher eine wohldosierte, aber sehr scharfe Bremsung in Richtung gemächliches Fahren.

Ich werde nur mehr jenen Menschen folgen, die mich wirklich interessieren. Alle anderen muss ich um Verzeihung bitten. Darüber hinaus werde ich nur mehr ein- oder maximal zweimal pro Tag twittern. Anders geht es wohl nicht.

Wenn Sie sich in einer ähnlichen Situation befinden wie ich, dann verraten Sie mir bitte, wie Sie sie handhaben. Wie sieht Ihre Lösung aus? Das würde mich wirklich interessieren!

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 6.2.2013.

 

Keine Zeit

Uhr im Spremberger Turm

Bildnachweis: Benjamin (CC BY ND 2.0)

Ich habe keine Zeit. Sie verschließt sich mir, wie eine Blüte, die die Sonne nicht wahrhaben will. Wie ein Buch, das in einer unbekannten Sprache geschrieben ist. Wie ein Kind, dem man Gemüse vorsetzt.

Und doch möchte ich schreiben.

Es geht nicht immer. Man ist verpflichtet, und nicht nur das. Man will ja da sein, für seine Familie; für seine Arbeit, die das tägliche Brot bedeutet. Kunst braucht Leben, das Leben aber keine Kunst.

Und doch möchte ich schreiben.

Sich Zeit zu nehmen, das ist schwierig. Viele sagen, dass sie das täten. Einfach so. Sich verschaffen, was einem zusteht.

Ich glaube, dass sie lügen: Zeit nimmt man sich nicht. Man hat sie auch nicht. Man arbeitet mit den Resten. Mit dem, was einem zugeworfen wird.

Und so schreibe ich im Zug, wo das Leben an einem vorbeirauscht und doch für ein paar Minuten stillsteht.

Und so schreibe ich in der Nacht, wenn alle, die mir etwas bedeuten, tief und fest schlafen.

Und so schreibe ich, wenn ich mal Pause mache.

Ich habe keine Zeit.

Doch die Zeit hat mich auch noch nicht.

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 19.12.2012.

 

Baseball

Baseball

Bildnachweis: Adam Finley (CC BY 2.0)

Am Sonntag waren meine Familie und ich Zuschauer bei einem Spiel der Vienna Lawnmowers, einer österreichischen Baseball-Mannschaft. Ja, Sie haben richtig gelesen: In Österreich wird Baseball gespielt. Nicht auf amerikanischem Niveau, aber mit Begeisterung.

Ich war selbst mal ein Lawnmower – ein Rasenmäher. Ist schon einige Zeit her. Ich habe damals meistens auf der Position “Catcher” gespielt – das ist der, der mit schwerer Rüstung im Sand hockt und all jene Bälle des Pitchers (Werfer) fängt, die der Batter (Schlagmann) nicht ins Feld zu donnern vermochte.

Irgendwann war es mir dann aber zu viel. Zu viel des Aufwands, der beträchtlich ist, zu viel der Verletzungen (denn die Bälle landen nicht immer dort, wo sie sollen), zu viel des Drecks. Ich konnte und wollte nicht mehr. Ich machte Schluss mit dem Sport.

Führe mich nicht in …

Nach dem Spiel am Sonntag fragte mich schließlich ein alter Bekannter, ob ich denn keine Lust habe, wieder zu spielen. Ob es mich nicht reizen würde, wieder einen Schläger in die Hand zu nehmen, wieder einen Handschuh anzuziehen.

Ich schüttelte sofort heftig den Kopf, sagte, meine Prioritäten lägen zurzeit woanders, ich habe kein Interesse, nein, danke.

Ich fürchte, das war nicht ganz ehrlich.

Während des Spiels waren nämlich Erinnerungen an alte Zeiten hochgekommen, Erinnerungen an die schönen Momente: Das satte Geräusch, wenn man den Ball genau an der richtigen Stelle trifft. Die Genugtuung, wenn man einen Läufer auf der Second Base ausmacht. Das Gemeinschaftsgefühl.

Alles Dinge, die es wert wären, wieder anzufangen. Alles Dinge, die mich in Versuchung führen.

Doch die Zeit ist knapp und es gibt Wichtigeres.

Nutze den Tag

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: Sie haben Familie, Beruf und (abgesehen von Ihrem Partner) eine große Leidenschaft – zum Beispiel das Schreiben.

Und jetzt die große Frage: Wollen Sie Zeit für anderes haben?

Ich habe mir diese Frage Sonntagabend gestellt. Das Ergebnis: Ich will es nicht. Nicht mehr. Ich möchte jede freie Minute, die ich nicht mit meiner Familie verbringe, dem Schreiben widmen. Mein Gefühl sagt mir: Ich darf mich nicht mehr ablenken lassen. Das Leben ist zu kurz.

Sie halten diese Ansicht für übertrieben? Möglicherweise haben Sie recht. Vielleicht bin ich zu verbissen in meiner Sache.

Vielleicht aber auch nicht.