Wenn der Zweifel an einem nagt

Zweifeln sie an dem, was Sie zu Papier bringen? Keine Angst, das soll kein Motivationsseminar werden. Aber wie lautet Ihre Antwort? Ja oder nein?

Also ich bin bekennender Selbstzweifler. Schon immer gewesen. Zumindest in Bezug auf meine Texte. Ich hadere mit Wörtern, Sätzen, Formulierungen. Überarbeite alles bis zum Abwinken. Habe trotzdem einen Stein im Magen, wenn ich die Ausdrucke meinen Erstlesern in die Hand gebe.

Und dann kommen noch die gut gemeinten, aber unangenehmen Fragen. Dinge werden angesprochen, die man sich beim Schreiben gar nicht überlegt hat. Vielleicht auch nicht überlegen wollte, sei’s aus Faulheit oder aus anderen Gründen.

So entstehen Unmengen von Zweifeln, die an einem nagen wie die Mäuschen am Stromkabel. Schließlich sitzt man spätabends vor seinem Text, allein, stellt sich Grundsatzfragen, und im Nu löst sich sämtliche Kreativität in weißem Rauch auf. Kurzschluss.

Ungleichgültigkeit

Und warum das alles? Weil man der Sache gegenüber nicht gleichgültig ist. Man liebt was man tut, will etwas erschaffen, auf das man stolz sein kann. Man entwickelt eine Leidenschaft, von der man vielleicht gar nicht wusste, dass sie in einem steckt.

In geringer Dosierung sind Zweifel also ganz in Ordnung. Sie sind ein Zeichen der Ungleichgültigkeit. Sie können uns antreiben, können ein Vehikel für Perfektion sein. Sie zeigen einem, dass man weder der kompletten Wurschtigkeit noch der Arroganz anheimgefallen ist.

Nur blockieren dürfen sie einen eben nicht.

Fünf Zweifelbegrenzer

Joseph Grand, eine Figur aus “Die Pest” von Albert Camus, sagt an einer Stelle:

Verstehen Sie recht, Herr Doktor. Allenfalls ist es ja ziemlich leicht, zwischen aber und und zu wählen. Schwieriger wird es schon bei und und dann. Bei dann und darauf nimmt die Schwierigkeit noch zu. Aber am schwierigsten ist mit Sicherheit zu wissen, ob man und schreiben soll oder nicht.

An einer anderen:

Sehen Sie, Herr Doktor, was ich will ist folgendes: am Tag, da das Manuskript zum Verleger kommt, soll der nach dem Lesen aufstehen und zu seinen Mitarbeitern sagen: “Hut ab, meine Herren!”

Grand muss erst an der Pest erkranken und beinahe sterben, damit es mit dem Schreiben wieder einigermaßen vorangeht. Und das muss ja nicht unbedingt sein, oder?

Was also tun, wenn der Zweifel etwas zu eindringlich an die Tür klopft? Hier meine fünfteilige Lösung:

  1. Dem eigenen Gefühl vertrauen. Wenn man sich wirklich (WIRKLICH!) sicher ist, dass der Text gut ist, dann ist er es auch. Punkt.
  2. Die Erstleser sollten Menschen sein, deren Urteil einem wichtig ist.
  3. Kritik niemals persönlich nehmen. Abwägen, ob sie sinnvoll ist oder nicht, ob man sie umsetzt oder nicht: Ja. Aber niemals persönlich nehmen.
  4. Den Text bloß nicht wegschmeißen, wenn man nicht weiterkommt. Drei Wochen warten, dann nochmal versuchen.
  5. Die sprachlichen Kompetenzen ständig ausbauen: Lesen, Schreiben, Nachschlagen.

Falls Sie am Anfang dieses Textes mit “Ja” geantwortet haben, würde mich interessieren, wie Ihre Lösung aussieht. Falls es ein “Nein” war: Ich beneide Sie!

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *