Verzichtbare Lieblinge

Stephen King rät in seinem  Buch “On Writing: A Memoir of the Craft” (klare Kaufempfehlung an dieser Stelle; sollte jede(r) gelesen haben, die/der sich für kreatives/belletristisches Schreiben interessiert) dazu, von anderen Autoren zu lernen. Und zwar – wie könnte es anders sein –, indem man deren Texte liest. Zahlreich. Am besten sollte jeden Abend ein neues Buch auf dem Nachtkästchen liegen.

Aber was bedeutet das eigentlich, “von anderen lernen”?

Einerseits kann man sich natürlich etwas von anderen abschauen. Man kann versuchen, herauszufinden, was man an ihrer Arbeit gut findet, und dies dann auf die eine oder andere Weise in sein eigenes Werk einfließen lassen.

Die aus meiner Sicht sogar noch wertvollere Methode ist jedoch die Umkehrung des obigen Ansatzes: Nämlich kritisches Lesen. Nach Fehlern zu suchen, nach Unsauberkeiten, nach Dingen, die man eher vermeiden sollte.

Ich versuche das konsequent zu praktizieren und scheitere dabei eigentlich immer nur dann, wenn mich der Autor mit seiner Geschichte dermaßen in seinen Bann zieht, dass ich einfach nicht mehr aufpasse.

Unschönheiten

Bei meiner letzten Lektüre habe ich aber sehr wohl aufgepasst und bin auch fündig geworden.

Gelesen habe ich “The Alchemyst” und “The Magician” aus der sechsbändigen Serie “The Secrets of the Immortal Nicholas Flamel” von Michael Scott. Die anderen Bände liegen schon bereit.

Nicholas Flamel

Bildnachweis: Paul Lacroix (1806–1884) [Public domain], via Wikimedia Commons

Gleich vorweg: Ich will Scotts Bücher hier sicher nicht verreißen. Man darf sich zwar keine literarischen Höhenflüge erwarten, wenn man seine Bücher in die Hand nimmt, aber gute Unterhaltung sind sie allemal. Genau die Art von Buch, die man nach einem harten Tag im Büro lesen möchte: Einfach gestrickt, äußerst lineare Handlung, klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse. So wie das wahre Leben eben nicht ist.

Eine weitere Nebenbemerkung: Ich habe die Bücher im englischen Original gelesen. Alles hier Gesagte bezieht sich also ausschließlich auf die englischen Fassungen. Die unten angeführten Übersetzungen sind meiner Feder entsprungen.

Lieblingswörter und -phrasen

Die erste Sache, von der ich finde, dass man sie vermeiden sollte, ist die inflationäre Verwendung von Lieblingswörtern und -phrasen. Das nervt mich als Leser extrem.

Was ich damit meine, kann ich dank Herrn Scott anhand zweier Beispiele sehr einfach illustrieren: Eine seiner Lieblingsphrasen lautet

He/she tilted his/her head to one side.
(Er/sie neigte seinen/ihren Kopf zur Seite.)

und eines seiner Lieblingswörter ist das Wort “terrifying” (erschreckend, Furcht einflößend).

Ich bin mir sicher, dass Scott diese beiden Textelemente – absolut betrachtet – nicht sehr häufig benutzt. Aber sie fallen unangenehm auf. Speziell die Phrase “… tilted his/her head …” kommt viel zu oft vor, wird bei zu vielen Charakteren eingesetzt.

Dazu kommt noch, dass Scott die Wendung recht spät im ersten Band erneut verwendet, um eine wesentliche Figur (Sophie) näher zu beschreiben:

Sophie’s head tilted to one side, a gesture Josh knew well; his sister did it when she was listening intently to someone.
(Sophie neigte ihren Kopf zur Seite, eine Geste, die Josh nur allzu gut kannte; seine Schwester machte das immer, wenn sie jemandem aufmerksam zuhörte.)

Das sticht dann natürlich umso mehr ins Auge: Er will ja einen Charakterzug, ein Erkennungsmerkmal seiner Figur beschreiben. Und zu diesem Zweck auf eine derart verbrauchte Phrase zurückzugreifen, grenzt schon an Ignoranz.

Zu “terrifying”: Interessant, dass Scott so oft extra darauf hinweisen muss, dass etwas Furcht einflößend ist. Es wird terrifyingly gelacht, Figuren sind gern mal terrified und terrifying creatures gibt es ohne Ende – manchmal sogar in zwei Sätzen hintereinander.

Michael Scott hat noch ein paar andere Lieblinge – “He/she was reluctant to use his/her magic” fällt mir noch ein. Oder “… in a long time … a very long time.

Meine Meinung dazu: Man sollte erst gar keine Lieblinge haben. Und wenn doch, dann sollte man sich dessen sehr bewusst sein oder werden und sie eher zurückhaltend einsetzen. Das funktioniert im Englischen sicher genauso gut wie im Deutschen.

Seltsames Verhalten

Die zweite Vermeidbarkeit, die mir bei Scott aufgefallen ist, ist schwerer zu fassen. Man kann darüber diskutieren, das gebe ich an dieser Stelle schon mal zu, und vielleicht werden Sie anderer Meinung sein als ich, wenn Sie Scotts Bücher gelesen haben.

Ich spreche von “Den-Plot-über-das-Verhalten-der-Charaktere-stellen”.

Was meine ich jetzt damit? Nun ja, in Scotts Büchern verhält sich (mindestens) eine Figur ein wenig seltsam. Sie tut Dinge oder lässt sich auf eine Weise beeinflussen, die ich so nicht wirklich erwarten würde. Ich will hier nichts vorwegnehmen, sonst verderbe ich Ihnen noch den Spaß, aber sollten Sie die Bücher irgendwann einmal lesen oder bereits gelesen haben, dann denken Sie doch bitte über die folgende Frage nach: Ist Joshs Verhalten gegenüber Flamel und Dee nachvollziehbar?

Ich finde nicht. Ich glaube (und das ist nur meine Meinung, für die ich keinerlei Bestätigung habe), dass Scott einen ganz bestimmten Plot entworfen hat und die Charaktere diesem unterordnet. Nach dem Motto: Die haben sich gefälligst so zu verhalten, dass ich nicht an meinem Plot herumschrauben muss.

Ist legitim, würde ich sagen; eben eine Methode. Doch a), um noch einmal Stephen King zu bemühen, sollte es wohl mehr um die Story gehen, und nicht so sehr um den Plot. Und b) sollte man die Methode wenigstens so anwenden, dass der Leser nichts davon mitbekommt.

Versöhnung

Wie gesagt, ich will Michael Scott nichts Böses. Im Gegenteil: Ich bin ihm sehr dankbar.

Einerseits hat er mir gezeigt, dass man auch mit nicht ganz so perfekten Texten guten Erfolg haben kann. Ich muss auch sagen, dass mir die Settings, die er gewählt hat, und seine Verwendung von historischen Persönlichkeiten ziemlich gut gefallen.

Andererseits, und das soll die wahre Versöhnung sein, verursachen mir seine Bücher trotz der leichten Defizite einige schöne, entspannende Lesestunden. Und darauf kommt es ja letztendlich an, oder?

Ihr Lapideus

Der nächste Artikel erscheint am 24.10.2012 um 7:15

2 thoughts on “Verzichtbare Lieblinge

  1. Rainer

    Daß mir in diesem Zusammenhang auch gerade Stephen Kings “shithouse rat” einfällt, ist sicher kein Zufall.

    Aber ich mag den Ausdruck, den er in vielen seiner Bücher verwendet so gern wie einen alten Freund. 😉

    Reply
    1. Lapideus Post author

      Lieber Rainer,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, freue mich sehr darüber! Die Scheißhausratte hätte ich beinahe vergessen. Kult. Hab mal gegoogelt und eine Auflistung gefunden: Stephen King-Wiki – Scheishausratte. Dass Hohlbein in einem seiner Romane darauf anspielt, habe ich auch nicht gewusst – finde ich super.

      Aber das Nagetier ist ja schon beinahe ein Markenzeichen, oder? Und unter Garantie bewusst eingesetzt. Bei Scott ist das halt leider nicht der Fall, Kultstatus werden seine Wendungen daher vermutlich nicht erlangen.

      Herzliche Grüße,
      Lapideus

      Reply

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